Der Klimawandel ist echt und lässt sich nicht allein durch eine Verschiebung der Erdachse erklären

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben auf Facebook die Behauptung geteilt, wonach die Erderwärmung lediglich auf ein Kippen der Erdachse zurückzuführen sei. Die Behauptung basiert auf Beobachtungen der Inuit, die in einem Dokumentarfilm verschiedene Veränderungen ihrer Umwelt beschreiben. Die menschengemachte Erderwärmung stellt das allerdings nicht infrage. Der Produzent des Inuit-Films bezeichnete die Behauptungen als falsch. Zahlreiche Experten bestätigten außerdem, dass es keine Änderung der Lage der Erde gab, die die aktuelle Erderwärmung erklären könnte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt halten den Menschen für den Verursacher des Klimawandels, von dem Inuitgemeinschaften stark betroffen sind.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben aktuell erneut einen Blogartikel aus dem Jahr 2019 auf Facebook geteilt (hier, hier).

Die Behauptung: "Es gibt keinen Klimawandel, sondern die Erde ist leicht gekippt", steht im Postingtext eines Facebookbeitrags. "Inuit-Älteste" hätten diese Beobachtung, die ihrer Meinung nach "die schlüssigste Antwort auf die Veränderungen" ihrer Umwelt sei, bereits vor Jahren gemacht. Der Blogartikel beschreibt anschließend angebliche Effekte von Erdbeben und Kontinentalverschiebung aus, die nicht aus den Inuitbeschreibungen stammen.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 25.04.2022

Nutzerinnen und Nutzer stellen immer wieder den menschengemachten Klimawandel infrage. AFP prüfte bereits Behauptungen, wonach die Erderwärmung natürlich und nicht ungewöhnlich sei oder dass für die Klimaerwärmung nicht der Mensch, sondern die Sonne oder Veränderungen in der Erdumlaufbahn verantwortlich seien. Auch die Behauptung einer gekippten Erdachse als Ursache des Klimawandels gehört in diese Reihe.

Der Ursprung der Behauptung

"Die Gestirne haben ihre Position verändert", steht im Blogartikel. Als Quelle nennt der Text die Beobachtungen von Inuitältesten in einem kurzen Youtube-Video. Eine Websuche nach den darin eingeblendeten Namen der Sprechenden führte AFP zu einem Artikel der britischen Boulevardzeitung Daily Express in dem der Clip auf Englisch vorkommt. Der Artikel verweist auf die Plattform IsumaTV, die sich mit Themen indigener Völker beschäftigt.

Dort fand AFP die 2009 erschienen Doku "Inuit Knowledge And Climate" und einen Beitrag, der sich explizit mit der angeblichen Veränderung der Erdachse als Ursache für den Klimawandel befasst . Im ganzen Film kommt die Szene aus dem Blogbeitrag bei Minute 42 vor. Angehörige verschiedener Inuit-Gemeinschaften beschreiben darin eine veränderte Position der Sonne. Als mögliche Erklärung nennen sie eine Kippung der Erdachse.

AFP hat Ian Mauro, einen der Filmemacher und Geografen an der kanadischen Universität Winnipeg kontaktiert. Am 13. Mai schrieb er in einer Mail: "Jeder, der behauptet, dass der Film 'Inuit Knowledge and Climate' ein Beweis dafür sei, dass es keinen Klimawandel gibt, liegt falsch und stellt unsere Arbeit falsch dar und ich würde argumentieren, dass er mit Unwahrheiten hausieren geht, um eine Anti-Wissenschafts- und Anti-Klimawandel-Agenda voranzutreiben.”

Die menschengemachte Erderwärmung sei kein Widerspruch zu den Beschreibungen der Inuit im Film: "Unser Film zeigt deutlich, dass der Klimawandel real ist und dramatische Auswirkungen auf die Inuit, ihre Lebensweise und die arktische Umwelt hat.” Die Inuit-Beschreibungen von der "Neigung der Erde” seien laut Mauro konsistent mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, dazu später mehr.

