Kleine Fläche, viel Ware: Warum die Drogerie-Kette Müller der erfolgreiche Nachfolger von Galeria Karstadt Kaufhof werden könnte

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Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) kämpft um das Überleben. Trotz der Schließung von 60 Filialen, dem Einsatz eines neuen Managements und Finanzspritzen des Investors René Benko steckt das Unternehmen tief in der Krise, viele Mitarbeiter bangen seit Monaten um ihre Jobs. Anfang des Jahres musste das Unternehmen ein Nachrangdarlehen vom Staat in Höhe von 460 Millionen Euro beantragen.

In den Städten, in denen GKK bereits Filialen geschlossen hat, könnte nun Raum für einen anderen Marktteilnehmer frei werden: die Drogeriekette Müller. Diese These stellt zumindest der Wirtschaftswissenschaftler Martin Fassnacht auf. Der Direktor des Lehrstuhls für Strategie und Marketing an der WHU – Otto Beisheim School of Management sagt im Gespräch mit Business Insider: "Ich glaube, dass Müller der Nachfolger von GKK als Nahversorger in den Innenstädten werden kann."

Sein Hauptargument für diese These: Die Drogeriekette mit Sitz in Ulm bietet ein ähnlich breites Sortiment für die Alltagsversorgung wie GKK. Während GKK auf einer durchschnittlichen Ladenfläche von rund 13.000 Quadstmetern rund 300.000 Artikel verkauft, umfasst das Sortiment von Müller bereits durchschnittlich 190.000 Produkte — und das in deutlich kleineren Geschäften. Müller verkauft dabei deutlich ein deutlich breiteres Sortiment als seine direkten Konkurrenten Rossmann und dm — von Drogerie-, Multimedia-, Parfümerie-, Spielzeug-, Schreibwaren-, Haushalts-, Naturkosmetik-Artikeln bis hin zu Tierbedarf und Bionahrung und lässt sich daher laut Fassnacht eher mit dem ehemaligen Warenhaus-Giganten vergleichen.

Müllers bietet ähnlich wie GKK fast alles unter einem Dach

Das Sortiment, das Müller anbietet, werde stark stationär nachgefragt für die "unmittelbare Bedürfnisbefriedigung", wie Fassnacht es nennt. Drogerie-, Schreib-, oder Haushaltswaren: All dies seien Produkte, die man "mal eben im Vorbeigehen" mitnehmen könne, so Fassnacht. Mit den Segmenten Parfümerie oder Multimedia bietet Müller sogar auch kurzfristige Geschenkoptionen an.

Müller als Nahversorgungs-Nachfolger für GKK — damit meint Fassnacht jedoch nicht, dass der Drogerist als Nachmieter in die großen Kaufhaus-Immobilien zieht. Denn genau das ist einer der Vorteile der Drogeriekette: Müller arbeitet auf deutlich geringeren Verkaufsflächen, wodurch das Unternehmen auch weniger Kosten, etwa für hohe Mieten, hat. Denn die hohen Mieten in den Innenstädten werden zunehmend zu großen Belastungen für viele Händler wie GKK. Die Müller-Filialen verfügen von 400 bis 4.500 Quadratmetern Verkaufsfläche, während der umsatzstärkste GKK-Standort rund 40.000 Quadratmeter groß ist.

Ein Großteil der Fläche bei Galeria Karstadt Kaufhof wird dabei für den Verkauf von Bekleidung Schuhen und Schmuck oder Uhren aufgewendet — all das sind Warengruppen, deren Verkauf sich jedoch immer stärker ins Internet verlagert. "Im Gegensatz zu GKK bietet Müller keine Bekleidung, Schuhe oder Schmuck an — und das ist auch gut so", sagt Fassnacht. Denn in Deutschland werden mittlerweile 40 Prozent im Fashion-Bereich online verkauft, in ein paar Jahren wird der Onlineanteil schätzungsweise deutlich über 50 Prozent liegen. Für stationäre Händler, die wie GKK nur als Marktplatz für andere Bekleidungsmarken fungieren, wird es künftig schwierig, prognostizieren Experten schon seit längerem. Auch verkauft Müller keine großen Elektronik-Geräte, was laut Fassnacht ebenfalls eine schlaue Entscheidung sei, da diese Warengruppe nach Mode am stärksten im Internet gekauft werde. In Kurzform: „Müllers Sortiment ist stationär stärker nachgefragt als das von Galeria Karstadt Kaufhof — und deshalb besser aufgestellt“, sagt Fassnacht.

Müllers Flächenproduktivität ist vermutlich höher

Fassnacht geht zudem davon aus, dass das Sortiment von Müller deutlich rentabler sei als das von GKK. "Die Umschlagshäufigkeit, also wie oft der durchschnittliche Lagerbestand eines Unternehmens innerhalb eines Jahres verkauft wird, und die Produktivität je Quadratmeter dürfte bei Müller deutlich höher sein", sagt er. Das dürfte auch wiederum mit der geringeren Verkaufsfläche zu tun haben.

Müller machte mit seinen 567 Filialen hierzulande im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 4,01 Milliarden Euro — zusammengerechnet machten Galeria Karstadt Kaufhof vor der Corona-Pandemie auf damals noch 243 Standorten rund 4,7 Milliarden Euro Umsatz, Tendenz seit Jahren stark sinkend. Eine Zahl für 2020 gibt es nicht, seit dem Ausbruch der Pandemie berichteten mehrere Medien jedoch von Umsatzeinbrüchen in Milliardenhöhe. Andernfalls hätte das Unternehmen wohl auch keine Staatshilfe in Höhe von 460 Millionen Euro beantragen müssen.

Müller verkauft außerdem starke eigene Handelsmarken, bietet aber auch bekannte Herstellermarken an. Der Mix sei strategisch gesehen sehr schlau, so Fassnacht. „So hat der Verbraucher mehr Optionen bei der Markenwahl und die Margen für Müller müssten insbesondere bei den eigenen Handelsmarken höher sein", sagt er.

Auf dem Weg zum Omni-Channel-Händler

Müller ist außerdem auf Expansionskurs mit seinem Onlineshop und liefert mittlerweile über 7.000 Produkte nach Hause. Der Ausbau des Onlineshops und Lieferservices verschaffe Müller gegenüber GKK einen weiteren Vorteil, sagt Fassnacht. Denn auch GKK hat die Digitalisierung lange verschlafen. Viele Produkte des GKK-Onlineshops können nur über Click&Collect online vorbestellt, müssen aber vor Ort abgeholt werden.

Den Webshop baute Müller gemeinsam mit dem Startup Niceshops aus der Steiermark innerhalb von nur knapp einem Jahr auf. „Wir hatten im Digitalbereich deutlichen Nachholbedarf“, sagte der Müller-Geschäftsführer Günther Helm kürzlich gegenüber dem „Handelsblatt“. „Ohne die Kooperation hätten wir dafür deutlich länger gebraucht“, sagt Helm, denn vor der Pandemie war das Drogerie-Unternehmen lange eher skeptisch gegenüber dem Onlinehandel. Die direkten Drogerie-Konkurrenten Rossmann und DM starteten auch vergleichsweise spät mit den eigenen Onlineshops, haben Müller in Sachen Digitalisierung jedoch noch einiges voraus. Im Vergleich zu GKK jedoch steht Müller jedenfalls besser dar.

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