Kommentar: Björn Höcke hat den rechten Ausblick

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Das Zentrum für Politische Schönheit hat Björn Höcke sein eigenes Holocaust-Mahnmal spendiert (Bild: Reuters)

Von seinem Wohnhaus blickt der AfD-Politiker auf ein Stelenfeld – es soll ans Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin erinnern. Einbruch in die Privatsphäre? Nein, der Herr könnte ja noch was lernen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ich habe überhaupt kein Problem damit, Mitgefühl für Björn Höcke zu haben. Ich wüsste bloß nicht, weswegen nun. Dem thüringischen AfD-Fraktionschef geht es vermutlich gut: Die AfD nistet sich im Bundestag ein, träumt von Neuwahlen und der nebelverhangene Herbst lässt gerade Deutschland echt romantisch aussehen.

Warum dann dieses Gejammer um den armen Höcke?

Der Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ ist ein Coup gelungen: Sie hat ein Nachbarhaus zu Höckes angemietet und im Garten klammheimlich ein Stelenfeld errichtet, eine direkte Anlehnung an jenes Mahnmal, über das Höcke in einer sicherlich lang geprobten Rede sagte: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Nun hat Höcke sein Schandmal eben vor der Tür. Der Mensch lernt ja nie aus, vielleicht denkt er, beim morgendlichen Blick übers taubenetzte Feld, ein wenig nach, ob eine Erinnerung an die Ermordung von Millionen Juden, von denen viele übrigens die Nachbarn und Arbeitskollegen – Achtung: Empathieattacke – unserer Großeltern waren, schandhaft ist oder stattdessen die Tat.

Das wird man doch noch sagen dürfen

Jedenfalls hat sich die Aktivistengruppe, die sich einem „aggressiven Humanismus“ verschreibt, den Zorn vieler Feuilletons zugezogen. Tenor: Die Aktion spiele den Rechtspopulisten in die Hände, die sich nun als Opfer eines Gesinnungsterrors stilisieren könnten, das Mahnmal werde „instrumentalisiert“ oder werde zum „Kalauer“. Nun, was die deutsche Politik zwischen 1933 und 1945 angestellt hat, macht mich oft fassungs- und auch sprachlos, dass ein Kalauer durchaus angemessen erscheint: Lachen ist eine passende Antwort auf Grauen.

Die Etepetete-Feuilletonisten finden also, man muss bei der Auseinandersetzung mit dem deutschen Rechtspopulismus strategisch vorgehen, ihm keine Anlässe bieten. Anlässe wofür eigentlich? Die AfD findet verlässlich Wege zur Empörung, da erinnert sie an den Pawlowschen Hund. Ich ziehe den direkten Weg der Umleitung vor. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Höcke morgens tatsächlich der Kaffeebecher aus der Hand fällt, wenn er nun aus dem Fenster schaut; so auf den Leib rücken die Betonstelen nun auch nicht.

AfD-Anhänger protestieren gegen das Mahnmal (Bild: Reuters)

Das Feuilleton reagiert übervorsichtig. Man sollte aber nicht nur über Rechtspopulismus reden, sondern am besten mit ihm. Genau dies tut diese Aktivistengruppe, sie will einen Deal mit ihm. Höcke reagiert übrigens bis jetzt angemessen cool, die AfD heult auch nicht besonders laut herum, eigentlich könnte jetzt Ruhe einkehren im beschaulichen Bornhagen im Eichsfeld. Höcke würde hin und wieder rüberschielen und hoffentlich die eine oder andere Gehirnwelle auf Wanderschaft schicken.

Rote Linien gibt es immer

Nur eines ist übertrieben: Die Überwachung der Familie Höcke mit Kameras geht zu weit. Sie verletzt das Persönlichkeitsrecht. Zwar ist die Botschaft der Aktivistengruppe mit ihrer Ausrufung eines „zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz“ eine klare Anspielung auf das Versagen des Verfassungsschutzes bei der Auseinandersetzung mit Verfassungsfeinden von rechts, aber die Erinnerung an die vertuschte Rolle von Sicherheitsbehörden bei der Mordserie der Naziterrorbande „NSU“ hat nichts auf dem Rücken eines einzelnen Bürgers und derer seiner Familienmitglieder zu suchen.

Vielleicht kommt man in Bornhagen nun ins Gespräch. Höcke könnte einen Spaziergang unternehmen, die Stelen mal aus der Nähe betrachten. Da fiele manchem Feuilletonisten der Kaffee aus der Hand.

Mehr über das Mahnmal für Höcke im Video: