"Klima der Angst" - Skandale erschüttern britisches System

Das britische Sportsystem ist von zahlreichen Skandalen durchsetzt

Das britische Sportsystem ist für viele Funktionäre Vorbild. Konsequent, leistungsorientiert - und vor allem erfolgreich. 63 Medaillen gewannen die Sportler ihrer Majestät bei den Olympischen Spielen in Rio. Platz zwei hinter den USA.

Doch die Fassade bröckelt. Seit Monaten wird der britische Sport immer wieder von Skandalen heimgesucht. Die Vorwürfe reichen von Mobbing über Belästigung bis zu Rassismus und Sexismus.

Immer wieder berichten Sportler aus ihren Verbänden von einem "Klima der Angst".

Sorgfaltspflicht

Betroffen: Erfolgreiche "Vorzeigeverbände" wie die Radfahrer oder die Schwimmer. Inzwischen wird offen darüber diskutiert, ob beim Streben nach Erfolg die Sorgfaltspflicht vernachlässigt wurde.

UK Sport, die im Vereinigten Königreich für den Leistungsport zuständige Organisation, weist entsprechende Vorwürfe jedenfalls zurück.

"Jede Andeutung, UK Sport würde einen 'Gewinnen um jeden Preis'-Ansatz verfolgen, ist offen gesagt verstörend und falsch", sagte Geschäftsführerin Liz Nicholl: "So war es nie und so wird es auch niemals sein."

Jagd nach Medaillen

Allerdings ernannte UK Sport unlängst einen neuen Ethik- und Integritätsbeauftragten und kündigte eine "tiefgreifende" Untersuchung über die Kultur in den einzelnen Leistungssportverbänden an.

Die war bisher offenbar vor allem durch eins geprägt: Der Jagd nach Medaillen. Nur Sportarten mit Chancen auf olympisches Edelmetall werden in Großbritannien gefördert. Erfolgloseren Sportarten werden kompromisslos die Gelder gestrichen.

Die Absturz in die Bedeutungslosigkeit droht, der Druck auf Funktionäre, Trainer und Sportler ist groß.

"Kultur der Furcht"

Mit fatalen Folgen: Bisherige verbandsinterne Ermittlungen förderten teilweise erschütternde Ergebnisse zutage. So habe im erfolgreichen Radsportverband, einem der britischen Aushängeschilder, eine "Kultur der Furcht" geherrscht, stellte eine Kommission fest.

Unter anderem seien Fahrerinnen sexistisch beleidigt, andere Sportler gemobbt worden.

Erst in der vergangenen Woche musste sich der ebenfalls erfolgreiche britische Schwimmverband offiziell entschuldigen. Eine unabhängige Untersuchung fand heraus, dass mehr als ein Dutzend Para-Schwimmer "inakzeptablem Verhalten" ausgesetzt waren. Teilweise jahrelang.

Sie seien von einem verantwortlichen Trainer gemobbt, angeschrien und wegen ihrer Behinderung herabgewürdigt worden, hieß es in einem Untersuchungsbericht, aus dem die BBC zitierte.

Athleten sei zudem verboten worden, auf Reisen das Mannschaftshotel zu verlassen.

"Würde und Respekt"

Teilweise sollen die Auswirkungen so schlimm gewesen sein, dass den Betroffenen kostenlose therapeutische Hilfe angeboten wurde.

"Menschen mit Würde und Respekt zu begegnen, sei das Mindeste, was man von einem Trainer auf Paralympics-Niveau erwarten kann", hieß es in dem Bericht.

"Ich möchte mich im Namen des Verbands bei den Sportlern und Familien entschuldigen, die sich inakzeptablem Verhalten und Kommentaren ausgesetzt sahen", sagte Verbandspräsident Maurice Watkins und erklärte, es gebe einen klaren und transparenten Plan, um dies zu korrigieren.

Im britischen Kanuverband steht derzeit sogar der Bericht einer zweiten Untersuchung aus. Ein Trainer musste wegen Missbrauchsvorwürfen bereits zurücktreten. Nach Angaben des Verbands und UK Sport seien inzwischen allerdings weitere Vorwürfe aufgetaucht.

Vor allem Hinweise darauf, dass der Verband sich nicht korrekt verhalten hätte. Ende Oktober soll der Untersuchungsbericht vorliegen.

Rassismus und Sexismus

Und auch im Wintersport gibt es schwere Vorwürfe. So beklagten sich im Bobverband mehrere Sportler über alltäglichen Rassismus und Sexismus. Sie berichteten zudem von einer "vergiftete Atmosphäre".

Eine interne Untersuchung führte allerdings nicht zu Disziplinarmaßnahmen.

Vielmehr enthüllte die Zeitung The Observer im Sommer des Jahres anderes: So sei Sportlern vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi gedroht worden, dass sie ihre Chance auf eine Teilnahme verlieren würden, wenn sie öffentlich über Missstände sprechen würden.

Der Verband wies die Vorwürfe zurück.