Kofferraum als Packstation


„Warum stehe ich an einem Samstagnachmittag in einer völlig überfüllten Filiale eines großen Paketdienstleisters, anstatt entspannt mit einem Glas Bier in der Sonne zu sitzen?“ Diese Frage habe sich bestimmt schon jeder einmal gestellt, behauptet Nils Fischer, CEO des Start-ups Liefery, in einem Youtube-Video über sein Unternehmen. Das Start-up will die Auslieferungen von Paketsendungen erleichtern.

„Kunden sind häufig enttäuscht von der Logistik“, sagt Fischer. Diese Unzufriedenheit falle nicht nur auf die Lieferdienste zurück, sondern auch auf die Händler. Das belegen auch die Ergebnisse der Studie „State of E-Commerce Delivery“ von MetaPack: 39 Prozent von rund 3500 befragten Verbrauchern – darunter über 500 aus Deutschland – würden nach einem negativen Liefererlebnis nie mehr bei dem entsprechenden Onlinehändler einkaufen. Händler tun darum gut daran, zügig und zuverlässig auszuliefern. Dabei will Liefery helfen.

Zum Angebot des 2014 gegründeten Unternehmens gehört die Zustellung von Paketen am gleichen Tag, selbst wenn der Händler nicht lokal über die Waren verfügt. Liefery schickt außerdem Pakete über Nacht los, damit diese am nächsten Tag in einem vom Kunden festgelegten Zeitfenster ankommen. „Die Lieferung muss sich dem Kunden anpassen, nicht andersherum“, findet Fischer.

Eine sehr schnelle Lieferung liege dabei gar nicht mehr so im Trend, wie der CEO betont: „Wichtiger ist es dem Kunden, dass das Paket ankommt, wenn er es auch annehmen kann.“ Nicht nur für die Endkunden ist es ärgerlich, wenn ihr Paket wieder mit zurückgenommen wird, weil es niemand annehmen konnte. Bei der doppelten Menge an täglich auszuliefernden Paketen wie im Rest des Jahres, würden besonders in der Vorweihnachtszeit auch die Kuriere und andere Verkehrsteilnehmer von einer erfolgreichen Erstauslieferung profitieren. Ein Weg: Die Paketzustellung in den Kofferraum.


Bereits 2016 hatte Smart mit DHL eine Testphase in Stuttgart gestartet und diese schließlich auf Köln, Bonn und Berlin ausgeweitet. DHL-Boten liefern die Pakete nachts in den Kofferraum des Autos, nachdem der Kunde diese Versandart ausgewählt hatte. Das Auto muss hierfür in einem engen Radius um die Heimatadresse des Kunden geparkt sein. Dieser kann den Dienst allerdings nur bei Händlern anfordern, die mit DHL zusammen arbeiten. „In Kundengesprächen kam dabei heraus, dass das Konzept noch nicht flexibel genug ist“, sagt Fischer.

Smart suchte sich deshalb für die Weiterentwicklung des Projekts „smart ready to drop“ Liefery aus, eine seit 2015 zu Hermes gehörende Technologie- und Serviceplattform für Same Day und Express Delivery. Das Berliner Unternehmen hat sich zur Aufgabe gemacht, mit innovativen Servicekonzepten und intelligenten Algorithmen den Online-Handel zu revolutionieren. Letzte Woche startete das mehrmonatige Pilotprojekt in Hamburg.


Amazon treibt den Markt an

Möglich macht die Bestellung ins Auto eine von Smart entwickelte App. Hamburger Smart-Fahrer bestellen ein Produkt und geben als Lieferadresse die des Smart Hubs – eine Art Zwischenlager – in Hamburg und ihre individuelle Kofferraumnummer an. Hier warten die Liefery-Kuriere – insgesamt fahren 4.500 Zusteller für das Start-up –, die die Pakete zum Smart des Kunden bringen. Wo der Wagen im Stadtgebiet steht, spielt dabei keine Rolle. „Wir liefern auch auf den Parkplatz des Fitnessstudios“, sagt Fischer.


