"Klinsmann war für mich eine menschliche Ernüchterung"

25 Jahre stand Michael Preetz bei Hertha BSC unter Vertrag.

Sieben Jahre als Profi und seit 2003 als Manager des Hauptstadtklubs. 2021 musste er zusammen mit dem damaligen Trainer Bruno Labbadia gehen.

Im SPORT1-Interview spricht der 55-Jährige jetzt erstmals ausführlich über das Aus bei der Alten Dame, Jürgen Klinsmann und Unstimmigkeiten mit Noch-Investor Lars Windhorst.

Preetz: Hertha-Aus „tat schon weh“

SPORT1: Herr Preetz, wie war die Zeit nach Ihrem Aus bei der Hertha?

Michael Preetz: Im ersten Schritt ging es für mich darum, Abstand zu gewinnen und Dinge zu tun, die in den Jahren zuvor zu kurz gekommen sind. Ich habe sehr viel Zeit mit meiner Familie verbracht, gemeinsames Reisen stand, soweit die Corona-Pandemie es zugelassen hat, im Vordergrund. Ich habe mir die Zeit genommen, mein Wirken sorgfältig zu reflektieren, um die intensiven Jahre in Berlin und mit Hertha BSC abschließen zu können. Und natürlich habe ich den nationalen und internationalen Fußball sehr genau verfolgt.

SPORT1: Wie sehr hat die Entlassung an Ihnen genagt?

Preetz: Das tat schon weh, keine Frage. Ich habe 25 Jahre als Spieler und Funktionär in diesem Klub verbracht, das ist im Fußball schon eine gewaltige Zeit.

SPORT1: Hatten Sie mit Bruno Labbadia nochmal Kontakt und würden Sie sich eine erneute Zusammenarbeit unter anderen Umständen wünschen?

Preetz: Selbstverständlich hatte und habe ich Kontakt zu Bruno. Ich schätze seine fachlichen und menschlichen Qualitäten ungemein. Insofern besteht auch kein Grund, für die Zukunft irgendetwas auszuschließen.

SPORT1: Hätten Sie 1996 gedacht, als Sie als Spieler zur Hertha kamen, dass es mal so eine lange Zeit werden würde?

Preetz: Nein, davon konnte man natürlich überhaupt nicht ausgehen. Ich durfte 25 intensive Jahre in einem großartigen Verein erleben und blicke mit großer Dankbarkeit und einer gehörigen Portion Demut auf diesen Lebensabschnitt zurück.

„Schöne Momente gab es etliche“

SPORT1: Wenn Sie jetzt auf die Tabelle schauen: Platz 15 - es läuft nicht besser als mit Ihnen. Spüren Sie Genugtuung? (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga).

Preetz: Gar nicht. Natürlich verfolge ich das Geschehen bei der Hertha weiter sehr genau, das ist doch klar. Und es ist unstrittig, dass der 2:0-Sieg am Wochenende zuhause gegen den 1. FC Köln extrem wichtig war, um mit einem guten Gefühl zu überwintern.

SPORT1: Gab es so etwas wie einen schönsten und einen schlimmsten Moment in ihrer Hertha-Zeit?

Preetz: Bei so vielen Erinnerungen ist es wahnsinnig schwierig zu sortieren. Schöne Momente gab es etliche. Die Aufstiege als Spieler und Manager, die Teilnahme an der Champions League, Torschützenkönig der Bundesliga, Berufung in die Nationalmannschaft. Einer der schlimmsten Momente war sicher das Relegations-Rückspiel in Düsseldorf und die damit verbundenen Umstände.

