Mit einer Kleinigkeit fängt es an: Wie sachliche Konflikte im Job zu persönlichen Fehden führen

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Angefangen hat es mit einem Alleingang. Die Kollegin meiner Freundin Lena hatte sich an die gemeinsame Chefin gewandt, um Aufgaben neu zu verteilen. Ihre eigenen Aufgaben – und Lenas. Vor der Chefin hatte sie es so dargestellt, als ergebe sich die Umverteilung ganz selbstverständlich aus der täglichen Arbeit und als sei Lena einverstanden. Lena wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. „Diese Kollegin ist sehr gut darin, sich um sich selbst zu kümmern“, sagte sie mir einige Tage später. Lena heißt eigentlich anders und der Konflikt läuft noch. Aktueller Stand: Ihre Vorgesetzte ist ärgerlich darüber, manipuliert worden zu sein. Und Lena und ihre Kollegin reden kein Wort mehr miteinander.

Solche Konflikte können sich zu dauerhaften Fehden auswachsen. Aus Kleinigkeiten in der Sache entsteht eine persönliche Antipathie, die anhält, bis eine der Beteiligten kündigt. Eigentlich ging es mal um die Sache. Aber das ist, emotional betrachtet, ganz schön lange her. Artverwandte Konflikte in meinem Bekanntenkreis: Sollte man für einen bestimmten Kunden pitchen oder nicht? Sollte sich das ganze Team impfen lassen? Welches der geplanten neuen Features bekommt die höchste Priorität in der Entwicklung? Streits im Job bewegen sich auf der Sachebene. Aber sie bleiben dort nicht.

Die amerikanische Psychologin Nicole LePrera sieht das Ego des Menschen in der Schuld, wenn aus sachlichen Streits Konflikte zwischen Menschen entstehen. Wir werden emotional, fühlen uns wie Draufgänger im Streit für die Sache. Wo eben noch differenziert gedacht wurde, gibt es plötzlich keine Zwischentöne mehr, nur noch falsch oder richtig, gut oder böse. Und aus der sachlichen Debatte wird ein Wettbewerb um persönlichen Erfolg, Sieg oder Niederlage.

Das Ego macht aus der kleinen Uneinigkeit einen persönlichen Kreuzzug

Sie schreibt dazu in ihrem Buch „Heile. Dich. Selbst“ (Arkana Verlag): „Zu diesen Reaktionen kommt es, wenn Meinungen, Gedanken oder Glaubenssätze unlösbar mit dem Selbst verknüpft scheinen.“ Das Ego macht aus der kleinen Uneinigkeit einen persönlichen Kreuzzug. LePrera: „Wenn jemand nicht deiner Meinung ist oder dich kritisiert, dann hat das nicht mehr nur mit einem ganz bestimmten Ereignis in deinem Leben zu tun, sondern damit, wer du bist.“

Das klingt drastisch, passiert aber gerade in Stresssituationen schnell. Im Konflikt gehe es dann nicht mehr darum, „eine gemeinsame Linie zu finden“. Stattdessen wandle sich das Gegenüber in ein Feindbild. Die eigene Position wird zur einzig Wahren.

Mit dieser Annahme entstehen Frontlinien: Menschen mit gleicher Position halten zusammen, Menschen mit gegnerischer Position werden plötzlich in ihrer Gesamtheit als Gegner wahrgenommen. Der „confirmation bias“ kann auftreten. Diesen Effekt beschrieb der englische Psychologe Peter Wason in den 1960er Jahren. Wason geht davon aus, dass Menschen Bestätigung für ihre Annahmen suchen. Wer also eine andere Person in einer Sache für inkompetent hält, der sucht nach weiteren Belegen, Fehlern oder abweichenden Einschätzungen in anderen Themenbereichen. Wer davon ausgeht, dass eine Person böse ist, der wird auch nach anderen Bösartigkeiten suchen. Eben ging es noch um die ideale Farbe für die neue CI der Firma, plötzlich wird jeder Kaffeerand auf dem Schreibtisch zum Beleg der Verkommenheit. So können Fehleinschätzungen entstehen.

Dieser Effekt erklärt übrigens auch, wie Filterblasen im Internet entstehen. Menschen folgen jenen Menschen, die ihre eigene Perspektive bestätigen. Sie glauben jenen Medien, die ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Grundhaltungen teilen. Sie lesen einen Text, der gegen ihre Position argumentiert, nicht zu Ende. Der Confirmation Bias (oder: Bestätigungsfehler) ist nicht ganz unumstritten und tritt auch nicht zwangsläufig auf. Er kann aber auftreten, wenn die Fähigkeit verloren geht, mehrere Seiten eines Konflikts zu betrachten. Oder das Streben danach.

Was hilft, damit der Konflikt der Konflikt bleibt

Wer noch am Beginn eines Konflikts steht, kann frühzeitig eingreifen. Einfach mal das Ego Ego sein lassen und den inneren Ärger kurz einsperren. Ein einfacher Satz kann die beginnende Fehde zurückdrängen: Wir sind uns uneinig, aber lass uns Freunde bleiben. Oder: Einig werden wir uns wohl nicht mehr. Lass uns zusammen einen Tee trinken und über etwas ganz anderes reden.

Die persönliche Ebene zu erhalten lohnt sich für die Zukunft und kann – vielleicht – sogar dabei helfen, den aktuellen Konflikt zu befrieden. Oder zumindest eine inhaltliche Annäherung ermöglichen. Wenn Lena und andere, die vor so einer Situation stehen, hier rechtzeitig über ihren Schatten springen, können sie das Team-Klima schützen und ihre eigene Position stärken, in dem sie sich als zwischenmenschlich zugänglich zeigt.

Gleichzeitig erhält die persönliche Annäherung den gegenseitigen Respekt. Geht dieser verloren, wird die Zusammenarbeit in der Zukunft schwierig bis unmöglich. Wer dagegen in der Lage ist, diesen Respekt aktiv vor dem Konflikt zu schützen, hat eine Fähigkeit, die ihn oder sie bei künftigen Konflikten stärken wird.

Wer allein mit seinem Denken ist, der kann eine Methode aus dem Debattierclub anwenden. In manchen Wettstreits bereiten die Debattierenden beide Positionen vor. Erst kurz vor Beginn erfahren sie, welche Seite sie einnehmen sollen. Wer sich auf die Haltung des anderen einlässt und ehrlich gute Gründe sucht, warum dieser auch recht haben könnte, verhindert vielleicht einen Streit. Und ist im Zweifelsfall auch gut vorbereitet, um weiterhin die eigene Linie zu vertreten.

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