"Kobane Calling": Liebeserklärung an eine Revolution

Mit offenen Augen durch Kurdistan: Selbstporträt alcares auf dem Cover von “Kobane Calling” (Bild: Avant-Verlag)

In den Nachrichten erreichen uns aus Syrien immer die gleichen Bilder: Verwüstete Städte, Staub, verwildert aussehende Kämpfer in Tarnfleck. Bilder, an die wir uns sechseinhalb Jahre nach Kriegsausbruch längst gewöhnt haben, die das Geschehen zuverlässig ins alltägliche Hintergrundrauschen einordnen. Alternative Perspektiven auf den Bürgerkrieg sind rar – umso wertvoller sind da unkonventionelle Beiträge wie “Kobane Calling” von Zerocalcare.

Das fängt schon mit dem Format an, denn der italienische Comic-Blogger, der bürgerlich Michele Rech heißt, legt eine Reportage als Graphic Novel vor. Und auch sein Thema wird in den Medien zumeist stiefmütterlich behandelt: Der Versuch der Kurden, mitten im Krieg im Norden Syriens ein basisdemokratisches Gesellschaftsmodell zu etablieren.

(Bild: Avant-Verlag)

Zerocalcare verarbeitet in “Kobane Calling” zwei Reisen in die Region. Die erste führt ihn im November 2014 als Teil einer Helfergruppe in einen türkischen Grenzort ganz in der Nähe des damals erbittert umkämpften Kobane, von wo er zutiefst beeindruckt vom Widerstandsgeist der Kurden zurückkehrt.

Im Juli 2015 geht es dann über den Irak nach Rojava (Westkurdistan bzw. Nordsyrien) selbst, wo Zerocalcare der Revolution dann doch etwas genauer auf den Zahn fühlen will: Wie sieht es mit den Zielen der kurdischen Bewegung, die sich Pluralismus, Frauenrechte und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat, in der Praxis aus? Halten die Ideale dem andauernden Kriegszustand stand? Wie gestaltet sich das Zusammenleben mit anderen Volksgruppen?

(Bild: Avant-Verlag)

Während Zerocalcares Comic-Alter-Ego nach Antworten sucht, zieht der Künstler alle Register der Comic-Erzählkunst. Zwar werden die meisten Protagonisten stilisiert aber noch einigermaßen lebensnah porträtiert, einige Figuren erscheinen jedoch im archetypischen Cartoonstil als Tierwesen – etwa Calcares Eltern, die als Henne und Erpel dargestellt werden. Gedankengänge des Autors werden oftmals im Dialog mit imaginären Begleitern – darunter ein Mammut und ein Gürteltier – ausgeführt, und dämonische Fratzen symbolisieren immer wieder die abstrakte und doch allzu gegenwärtige Bedrohung durch den IS.

Trotz der teils bedrückenden Erlebnisse bleibt Calcare über weite Strecken bei einem humorvollen Erzählstil, der mit allerlei popkulturellen Referenzen (die leider oftmals nur ein Italiener versteht) und einer ordentlichen Portion Selbstironie gespickt ist. So verarbeitet er etwa seine eigenen Anpassungsschwierigkeiten, indem er sich konsequent über sein Hadern mit den kurdischen Frühstücksgewohnheiten (Linsen oder Ziegenkäse mit Oliven) lustig macht.

(Bild: Avant-Verlag)

Manchmal geht es aber auch richtig ans Eingemachte, wenn Calcare etwa einen Friedhof der Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ besucht, oder wenn er die Kurden in schwarz umrahmten Einschüben selbst zu Wort kommen lässt: Sie alle berichten von traumatischen Erfahrungen und brutaler Gewalt, die sie erlitten haben – und das längst nicht nur durch den Islamischen Staat, sondern etwa auch durch das Saddam-Regime im Irak oder die aktuelle türkische Regierung.

Calcare sieht sich auf seiner Reise durch den Idealismus und die Opferbereitschaft der kurdischen Aktivisten immer wieder in seinem Glauben an Rojava bestätigt. “Kobane Calling” ist somit nicht nur ein unkonventionelles journalistisches Experiment, sondern auch eine berührende Liebeserklärung an die Revolution mit ihren Triumphen und Tragödien.

(Bild: Avant-Verlag)

Schließlich bietet sich Calcare überraschend die Gelegenheit, durch einen soeben gesicherten Korridor nach Kobane selbst zu reisen. Die Stadt präsentiert sich dem Zeichner als Trümmerfeld, das von Verwesungsgeruch durchzogen wird – ein Mahnmal der Schande für die Weltgemeinschaft, die den IS zu lange gewähren ließ.

(Bild: Avant-Verlag)

An diesem Punkt der Erzählung schlägt Zerocalcare den Bogen zu Zusammenhängen, die in der westlichen Syrien-Berichterstattung besonders gerne unter den Tisch fallen: Die türkischen Machtspiele in der Region, der andauernde Krieg mit der PKK und die seit einigen Jahren wieder eskalierende Gewalt in den kurdischen Gebieten der Türkei. Die Reportage wird hier endgültig zum Appell, denn Zerocalcares Urteil fällt eindeutig aus: Wenn der Westen hier weiter wegschaut, macht er sich ebenso schuldig wie bei der Belagerung von Kobane.

(Zerocalcare: “Kobane Calling”, übersetzt von Carola Köhler. Avant-Verlag, Berlin 2017, 272 Seiten, 24,95 Euro)