Kommentar: Bayern kriegt schon wieder keinen König

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Markus Söder will Ministerpräsident anstelle des Ministerpräsidenten werden (Bild: AP Photo/Matthias Schrader)

Markus Söder steht kurz vorm Ziel: Er hat gute Chancen auf das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Wäre er ein guter? Da kommen Zweifel auf.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In Bayern wird die CSU unruhig. Nicht, dass sie jemals gemütlich und still auf dem Sofa saß – die CSU als letzte verbliebene Volkspartei ist ein kompliziertes Gebilde mit vielen Verschachtelungen: Irgendwo rumort es immer. Doch nun wird es vernehmlich laut.

Ein neuer Boss soll her. Der alte, Horst Seehofer, muss für seine jahrelangen Alleingänge, seine Pirouetten und für das verkorkste Ergebnis bei der Bundestagswahl den Kopf herhalten, so hört man aus dem Maschinenraum der Partei.

Der Neue erscheint nicht wie ein Hoffnungsträger, dafür ist er zu bekannt: Es ist der unvermeidlich wirkende Markus Söder, bisheriger Finanzminister, früher Generalsekretär, seit gefühlten 40 Jahren Landtagsabgeordneter – ein Gesicht, das man auch jenseits von Bayern kennt.

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Am kommenden Montag also, so hat es die Landtagsfraktion beschlossen, will sie über den Spitzenkandidaten bei der kommenden Landtagswahl im Herbst 2018 abstimmen. Damit will sie einen Punkt setzen hinter einer lang andauernden Debatte, wie und wann Seehofer den Stab an wen überreichen soll. In der Fraktion verfügt Söder über ein Drittel ergebener Anhänger, das andere Drittel steht gegen ihn und der Rest schwimmt mit dem Sieger. Nur macht das Söder-Lager gerade mächtig Dampf.

Fraktion gegen Vorstand

So stellt sich die Fraktion gegen den Parteivorstand, in dem Seehofers Leute dominieren. Seehofer mag Söder nicht, er würde ihn am liebsten als Grußonkel nach NRW verkaufen. Doch der CSU-Chef und Ministerpräsident ist geschwächt, seine Verhinderungsmanöver liefen bisher ins Leere; nur noch wenige Trümpfe hat er auf der Hand.

Seehofer dachte auf Zeit spielen zu können, sich nicht sofort erklären zu müssen – daher verwies er in der vergangenen Woche auf den Parteitag im Dezember, der sich der Frage nach der Vergabe der Spitzenämter widmen soll. Doch Söders Ungeduld und vor allem Angst vor einem Überraschungscoup seiner Gegner sorgen dafür, dass seine Leute jetzt auf eine Entscheidung dringen. Seit Jahren bereitet er sich darauf vor, das Amt des Ministerpräsidenten ist sein Traum.

Nun läuft die Zeit. Bis Montag können noch andere Kandidaten ihren Hut in den Ring werfen. Dass Söder nervös ist, zeigt die Reaktion seines Kettenhundes Ludwig Spaenle auf den Vorschlag der Söder-Rivalin Ilse Aigner, die jüngst eine Urwahl ins Gespräch brachte – er kanzelte sie ab, als wäre sie ein Politlehrling; dabei ist Aigner eine erfahrene und versierte Politikerin, während man bei Kultusminister Spaenle nie wusste, warum er überhaupt diese Aufgabe bekam.

Horst Seehofer ist schwer angeschlagen (Bild: AP Photo/Matthias Schrader)

Aigner und auch Innenminister Joachim Herrmann könnten Söder noch gefährlich werden. Selbst Karl-Theodor zu Guttenberg, in den USA abgetaucht, könnte plötzlich auftauchen. Und auch Seehofer selbst: Bisher hat er seiner Wut über die vergangenen Wochen nicht freien Lauf gelassen. In Berlin rackerte er sich bei den Sondierungen für seine CSU ab, während Söder seine Getreuen sticheln und mäkeln ließ. Söder hat sich bei seinem Weg zur Thronbesteigung ein unwürdiges Schauspiel erlaubt. Sollte Seehofer einmal losbrüllen, könnte jene Stimmung, die gerade nur für Söder als Nachfolger spricht, umschlagen.

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Denn Söder ist nicht unumstritten. Seit Jahren versucht man, ihn sich als „MP“ vorzustellen, und Begeisterungsstürme hat dieser Gedanke auch in der CSU nie ausgelöst. Denn auf eine einzige Frage vermochte Söder bisher nie zu antworten: Was will er mit der Macht, außer dass er sie will?

Söder war immer da. Frischer Geist ist von ihm nicht zu erwarten. Keine Vision.

Söder: Pro & Kontra

Was für ihn spricht: Er ist gut vernetzt, leistet eine unermüdliche und ehrliche Basisarbeit. Er hört Leuten zu. Und ein guter Kontakt ist ihm wichtig, ein menschliches Einverständnis, auch über Parteigrenzen hinweg. Er hat sich hochgearbeitet, mit Fleiß und Intelligenz, aus materiell nicht reichen Familienverhältnissen, mit einer sehr guten Abiturnote. Einem ordentlichen Jura-Studium, gefördert von einer Stiftung und danach angestellt bei einem Lehrstuhl. Söder hat danach Journalismus gelernt, und auch Unternehmenskommunikation praktisch kennengelernt. Dieser Lebensweg ist eine Qualifikation für höhere Aufgaben.

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Was gegen ihn spricht: Ungebändigter Machtwille. Eine dünne Haut. Rasch wittert er Feinde, wo keine sind. Er tritt gegen Andere, wenn es ihm nützt. Und ein echtes Profil, also ein Wertekanon, ist bei ihm nicht erkennbar. Seehofer dagegen hat dies, so wie zuvor seine Vorgänger Günther Beckstein und Edmund Stoiber. Söder hat in den vergangenen Jahren zu viel geredet und zu wenig gesagt. Was will man von solch einem Landesvater hören?

Gut möglich, dass Söder am kommenden Montag kampflos inthronisiert wird. Aber seine Gegner wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt.

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