Die Kluft zwischen Überfliegern und Verlierern wächst


Die europäischen Börsen haben sich am Donnerstagnachmittag nach der Zinsentscheidung der Federal Reserve am Vorabend zumeist wenig verändert gezeigt. An Wall Street zogen die Aktienindizes im frühen Geschäft hingegen etwas an. Für den Dax ging es nach einer Reihe enttäuschender Quartalszahlen hingegen vergleichsweise deutlich nach unten. Der Euro zeigte sich zum Greenback weiter fest und notierte mit 1,1777 Dollar in der Spitze so hoch wie seit dem 15. Januar 2015 nicht mehr.

Für die Renditen der Staatsanleihen ging es kräftig nach unten, weshalb an den Börsen in Europa vor allem die zinssensitiven Immobilienwerte sowie die als Anleihenersatz geltenden Werte aus dem Telekommunikationssektor gefragt waren. Der Index der Nahrungsmittel- und Getränkehersteller profitierte von starken Quartalszahlen von Diageo Plc. und Anheuser-Busch InBev NV.

Am Mittwochabend hatte die US-Notenbank wie erwartet das Zielband für den Leitzins im Bereich von 1,00 Prozent bis 1,25 Prozent belassen. Wesentliche Veränderungen gab es auch im die Entscheidung begleitenden Kommunikee nicht. Allerdings hätten die Marktteilnehmer die etwas negativer dargestellte Inflationsentwicklung als fehlendes Signal für einen baldigen Zinsschritt gewertet und entsprechend gehandelt, schrieb Helaba-Volkswirt Ralf Umlauf in einem Kommentar.

Das Kommunikee der US-Notenbank scheine eher der Auslöser als die Ursache für die Dollar-Schwäche gewesen zu sein, merkte hingegen Ulrich Leuchtmann, Devisenanalyst bei der Commerzbank, an. Die Ursache liege vielmehr bei der Federal Reserve selbst. Früher hätten die Finanzmärkte weltweit vor einer Greenspan-Rede gezittert, heute glaube der Markt der US-Notenbank kein Wort mehr. "Es ist schon beeindruckend, wie sich eine Zentralbank in nicht einmal zehn Jahren selbst demontieren kann."


Auch die Deutsche Bank musste herbe Verluste verkraften: Die Kurse brachen zwischenzeitlich um 3,61 Prozent nach enttäuschenden Quartalszahlen ein. Zwar konnte die Bank einen weiteren Verlust von Marktanteilen verhindern, wirklich vom Fleck kam sie im operativen Geschäft aber auch nicht. Stattdessen brachen das wichtige Handelsgeschäft, das Firmenkunden- und das Investmentbanking ein.

Der Chemiekonzern BASF meldete erneut einen Gewinnsprung und hob seine Prognosen an. Die Papiere fielen aber aufgrund von erwarteten Gewinnmitnahmen um 1,8 Prozent. Der Agrarchemie- und Pharmahersteller Bayer musste seine Prognose nach dem zweiten Quartal senken. Schuld waren Probleme im Pflanzenschutzgeschäft. Die Anteile verloren 2,8 Prozent. Zudem verbilligten sich die Volkswagen-Vorzüge nach Zahlen um 1,2 Prozent.


Auf der anderen Seite des Spektrums gab es erstaunlich gute Zahlen: Die Allianz hatte bereits am späten Vorabend überraschend Quartalszahlen veröffentlicht und sich für das Gesamtjahr optimistisch gezeigt. Die Aktien der Münchener legten an der Dax-Spitze um knapp 2 Prozent zu.

Auch die Deutsche Telekom notierte zwischenzeitlich mit über 1,5 Prozent im Plus und entwickelten sich dynamisch. Mit ihr lieferten sich die Papiere des Immobilienkonzerns Vonovia ein Kopf-an-Kopf-Rennen an der Dax-Spitze. Vonovia notierten zwischenzeitlich 1,5 Prozent höher.

Auch abseits des Leitindex spielten sich einige Dramen ab. Im MDax landeten die Anteile von Airbus am Index-Ende mit minus 3,5 Prozent. Fehlende Bestellungen für den Riesenjet A380 und Rückgänge bei Umsatz und Gewinn hatten die Anleger verstimmt. Am Ende des TecDax ließen die Papiere von Dialog Semiconductor nach Quartalszahlen mit minus 3,1 Prozent deutlich Federn.


Der Handel mit größeren Werten aus der Euro-Zone stand unter positiveren Vorzeichen: So machte der weltgrößte Bier-Produzent Anheuser-Busch InBev den Investoren mit einem fast zwölfprozentigen Gewinnplus Kauflaune. Die Aktien stiegen um fünf Prozent und lagen an der Spitze des EuroStoxx50. Auch der weltgrößte Joghurt-Hersteller Danone konnte mit einem Gewinnanstieg im ersten Halbjahr punkten: Die Aktien kletterten hier um zwei Prozent und zählten im EuroStoxx50 ebenso zu den Favoriten wie Telefonica mit einem Plus von über drei Prozent. Die Spanier hoben trotz einer Schwäche auf ihrem Heimatmarkt die Umsatzprognose an.