Damit der Paketlieferant Zugang zum Kofferraum hat, ist eine sogenannte Connectivity Box. In den neuen Smart-Modellen ist sie bereits integriert, ältere Fahrzeuge müssen bei Bedarf nachgerüstet werden. Sie ermöglicht dem Kurier ein einmaliges schlüsselloses Öffnen. Hierfür hat der Kunde zuvor eine TAN festgelegt. Auch die Uhrzeit entscheidet der Kunde eigenständig: „Er kann nicht nur ein Datum, sondern auch zwischen drei Zeitfenstern wählen, wann es ihm am besten passt“, erklärt Fischer.

Doch der individuelle Service kostet: Laut Liefery beträgt der Preis für den Endkunden bei Feierabend-Lieferungen zwischen 18 und 22 Uhr vier bis sieben Euro, Sofortlieferungen kosten bis zu 12 Euro extra. Es kann aber auch gratis sein: „Das liegt im Ermessen der Händler“, erklärt Fischer. Sie bezahlen den Service des B2B-Unternehmens Liefery und entscheiden selbst, welchen Anteil sie an den Kunden weitergeben. Laut einer McKinsey-Studie sind über die Hälfte der Verbraucher bereit, für eine schnelle und individuelle Lieferung einen Aufpreis zu bezahlen.

Auch Internetriesen wie Amazon experimentieren mit neuen Lieferkonzepten: Zuletzt startete der amerikanische Online-Handelsriese eine Testphase mit einem intelligenten Türschloss. Dieses gewährt Kurieren Einlass in Wohnungen, um Pakete trotz Abwesenheit der Kunden in ihr Zuhause zu liefern. „Amazon Key bringt den Kunden Seelenfrieden, denn sie wissen, dass ihre Bestellungen sicher in ihr Heim geliefert werden und auf sie warten, wenn sie über die Türschwelle treten“, warb Amazon-Manager Peter Larsen in einer Mitteilung des Konzerns. Ob die Kunden wirklich jedem Paketlieferanten beruhigt Eintritt in die eigene Wohnung gewähren, verrät der Manager nicht.

Auch den Zugang zum Auto wollen nicht alle gewähren: Sicherheitsbedenken seien ein wichtiger Punkt, gesteht auch Liefery-Gründer Fischer. „Diejenigen, die es bereits ausprobiert haben, sind aber voll zufrieden mit dem Service“, sagt er.


Obwohl Amazon einer der größten Konkurrenten von Liefery sein dürfte, profitieren die Unternehmen voneinander. Einerseits ist der US-Konzern selbst Kunde des Berliner Start-ups, andererseits sorge er auch für ein wachsendes Interesse auf Seiten der Händler und Endverbraucher: „Amazon gilt in der Branche der Express-Lieferungen als starker Markttreiber.“ Mit seinen Angeboten sensibilisiert das Unternehmen Kunden für die Möglichkeiten des passgenauen Versands. Und das ist nötig.

Denn je mehr Flexibilität der Kunde einfordert, desto schwerer ist es für Liefery, effizient zu wirtschaften. Trotz Routenoptimierung und teilweise Auslieferungen mit dem Rad rechnet sich das Geschäft noch nicht. Fischer und seine Kollegen sind aber optimistisch, dass das Thema an Bedeutung gewinnt, Händler den Ideen von Amazon nacheifern und mehr Kunden die Annehmlichkeiten zu schätzen wissen werden.

Seinen Umsatz hat das Start-up trotzdem im letzten Jahr verzehnfacht, innerhalb der nächsten zwei Jahre wollen die Berliner schwarze Zahlen schreiben. Mit einer Rate von nach eigenen Angaben 98,5 Prozent erfolgreicher Erstzustellungen, schneidet das Start-up heute besser ab als DHL, DPD oder UPS. Und auch die Zahl der versendeten Paketen wächst.