SPORT1: Kay Bernstein war früher ein Ultra, der im Block auch mal Pyro gezündet hat, inzwischen ist er Hertha-Präsident. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Preetz: Wer sich mit der aktiven Fanszene beschäftigt, der weiß, dass eine Sache für die Ultras nicht verhandelbar ist, nämlich das Thema Pyrotechnik. (lacht) Da wird man wohl auch in der Zukunft keinen gemeinsamen Nenner finden können. Aber es ist unstrittig, dass Kay Bernstein die Alte Dame im Herzen trägt und Herthaner durch und durch ist und sich als solcher auch bei der Wahl gegen Frank Steffel durchsetzen konnte. In kurzer Zeit hat er dafür gesorgt, dass sich die Stimmung rund um die Hertha gravierend verbessert hat.

Windhorst-Skandal und Big-City-Club

SPORT1: Das kann man beim Namen Lars Windhorst nicht sagen. Was sagen Sie zum Investoren-Eklat um seine Person?

Preetz: Die jüngste Entwicklung ist der vorläufige Höhepunkt in der Zusammenarbeit von Klub und Investor. Die im Raum stehenden Vorwürfe sind zudem ungeheuerlich.

SPORT1: Würden Sie sich mit Herrn Windhorst nochmal zusammensetzen und über die gemeinsame Zeit sprechen?

Preetz: Das würde nicht zuletzt von den Ergebnissen der Ermittlungen in der Spionage-Affäre abhängen.

SPORT1: Michael Preetz und der Begriff „Big City Club“ wurden oft in einem Atemzug genannt. Wie fühlten Sie sich damit?

Preetz: Dieser Begriff kam nie aus dem Verein, schon gar nicht von mir. Dass das nicht geholfen hat, versteht sich von selbst. Zu meiner Zeit in der Verantwortung kann ich sagen, dass es leider nie gelungen ist, eine intakte und stabile Kommunikation mit dem Investor aufzubauen.

SPORT1: Ihr Name wurde zudem in jeder Krise relativ schnell genannt. Fühlten Sie sich oft als Sündenbock?

Preetz: Es ist ganz sicher so, dass die Erwartungen nach dem Einstieg von Windhorst enorm gestiegen sind. Sportlich konnten wir diese kurzfristig nicht erfüllen. Das hat zu Unzufriedenheit geführt. Dass unmittelbar nach der ersten Investitionsphase die Pandemie ausgebrochen ist, hat sicher auch nicht geholfen. Wenn du in der Verantwortung stehst, musst du auch den Kopf hinhalten. Das sind die Spielregeln des Geschäfts. Der Verein hat sich schließlich für einen anderen Weg entschieden. Das musste ich respektieren.

Jürgen Klinsmann die größte Enttäuschung?

SPORT1: Gab es in all den Jahren auch mal die Möglichkeit, etwas bei einem anderen Verein zu machen?

Preetz: Ich hatte vor allem in meiner Anfangszeit, als ich noch als Leiter der Lizenzspielerabteilung gearbeitet habe, die eine oder andere Anfrage von anderen Klubs. Doch zu diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich meinen Weg bei Hertha BSC gehen möchte.

SPORT1: Ist Jürgen Klinsmann Ihre größte Enttäuschung - und gibt es vielleicht mal wieder ein Gespräch?

Preetz: Von meiner Seite besteht überhaupt kein Bedarf an einem Gespräch. Dafür ist zu viel vorgefallen. Sich als Cheftrainer quasi über Nacht aus dem Staub zu machen und seine Mannschaft ohne jedes Verantwortungsbewusstsein in einer komplizierten Situation zurückzulassen, spricht für sich. Zudem zeugt sein Verhalten nach seiner Demission nicht unbedingt von ausgeprägter Charakterstärke.

SPORT1: War Klinsmann zum Cheftrainer zu machen Ihr größter Fehler?

Preetz: Ich habe über zwölf Jahre in verantwortlicher Position gearbeitet. Da ist es klar, dass man nicht alles richtig macht und auch Fehler passieren. Klinsmann allerdings war für mich eher eine menschliche Ernüchterung.

SPORT1: Welcher war Ihr bester Transfer für die Hertha?