Forschende beobachten die Erde konstant, ein "Verrutschen" fiele auf

Dass so ein von den Inuit beschriebenes "Kippen der Erdachse" von Forscherinnen und Forschern unbemerkt bleiben könnte, ist allerdings ausgeschlossen. "Da die Verortung der Erdrotationsachse von großer Bedeutung für die Bezugssysteme der Erde sind, werden die Bewegungen kontinuierlich gemessen und die Daten vom Internationalen Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) gesammelt", erklärte Peter Schaadt in einer Mail am 26. April. Er arbeitet beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in der Erdbeobachtung.

Ulrich Köhler vom Institut für Planetenforschung am DLR schrieb am selben Tag ebenfalls über Veränderungen der Erdposition: "Sie sind aufs Tausendstel Grad bekannt und laufen in himmelsmechanisch unglaublicher Konstanz ab. Und werden, seit wir das können, immer gemessen, auch rückwirkend wird das versucht."

Auch Josef Zens, Pressesprecher des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ), schrieb am 26. April an AFP: "Unsere Geodäten vermessen die Erdachse kontinuierlich auf Zentimeter genau." Ein "Verrutschen" der Erdachse könne deshalb nicht unbemerkt bleiben. "Erstens würden plötzlich Navigationssatelliten falsche Daten liefern, zweitens beobachten Geodäten weltweit kontinuierlich die Erdachse und die Position der Erde im Weltall." Das GFZ gehöre zu den Instituten, die das messen und die Daten weltweit mit anderen Einrichtungen abgleiche.

Zens erwähnte außerdem eine leichte Bewegung des Pols von ein paar Zentimetern pro Jahr in Richtung Kanada/Alaska. Die Verstärkung des Treibhauseffektes durch mehr CO2 sei hingegen physikalisch fundiert und experimentell sowie durch Modelle gut belegt.

Natürliche Veränderungen erklären nicht die derzeitige Erderwärmung

Veränderungen in der Position der Erde gab und gibt es aber tatsächlich. Der jugoslawische Mathematiker Milutin Milanković beschrieb bereits vor mehr als 100 Jahren verschiedene Kreisläufe, die das Klima auf der Erde beeinflussen. Diese nach ihm benannten Milanković -Zyklen beschreiben, wie sich in einer Periode von mehreren Zehntausend Jahren verschiedene Erdbahnparameter verändern.

Auch wenn diese langfristigen Zyklen natürlich sind und das Klima verändern, so erklären sie nicht die aktuell dokumentierte Erderwärmung. Peter Schaadt vom DLR schrieb an AFP: "Diese Zyklen erklären aber nur die natürlichen Änderungen des Klimas und nicht die durch den Menschen verursachten." Diese bekannten natürlichen Faktoren, die zum Beispiel mitverantwortlich für Eiszeiten waren, wirken allerdings über viel längere Zeiträume. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa schreibt ebenfalls auf ihrer Website: "Sie können nicht die derzeitige rasche Erwärmung erklären, die die Erde seit der vorindustriellen Zeit (zwischen 1850 und 1900) und insbesondere seit Mitte des 20. Jahrhunderts erlebt hat."

Außerdem befinde sich die Erde momentan in einer Zwischeneiszeit. Gäbe es keine menschlichen Einflüsse auf das Klima, müsste sich die Erde aufgrund ihrer aktuellen Position innerhalb der Milanković-Zyklen momentan sogar abkühlen und nicht erwärmen, so der Nasa-Beitrag. Auch AFP widerlegte bereits die Behauptung, die US-Raumfahrtbehörde Nasa habe zugegeben, dass die Milanković-Zyklen den Klimawandel verursachten.

Aufnahme der Erde der Apollo-Mission im Dezember 1972 ( NASA)

Einigkeit über menschengemachte Erderwärmung

Die derzeit beobachtete Erderwärmung lässt sich nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand eindeutig auf den Menschen zurückführen. Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht regelmäßig Berichte, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Stand der Forschung zusammenfassen. Der sechste Sachstandsbericht vom August 2021 fasste zusammen: "Es ist eindeutig, dass der Einfluss des Menschen die Atmosphäre, den Ozean und die Landflächen erwärmt hat."

