Darum ist Klopps Liverpool reif für den großen Coup

Martin Hoffmann

Jürgen Klopp liebt die Underdog-Rolle. Und er liebt es, sie zu zelebrieren.

Als er noch bei Borussia Dortmund war, verglich er sein Team einmal mit Robin Hood, der mit Pfeil und Bogen gegen das Establishment kämpft. Gegen den FC Bayern mit seiner "Bazooka", die Klopp dem Rivalen nicht ganz getreu der Original-Sage andichtete.

Nun, nach dem Einzug des FC Liverpool in das Finale der Champions League gegen Real Madrid, erzählt Klopp mit anderen Worten eine ganz ähnliche Geschichte.

"Man kann in diesem Wettbewerb nicht erfahrener sein als Real Madrid", sagte Klopp nach dem 2:4 beim AS Rom, das dank des 5:2-Siegs im Hinspiel zum Weiterkommen reichte.

Drei Champions-League-Triumphe in den vergangenen vier Jahren, rund 80 Prozent der Real-Spieler hätten sie alle mitgemacht – entsprechend schwer wäre die Aufgabe. Aber eben doch nicht unmöglich: "Real hat die Erfahrung, aber wir werden wirklich 'on fire' sein!"

Die haben die Bazooka, wir Pfeil und Bogen. Die haben die Erfahrung, wir das Feuer. Die sind größer, wir sind geiler.


Klopp impft seinen Teams gern solche Botschaften ein, sie passen zu ihm, zu seiner Art, den Fußball zu sehen und zu spielen. Vor dem Endspiel in Kiew am 26. Mai ist die alles entscheidende Frage nur: Ist Klopps Liverpool wirklich geil genug, um Real von Europas Thron zu schießen?

Liverpool hat die beste Offensive

An sich scheint der große Coup greifbar nahe: Ähnlich wie beim BVB hat es Klopp in seinen bald drei Jahren in Liverpool geschafft, eine Mannschaft aufzubauen, die seine Philosophie verinnerlicht hat und in der Lage ist, jedes Team zu schlagen.

Auch für einen Sieg gegen das Über-Team Real, das sich schon im Rückspiel gegen den FC Bayern verwundbar gezeigt hat, muss die mannschaftliche und individuelle Qualität der "Reds" reichen.


Zumal Klopps offensive High-Tech-Pfeile Roberto Firmino (10 Tore), Sadio Mane (9) und Mohamed Salah (10) in dieser Champions-League-Saison zusammen auch häufiger ins Ziel trafen Reals Sturm-Bazooka Cristiano Ronaldo (15).

Für Klopp persönlich ist Real außerdem kein Angstgegner: Von sechs Champions-League-Duellen mit den Madrilenen gewann er mit Dortmund drei (zwei Niederlagen, ein Remis).

Klopp-Stil hat eine Kehrseite

Die andere Sache ist nur eben die, dass nicht nur Real im Halbfinale Verwundbarkeit offenbarte. Liverpool passierten am Ende beider Spiele gegen Rom Einbrüche, die es sich gegen Real kaum erlauben können wird.

Es ist die Kehrseite des körperlich anspruchsvollen Pressing-Fußballs: Es ist ein Risiko-Stil, der Klopp immer wieder weit gebracht hat – aber nicht immer über die Ziellinie.

Von sechs nationalen und internationalen Finalspielen, in denen Klopp bisher stand, verlor er fünf, darunter das Europa-League-Endspiel 2016 gegen Sevilla und bekanntlich auch das Wembley-Duell mit den Bayern 2013.

Die Chance kommt vielleicht nie wieder

Klopp wird diese große Gelegenheit nicht an sich vorbeiziehen lassen wollen, zumal ihm niemand garantieren kann, dass sie wiederkommt.

Ob Liverpool Ausnahmespieler wie Mohamed Salah dauerhaft von einem Abgang zu einem noch reicheren Klub abhalten kann, ist ebenso wenig abzusehen wie die Langzeit-Folgen von Klopps angeblichem Zerwürfnis mit seinem kongenialen Co-Trainer Zeljko Buvac.

Klopp wird alles daran setzen, seine geliebte Underdog-Story diesmal zu einem Happy End zu führen. Und seine Mannschaft hat auch das Zeug dazu.

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