Preetz: Wir haben in den ganzen Jahren eine Reihe von Transfers umgesetzt, die dem Klub aus sportlicher und finanzieller Sicht und unter dem Aspekt der Wertsteigerung sehr gutgetan haben. Marvin Plattenhardt und Niklas Stark sind zum Beispiel zwei Spieler, die in sehr jungen Jahren zu uns gestoßen und in Berlin Nationalspieler geworden sind. Mit Mitchell Weiser und Valentino Lazaro haben wir zwei Jungs verpflichtet, die wir später mit sehr hoher Wertsteigerung verkauft haben. Vedad Ibisevic war ebenso ein sehr guter Transfer wie Salomon Kalou, dem wahrscheinlich einzigen Weltstar, der je für den Klub gespielt hat. Matheus Cunha ist brasilianischer Nationalspieler geworden und hat dem Klub ein hohes Transferplus beschert. Und besonders stolz waren wir darauf, mit John Anthony Brooks ein Eigengewächs für einen zweistelligen Transfererlös (knapp 20 Millionen Euro, Anm. d. Red.) zum VfL Wolfsburg transferiert zu haben.

„Bin gut erholt und voller Tatendrang“

SPORT1: Was vermissen Sie am meisten? Gespräche mit Pál Dárdai oder Werner Gegenbauer?

Preetz: Ich habe das Kapitel für mich abgeschlossen, bin jetzt sehr gut erholt und voller Tatendrang. Ich bin bereit für eine neue Aufgabe.

SPORT1: Was würden Sie bei Ihrem nächsten Engagement anders machen?

Preetz: Das würde in jedem Fall von den Begebenheiten und Umständen abhängen, die man vorfinden würde. Die vielen unterschiedlichen Erfahrungen der letzten Jahre in verantwortlicher Position würden mir da sicher eine große Hilfe sein.

SPORT1: Union Berlin wäre ein absolutes No-Go?

Preetz: Dieses Thema stellt sich überhaupt nicht.

SPORT1: Ihr früherer Manager-Kollege Max Eberl war ähnlich lang bei Borussia Mönchengladbach, wie Sie es bei der Hertha waren. Er fängt am 15. Dezember als Geschäftsführer Sport bei RB Leipzig an. Dafür wurde er von einigen Seiten stark kritisiert.

Preetz: Als Fan von Borussia Mönchengladbach mag man enttäuscht sein, dass sich Max zu einem Wechsel zu RB Leipzig entschieden hat. Seine Erkrankung aber und die damit verbundene Erholungsphase in Zweifel zu ziehen, ist völlig unangebracht und unangemessen, dafür habe ich überhaupt kein Verständnis.

SPORT1: Wie sieht Ihr Zukunftsplan aus?

Preetz: Ich bin bereit, meine Karriere als Funktionär im Fußballgeschäft fortzusetzen. Unabhängig von der Liga, das entscheidende Kriterium ist allein der Reiz der Aufgabe. Ich bin eng am Markt und beobachte mit Spannung, was passiert. Zuletzt war ich mit der DFB-Akademie und Oliver Bierhoff auf der Leadership-Reise in Atlanta, gemeinsam mit etlichen Kollegen aus der 1. und 2. Bundesliga.

Vorfreude auf die WM in Katar?

SPORT1: Am Sonntag beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Wie verhält es sich mit Ihrer Vorfreude auf dieses umstrittene Turnier?

Preetz: Dass die WM nun schlussendlich in Katar stattfindet, ist ein klarer Fehler, der schon vor Jahren gemacht wurde. Das und die Tatsache, dass zum ersten Mal in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften ein Turnier mitten in der Saison im Winter stattfindet, sorgt nicht nur bei mir für überschaubare Vorfreude.

SPORT1: Was trauen Sie dem deutschen Team zu?

Preetz: Ich bin fest davon überzeugt, dass Hansi Flick mit seiner Mannschaft ein tolles Turnier spielen wird. Ich traue der Mannschaft den Sprung unter die besten vier Teams des Turniers zu.

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