Kommentar: AfD - Dummhetzen? Machen wir selber!

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Die AfD provoziert gerne mit “Plakaten” im Netz (Bild: Screenshot/Facebook/AfD)

Seit die AfD im Bundestag sitzt möchte man meinen: Die beruhigen sich, ein bisschen. Aber weit gefehlt. Ein Blick auf deren soziale Schlammwerfer zeigt: Die Partei wird immer schriller.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Als vor ein paar Tagen ein junger Syrer sich in einem Berliner Park an einem Pony verging, war das nicht nur ein recht einzigartiger Vorgang selbst für eine Metropole wie Berlin. Der Vorfall geriet auch zum gefundenen Fressen für jene Gegner von Einwanderung, die, um in der Tiersprache zu bleiben, nur mühsam den Schaum vorm Mund unterdrücken.

Zweifellos ein Fall für die Polizei. Die kümmert sich auch jetzt darum, sie ermittelt wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz und Erregung öffentlichen Ärgernisses durch sexuelle Handlungen.

Solche Delikte werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst. Unter “Exhibitionistische Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses” nahm die Polizei deutschlandweit im Jahr 2016 insgesamt 8001 Fälle auf. 2015 waren es 7558 Fälle, im Jahr 2014 genau 7722 Fälle und 2013 schließlich 7521 Fälle. Sowas kommt also leider vor, in steter Konstanz.

Auch die Verstöße gegen das Tierschutzgesetz sind dokumentiert, wahrgenommen wurden im Jahr 2016 insgesamt 6527 Fälle, 2015 waren es 6774 Fälle, 2014 waren es 6719 Fälle und 2013 schließlich 6573 Fälle.

Was die syrischen Geflüchteten angeht, scheinen sie sich in dieser Statistik nicht besonders bemerkbar zu machen.

Woran liegt das wohl? Schaut die Polizei etwa weg, wenn sich ein Araber von hinten ans Pferd schleicht? Sind die Syrer besonders geschickt darin? Oder sind diese polizeilichen Zahlen ein Hinweis darauf, dass sich die seit dem Jahr 2015 massenhaft nach Deutschland Geflüchteten nicht derart an unsere Tiere heranmachen, dass wir nun unsere Ponys straffer am Zügel führen müssten?

Die AfD scheint eine gewisse Aversion gegen Zahlen zu haben. Ihre Kunst, so genannte “Plakate” mit Sprüchen, Fotos oder deren Montagen zu erstellen, hat sie zu wahrer Meisterschaft gebracht. Zum Vorfall im Berliner Park jedenfalls bastelten die Rechtspopulisten folgendes: “Neue Ponys? Machen die selber!” Ein Schelm, wer an die AfD-Plakate aus dem Bundestagswahlkampf denkt, auf denen stand: “Neue Deutsche? Machen wir selber!”

Wie war das nochmal?

Nun frage ich mich, was die AfD sich dabei gedacht hat. Dass für das deutsche Pony an und für sich eine syrische Gefahr droht, verneint die Polizei – der Anlass fällt also weg. Ferner rätsele ich, wie das gehen soll: Ein Pony machen. Okay, die AfD will das Abendland verteidigen und ist, wie Alice Weidel einmal betonte, eine Partei der gebildeten Akademiker, womit die griechischen antiken Sagen im AfD-Kanon einen festen Platz haben werden, insbesondere jene über Minotauros, den Sohn von Kretas Königsgemahlin Pasiphae und einem Stier.

An der Entstehung des Minotauros war der Überlieferung zufolge kein Syrer beteiligt (Bild: Getty Images)

Ich persönlich glaube nicht an den Wahrheitsgehalt dieser Sagen, einen Stiermenschen gibt es nicht. Unsere Babys werden von den Störchen gebracht, das weiß doch jeder.

Gut, nicht jeder muss im Biologieunterricht eine Leuchte gewesen sein, um im Bundestag Verantwortung zu übernehmen. Schließlich geht es in der Politik auch um Marketing, und Sex sells. Kommen Orientalen ins Spiel, dampft es gar in der deutschen Phantasie, da bleibt jedes Schaf vor Ehrfurcht stehen.

Sex mit Tieren, das ist ein berühmter Topos, den sich Westeuropäer über ihre südöstlichen Nachbarn ausgedacht haben. Nicht umsonst bemühte der Satiriker Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, “am liebsten mag er Ziegen ficken”; aber das war ja eine Demonstration, was Satire sei und was nicht, meinte zumindest der Satiriker; also eine Zusammenfassung all dessen, was man nicht sagen solle.

Ist der AfD-Spruch nun auch ein Definitionsversuch von Satire, eine Art ungeschickterweise nicht gekennzeichnetes Schmähverslein?

Aufschluss darüber könnte das Umfeld dieser virtuellen Plakate liefern. Die Kommentare übrigens unter dem Ponygenerierungsauftrag zeigen sich durchweg entrüstet, um es diplomatisch auszudrücken; über den Vorfall, wohlgemerkt.

In Angsthaben die Note 1

Drunter und drüber finde ich dann in den aktuellen AfD-Posts folgendes Mosaik: Eine Islamisierung Europas erkennen die Politaktivisten darin, dass bei einem Fußballspiel ein die einlaufenden Spieler begleitendes Ballmädchen mit Kopftuch drapiert war – nunja. Dass ich in meiner Haribotüte jüngst einen lakritzenen Vampir vorfand, ist nach dieser Lesart auch ein Hinweis auf eine heimliche Machtübernahme Transsylvaniens.

Dann wollen sie “nicht noch mehr Parallelgesellschaften”, wobei ich nach langem Suchen noch immer nicht wirklich auf eine gestoßen bin. Dann wird gefragt, ob der St.-Martins-Umzug genau so weiter heißen soll oder “Lichterfest” – wobei ich, auch mal wieder nach langem Suchen, auf keine Umbenennung gestoßen bin.

Und die Berliner AfD bedauert laut die Absage des Berliner Karnevalsumzugs (zu teuer), um im gleichen Atemzug zu weinen: “…aber dafür bald muslimische Feiertage…” – als wenn Muslime keinen Karneval mitfeiern würden und ein muslimischer Feiertag irgendetwas mit den Kosten für einen Umzug der Funkenmariechen zu tun hätte – aber da sind wir wieder bei Minotauros und den Störchen.

Merke: Gegen Islam und Muslime zu wettern ist echt anstrengend, da muss man über den dümmsten Stock springen, der einem hingehalten wird. Die AfD ist noch nicht flügge geworden. Ihr Einzug in den Bundestag machte sie bisher nicht reifer, überlegter oder vernünftiger. In den sozialen Medien bleibt die AfD mit ihren massenhaften Unwahrheiten ein kleiner Rotzlöffel.

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