Lange Gesichter gab es dagegen in London: Dort stürzten die Aktien von AstraZeneca um über 15 Prozent ab. Der Pharmakonzern hat die Anleger mit einem Rückschlag in der Medikamentenentwicklung für Lungenkrebspatienten schockiert. Im Sinkflug waren auch die in Paris und Frankfurt gelisteten Titel von Airbus mit einem Abschlag von über 3,5 Prozent. Der Flugzeugbauer bekommt Probleme mit einigen Triebwerken nicht in den Griff.

Neben heimischen Firmen öffnen heute auch die französische Puma-Mutter Kering oder der kanadische K&S-Rivale Potash ihre Bücher. In den USA stehen nach dortigem Handelsschluss unter anderem die Bilanzen von Amazon oder Intel an.



Starker Euro belastet


Der starke Euro hat am Donnerstag den deutschen Aktienmarkt eher belastet. Der Euro war im asiatischen Handel in Richtung 1,18 US-Dollar gestiegen. So hoch wurde die Gemeinschaftswährung seit Anfang 2015 nicht mehr bewertet. Zuletzt kostete sie 1,1724 Dollar. Ein starker Euro kann die Exportchancen deutscher Unternehmen trüben, weil sich auf dem Weltmarkt die Produkte europäischer Hersteller verteuern. Grund für den im Gegenzug zum Euro abwertenden US-Dollar ist die Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Diese ließ wie erwartet die Zinsen unverändert und dürfte im Herbst mit dem Abbau der durch die Anleihekäufe aufgeblähten Bilanz beginnen.


Die US-Notenbanker seien deutlich vorsichtiger gewesen, begründete Analyst Milan Cutkovic vom Broker Axitrader die Euro-Kursentwicklung. „Für die Anleger ist es nun fraglich, ob es in diesem Jahr überhaupt noch zu einer Zinserhöhung kommt.“

Von seinem Rekordhoch bei 12 951 Punkten vor gut fünf Wochen ist der Dax inzwischen fast 700 Punkte entfernt. Der MDax für die mittelgroßen Werte notierte am Donnerstag zuletzt prozentual unverändert bei 24.928 Punkten. Der Technologiewerte-Index TecDax stand 0,10 Prozent tiefer bei 2276 Zählern. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 stieg indes um 0,24 Prozent. Am Mittwoch hatte der deutsche Leitindex noch 0,3 Prozent auf 12.305,11 Punkte zugelegt.


An der Wall Street hatten die großen Indizes am Mittwoch nach Handelsschluss in Europa ihre Gewinne behauptet: Der Dow-Jones-Index war mit einem Plus von 0,5 Prozent aus dem Handel gegangen, während der S&P500-Index und der Nasdaq-Composite kaum verändert geschlossen hatten. In Fernost tendierten die Börsen am Donnerstag uneinheitlich: In Tokio lag der Nikkei-Index 0,4 Prozent höher. Die Shanghaier Börse tendierte dagegen leichter.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur EZB

Sind Vorwürfe gegen die EZB berechtigt?

Die Finanzkrise und ihre Folgen haben Europas Währungshüter kreativ werden lassen. Eine Rückkehr zu einer Standard-Geldpolitik ist bislang nicht in Sicht. Vielstimmig ist auch der Chor der Kritiker.

Quelle: Friederike Marx und Jörn Bender, dpa

Kritik an den Währungshütern kommt aus den unterschiedlichsten Richtungen

Nullzins, Strafzins, Anleihekäufe - mit ihrem expansiven geldpolitischen Kurs hat sich die Europäische Zentralbank in den vergangenen Jahren nicht nur Freunde gemacht.

AUSSAGE: Die EZB-hält den Euro-Kurs künstlich niedrig, davon profitiert vor allem der deutsche Export (Quelle: US-Regierung).

BEWERTUNG: Falsch.

FAKTEN: Der Wechselkurs ist ausdrücklich kein Ziel der EZB-Politik. "Wir sind keine Währungsmanipulatoren", betont EZB-Präsident Mario Draghi. Getrieben wird die Entwicklung an den Devisenmärkten unter anderem von der unterschiedlichen Zinsentwicklung in den USA und im Euroraum. Angesichts steigender Zinsen in den Vereinigten Staaten ist es für Investoren lukrativer, Geld in Dollar anzulegen als in Euro. Das stärkt den Greenback und schwächt die europäische Gemeinschaftswährung. Zudem hoffen viele Anleger, dass US-Präsident Donald Trump wie angekündigt Steuern senken und Milliarden in die Infrastruktur stecken wird. Die Aussicht auf neuen Schwung für die US-Wirtschaft stärkte seit Trumps Wahl den Dollar. Trump räumte zuletzt ein, er sei teilweise selbst Schuld an der Dollar-Stärke, die Leute hätten Vertrauen in ihn. Direkt am Devisenmarkt hatte die EZB zuletzt gemeinsam mit anderen großen Notenbanken im März 2011 interveniert, um den Höhenflug des japanischen Yen zu bremsen.

