Kommentar: "Aber fest draufhauen (Afd)" - Das Erfolgsrezept von Viktor Orbán

Beatrix von Storch versucht hartnäckig, aus der Tragödie von Münster Kapital zu schlagen (Bild: Reuters)

Der ungarische Premier siegt bei den Wahlen haushoch. Was er betreibt, versucht die AfD in Deutschland zu kopieren.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Am Wochenende war Beatrix von Storch voller Zorn. Nicht die Parlamentswahlergebnisse aus Ungarn nagten an ihr, zu denen gratulierte sie dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán brav. An der Maus ist sie auch nicht ausgerutscht, vielmehr bewegte sie sie diesmal voller Kalkül. Da saß jedes Wort.

Es gab am Samstag ein trauriges Ereignis in Deutschland, eine Todesfahrt in Münster, bei der ein Mann seinen Wagen offenbar bewusst in eine Menschenmenge steuerte, zwei Personen tötete und mehrere schwer verletzte. Sich selbst erschoss er mit einer Pistole.

Die Eilmeldungen darüber verbreiteten sich sofort im ganzen Land. Mich schockierte die Brutalität, die unabhängig von den Hintergründen, von Beginn der unsicheren Nachrichtenlage an völlig klar war. Natürlich fragte ich mich, wer derart Schreckliches gemacht haben könnte und dachte sofort – an einen Mann. Natürlich kennt die Geschichte Selbstmordattentäterinnen, aus verschiedenen Richtungen, aber generell scheint diese Art von Gewalt ein männliches Phänomen zu sein.

Ich dachte an die Möglichkeit eines radikalislamischen Hintergrundes, schließlich gab es jüngst entsprechende Terrorfahrten. Ich dachte auch an einen faschistischen Hintergrund, denn die Angriffe von Nazis haben sehr stark zugenommen. Und ich dachte daran, dass ein Mann mit starken psychischen Problemen vielleicht ein letztes Zeichen setzen wollte, welches auch immer.

Was kann man tun?

Während in Münster Ärzte um das Leben überfahrener Menschen kämpften, Polizisten ermittelten und eine Stadt in einen Schock taumelte, ging ich erstmal einkaufen. Was konnte ich anderes tun? Die Ohnmacht bleibt allgegenwärtig.

Beatrix von Storch war währenddessen schon voll in Aktion. So ist es, wenn man wütend ist, da muss immer etwas raus. Um sicherzustellen, dass jeder Honk sie auch versteht, versah sie eine Twitter-Meldung mit einem zornigen roten Emoji. So sollten wir sie uns wohl vorstellen, an diesem Samstagnachmittag. “Wir schaffen das!”, zitierte sie dazu die berühmten Worte Angela Merkels, mit Blick auf ihre Politik der geöffneten Grenzen im Jahr 2015. Sollte heißen: Geflüchtete = Muslime = Terroristen = Anschläge = Münster.

Bald sickerten die ersten Meldungen durch, sie wiesen auf einen weißen Deutschen hin. Von Storch war in Form, sie konterte: “Das muss kein islamischer Anschlag gewesen sein. Klar nicht. Und wenn sich ein deutscher Kranker als Täter herausstellt, dann konstatiere ich: auch von deutschen Mördern und Verrückten haben wir beileibe mehr als genug. Wir brauchen keinen einzigen dazu.”

Klar, konstatieren kann sie. Deutschland ist so voll von kranken Typen, dass die schon Schlange stehen für Amokläufe aller Art. Da braucht man KEINEN EINZIGEN dazu. Womöglich meint sie nach Deutschland Geflüchtete, die sind für sie offenbar das gleiche. Nun ist davon auszugehen, dass sich unter den nach Deutschland geflohenen Menschen auch welche mit schweren Traumata befinden, die krank sind. Aber ALLEN von ihnen zu konstatieren, sie entsprächen jemandem, der wissentlich andere mit in seinen Tod nimmt, erscheint mir, ehrlich gesagt, ein klein wenig übertrieben.