Für einen Faktencheck über den Anteil des Menschen an der aktuellen Erderwärmung schrieb Aiko Vogt, Professor am Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Wien, im August 2021: "Die Gemeinschaft der Klimaforschenden ist sich einig, dass die Klimakrise real und menschengemacht ist." Natürliche Antriebsfaktoren würden praktische keine Rolle spielen. Stefan Brönnimann vom Geographischen Institut der Universität Bern stimmte ihm damals zu: "Der Mensch trägt zum überwiegenden Teil zum aktuell ablaufenden Klimawandel bei."

Auch zahlreiche internationale wissenschaftliche Organisationen halten die Erderwärmung für menschengemacht. Allein eine Aufstellung des "Office of Planning and Research", ein Forschungsinstitut der kalifornischen Regierung, listet knapp 200 Wissenschaftsorganisationen auf der ganzen Welt, die die Auffassung teilen, dass der Klimawandel menschengemacht ist.

Eine Studie aus dem Fachjournal "Environmental Research Letters" aus dem Jahr 2013 überprüfte zudem 11.944 Arbeiten zwischen 1991 und 2011 zum Thema Erderwärmung. 97 Prozent von ihnen waren sich einig, dass Menschen die Erderwärmung verursachen.

Die von Menschen verursachte Erderwärmung ist nicht nur wissenschaftlich bewiesen, sie kann sogar zu Veränderungen der Position der Erde führen. Auch der Artikel zieht diesen Effekt als vermeintliche Bestätigung heran. Dass sich die Erdachse aufgrund von Verlagerung von Wassermassen leicht verändert hat, widerlegt die Erderwärmung aber nicht. Josef Zens vom GFZ schrieb: "Andersherum wird ein Schuh draus: Der globale Klimawandel führt zu großräumigen Masseverlagerungen (zum Beispiel beschleunigtes Schmelzen des Eises über Grönland und der Antarktis), die wiederum einen messbaren, aber eben winzig kleinen Einfluss auf die Rotationsachse haben." Dem stimmte auch Stefan Brönnimann in einer Mail am 25. April zu: "Der Klimawandel führt insbesondere durch das Abschmelzen großer Eismassen zu einer leichten Verschiebung der Erdachse."

Die Beobachtungen der Inuit

Filmemacher Ian Mauro hat eine mögliche Erklärung für die Beobachtungen der Inuit. Er vermutet eine Luftspiegelung namens Nowaya-Semlya-Effekt, eine polare Fata Morgana, die durch die starke Brechung des Sonnenlichts zwischen den thermischen Schichten der Atmosphäre verursacht wird. Der Effekt erwecke den Eindruck, dass die Sonne früher aufgeht, als sie erwartet wird. "Ich habe den Eindruck, dass diese Brechung die Hauptursache für die Beobachtungen der Inuit in unserem Film ist", schrieb Mauro am 13. Mai an AFP.

Der emeritierte Professor für Elektro- und Computertechnik an der kanadischen Universität Manitoba, Waldemar Lehn, befasste sich mit den Inuitbeobachtungen im Film. In einer Präsentation für die kanadische Wissenschaftsverein Humboldt Kanada im Jahr 2011 schrieb er: "Die Inuit-Beobachtungen könnten durchaus durch häufigere optische Brechung in der Atmosphäre verursacht werden."

Christoph Jacobi ist Professor für Meteorologie an der Universität Leipzig. Am 25. Mai schrieb er an AFP: "Dass die Sonne noch zu sehen ist, obwohl sie noch oder schon unter dem Horizont steht, ist ein bekannter Effekt, und in hohen Breiten wegen der kalten Luft am Boden potenziell deutlich(er)." Da dort im Frühjahr und Herbst die Sonne nur wenig unter dem Horizont stünde, könne es "durchaus sein, dass dieser Effekt besonders auffällig" werde. Ob sich die meteorologischen Bedingungen so geändert hätten, dass es zu einer sichtbaren Veränderung gekommen sei, könne er nicht sagen.