AUSSAGE: Mit einem Zinstief enteignet die EZB die Sparer (Quelle: u.a. Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU)).

BEWERTUNG: Teilweise richtig.

FAKTEN: Sparbuch und Co. werfen wegen der Niedrigzinsen kaum noch etwas ab. Solange die Teuerungsrate nahe der Nulllinie dümpelte, glich sich das in etwa aus. Doch zuletzt zog die Inflation wieder an, sodass Sparer sogar Geld verlieren können. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann macht sich dennoch für eine ausgewogene Sicht stark: "Wir alle sind nicht nur Sparer, sondern auch Arbeitnehmer, Häuslebauer, Steuerzahler und Unternehmer - und aus dieser Perspektive erscheinen die niedrigen Zinsen nicht nur negativ."

AUSSAGE: Die EZB wird von den südeuropäischen Staaten dominiert (Quelle: AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel).

BEWERTUNG: Falsch.

FAKTEN: Im obersten Entscheidungsgremium der Notenbank, dem EZB-Rat, haben alle 19 Euroländer eine gleichwertige Stimme - unabhängig vom Gewicht der jeweiligen Volkswirtschaften. Insgesamt hat das Gremium 25 Mitglieder: Die 19 Chefs der nationalen Notenbanken plus die 6 Mitglieder des Direktoriums um EZB-Präsident Draghi. 8 der 25 Mitglieder im EZB-Rat kommen aus Südeuropa. Entscheidungen trifft das Gremium in der Regel mit einfacher Mehrheit. Die EZB ist nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank politisch unabhängig. Ihr vorrangiges Ziel ist es, Preisstabilität im gemeinsamen Währungsraum zu gewährleisten - das bedeutet nach ihrem eigenen Verständnis eine jährliche Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent.

AUSSAGE: Mit ihren milliardenschweren Anleihekäufen finanziert die EZB verbotenerweise klamme Staaten (Quelle: deutsche Volkswirte).

BEWERTUNG: Unklar.

FAKTEN: Die EZB darf nach ihren Statuten bereits im Umlauf befindliche Staatsanleihen erwerben - also etwa von Banken oder anderen Investoren wie Versicherungen oder Hedgefonds. Seit März 2015 kauft die Notenbank im Kampf gegen Konjunkturschwäche und geringe Inflation jeden Monat für Milliarden solche Wertpapiere. Um nicht in den Verdacht der Staatsfinanzierung zu geraten, hat sich die EZB auferlegt, höchstens 33 Prozent der Staatsanleihen eines Eurolandes bzw. eines einzelnen Wertpapiers zu kaufen. Das besänftigt die Kritiker jedoch nicht. Die Notenbanken der Eurostaaten, über die die EZB-Käufe abgewickelt werden, seien durch die laufenden Anleihekäufe zum größten Gläubiger der Staaten des Eurosystems geworden, warnte Bundesbank-Präsident Weidmann schon Anfang 2016. Das mindere den Reformdruck in den Regierungszentralen. "Notenbankhandeln wird als Lösung für alle möglichen Probleme gesehen, die weit über die Geldpolitik hinausgehen", sagte Weidmann in einem Interview.

AUSSAGE: Mit ihre ultralockeren Geldpolitik gräbt die EZB den Banken das Wasser ab (Quelle: diverse Banken).

BEWERTUNG: Teilweise richtig.

FAKTEN: Lange verdienten Banken gut daran, dass sie mehr Zinsen für Kredite kassierten, als sie Sparkunden zahlten. Doch die Differenz aus beidem, der Zinsüberschuss, schrumpft wegen der Zinsflaute. Die Folge: Banken und Sparkassen brechen die Erträge weg. Zudem müssen sie Strafzinsen von 0,4 Prozent zahlen, wenn sie Geld über Nacht bei der EZB parken. Zugleich unterstützt die EZB allerdings Banken mit Langfristkrediten zu Mini-Zinsen. Von Juni 2016 bis März 2017 legte die Notenbank ein neues Programm mit vierjährigen Krediten auf. "Niedrige oder negative Zinssätze können nicht per se für niedrige Profitabilität verantwortlich gemacht werden", argumentiert EZB-Vizepräsident VÁ­tor ConstÁ¢ncio. Europas Banken müssten ihre Geschäftsmodelle anpassen, um ihre Geschäftsaussichten zu verbessern.