Die Amokfahrt von Münster wirft immer noch viele Fragen auf (Bild: Reuters)

Zum Glück twitterte sie wenig später: “Entwarnung. Alles wird gut. Wir haben keine Probleme mit islamischen Terror und 700 Gefährdern. Alles aufgebauscht. Jeder Verdacht die pure Hetze. An den Haaren herbeigezogen. Weil es diesmal (wohl) ein kranker Deutscher war.”

Dafür war ich von Storch echt dankbar, alles wird gut. Zuerst verstand ich nicht, dass sie ihre Worte ironisch meinte. Sie ist halt ständig in Alarmzustand, und wir Deppen hören einfach nicht auf die Prophetin aus der Berliner Wüste. Ihr dritter Tweet in Sachen Münster hieß dann: “Ein Nachahmer islamischen Terrors schlägt zu.” Klar, das war knallhart konstatiert.

Der Typ, der in London in eine Menschenmenge vor einer Moschee fuhr, oder der Nazi, der im amerikanischen Charlottesville Gas gab – alles Nachahmer. Die Muslime haben nämlich das Auto erfunden, von wegen Made in Germany. Denn durch die Zeilen schimmert von Storchs Motiv durch, uns warnen zu wollen. Also, wenn sie uns warnen will, kann sie jeden Blödsinn damit rechtfertigen, auch jeden an den Haaren herbeigezogenen.

Darum geht’s

Am Sonntag schließlich dämmerte mir schließlich, was von Storch uns tatsächlich mit ihrer Prophetie sagen wollte. Die ersten Wahlergebnisse aus Ungarn trudelten über die Bildschirme, und Orbán präsentierte sich als Sieger. Der Wahlkampf in Ungarn kannte bei seiner Partei nur ein Thema: Die Furcht vor Geflüchteten. Da wurde eine Gefahr an die Wand gemalt, die es nicht gibt. Auf Plakaten, in Spots, in den Sozialen Medien sowieso, aber auch in den kontrollierten Medien (denn darin sind Rechtspopulisten, die gern gegen Medien schimpfen, sehr gut), überall fürchtete man sich ganz herrlich vor Heerscharen von Muslimen, die angeblich unbedingt nur das berühmte ungarische Gulasch essen wollten, auf Kosten des ungarischen Steuerzahlers und seiner Seele.

Ich möchte an dieser Stelle nicht arrogant wirken und mir daher keine Gedanken machen, ob die Ungarn nicht auch reale Probleme haben, die sie von der Politik gelöst haben wollen, aber vielleicht sind die Ungarn, abgesehen von einer Fremdenparanoia, glücklich und zufrieden. Zu konstatieren ist jedenfalls, dass Orbáns Kampagne Erfolg zeigte. Jede Lüge, jede Falschnachricht wurde wieder und wieder wiederholt, bis sie sich festsetzte. Orbán beherrscht seine Mantras. Stur ist er auch.

Viktor Orbán ist für viele Populisten das große Vorbild (Bild: Reuters)

Und nun verstand ich, warum von Storch derart hartnäckig und wider jeden Verstand ihre Botschaft von ANGRIFF und ISLAM wiederholte. Nicht der Inhalt war wichtig, seine Faktenfreiheit stand fest. Nein, die Botschaft musste lediglich transportiert werden. Am Ende wird mancher Leser vielleicht tatsächlich fragen: In Münster, das waren doch die Muslime, oder?

Die Strategie der AfD spiegelt sich in ihrem Akronym wider: Aber feste druff, würde der Berliner sagen. Dann wird schon was hängen bleiben.

Da hilft nur stures Gegenhalten, gern auch mit Witz. Und sich immer fragen, welche krude Logik sich hinter den “Verstehern” verbirgt, die immer sofort eine Antwort parat haben. Die eben nicht erstmal einkaufen gehen. Auch manche Journalisten gehen dem zuweilen auf den Leim.

Die Korrespondentin der italienischen Tageszeitung “Repubblica”, ein angesehenes Blatt, faselte schon am Samstagnachmittag, dass es “vielleicht” einen islamischen Anschlag in Münster gegeben haben könne. Ihre Erklärung: Münster sei eine katholische Enklave, die Wahl des Ortes symbolisch für das Christentum. Bei derartiger Berichterstattung, liebe Kollegen, bleibt wirklich immer etwas hängen. Bin dann mal shoppen.