Ähnlich äußerte sich auch Siebren van der Werf, der sich in einem Buch mit dem Nowaya-Semlya-Effekt beschäftigt hatte. Der Nowaya-Semlya-Effekt sei "beobachtet und fotografiert". Ob er die Schilderungen der Inuit erkläre, konnte er aber ebenfalls nicht mit Sicherheit feststellen.

Mann beim Eisfischen am 17. Januar 2017 in Vaasa in Finnland ( AFP / OLIVIER MORIN)

Wind verändert sein Strömungsmuster

Nicht nur die Temperaturen auf der Erde ändern sich, auch der Wind ändert teilweise seine Bahnen. In der Inuit-Doku ist von mehr Süd- und weniger Nordwind die Rede, der Ostwind sei außerdem stärker geworden. Der Südwind bringe außerdem Verschmutzungen, berichten einige Inuits von ihren Wahrnehmungen.

Christof Lüpkes leitet am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven die Forschungsgruppe für polare Meteorologie. Am 10. Mai schrieb er an AFP: "Mit den derzeitigen Klimaveränderungen sind auch Änderungen (die aber nicht ihre Ursache in der kleinen Veränderung der Erdachse haben) der großskaligen Strömungsmuster verbunden."

Mit den Klimaveränderungen ändern sich auch die Jetstreams, Starkwindbänder die von Westen nach Osten in großer Höhe um die Erde wehen, erklärte Lüpkes. "Untersuchungen vieler Wissenschaftler deuten darauf hin, dass der Polarjet mehr mäandriert, also wellenförmig mit großen Ausbuchtungen nach Nord und Süd verläuft, als noch vor 30 Jahren."

Regional könne sich die Änderungen der Windmuster auch unterscheiden, die Beobachtung der Inuit könne daher möglicherweise richtig sein. Pauschal konnte Lüpke das aber nicht zu bestätigen: "Es hängt stark vom jeweiligen Ort ab, was genau passiert." Klar sei allerdings, dass diese Veränderungen nichts mit der Erdachse zu tun hätten. Auch die Beobachtung von Schadstoffen in der Arktis, wie sie manche der Inuits beschreiben, sei möglich: "Generell führt die Zunahme von Luftverschmutzung zum Transport von Schadstoffen (auch Rußpartikel in Folge von Bränden) auch in die Arktis."

Erdbeben keine Ursache

Der in sozialen Medien geteilte Artikel nennt außerdem verschiedene Erdbeben, die die Erdachse verschoben haben. Josef Zens vom GFZ schrieb: "Erdbeben haben tatsächlich einen messbaren Einfluss, aber der ist winzig." Die erwähnten Milanković-Zyklen würden die Erdachse im Verlauf von Jahrzehntausenden um 270 Kilometer verschieben – ein starkes Erdbeben wie das nahe des japanischen Fukushima im Jahr 2011 führte hingegen zu einer Verschiebung um rund 17 Zentimeter.

"Die Masseverschiebung ist außerdem nur temporär und wird sich im seismischen Zyklus wieder umkehren, daher wird sich diese Achsenänderung in maximal ein paar hundert Jahren wieder größtenteils nivellieren." Die minimalen durch Erdbeben ausgelösten Verschiebungen könnten damit lauf Zens nicht die Änderung des Klimas erklären.

Fazit: Der Klimawandel ist echt. Die Erde wird konstant überwacht, ein unbemerktes Kippen der Erde ist damit nicht möglich. Es gibt zwar auch langfristige natürliche Veränderungen der Erdposition, allerdings erklären sie nicht die Erderwärmung der letzten Jahrzehnte. Der Produzent des Filmes, in dem die Inuit ihre Beobachtungen schildern, bezeichnete den Klimawandel ebenfalls als real.

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