Kleinanleger = dummes Geld? Diese Formel dürfte 2021 nicht aufgehen

Stefan Naerger, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
·Lesedauer: 3 Min.
Kleinanleger
Kleinanleger

Der Kleinanleger ist eigentlich immer ein gutes Opfer für das Gespött erfahrener Investoren. Hoch kaufen, tief verkaufen – so stellt sich die Börsenelite die typische Handelsstrategie eines Kleinanlegers vor.

Diese Vorstellung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Kurz vor dem Börsencrash 1929 hatte jeder Friseursalon einen primitiven Börsenticker. Vor der Dotcom-Krise wurde nicht nur die Amazon-Aktie gekauft, sondern praktisch alles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hatte. Natürlich nicht nur von Kleinanlegern. Doch praktisch jeder kennt irgendjemanden, der eigentlich keine Ahnung von Aktien, 1999 aber trotzdem die Telekom-Aktie zum Ausgabepreis von 39,50 Euro gekauft hat.

Derzeit scheint es wieder soweit zu sein. In der beliebtesten Suchmaschine der Welt wird nun häufiger nach „Aktien“ als nach „Sex“ gesucht.

Da sollten bei erfahrenen Investoren eigentlich alle Alarmglocken klingeln. Doch diesmal könnte alles anders sein. Es gibt einige Argumente, die dafür sprechen, dass der viel zu oft verspottete Kleinanleger endgültig mit der Elite gleichgezogen hat.

Das Phänomen Robinhood-App ist nicht ungefährlich

Börsenkritiker bezeichnen wohlüberlegte Investitionen gerne als „Zockerei“. Alles nur Casino. Mein Lieblingsspruch: „Die Bank gewinnt immer.“

Da kann man so viele Daten über das langfristige Investieren präsentieren, wie man möchte – der Börsenkritiker (oftmals ein geprellter Kleinanleger) bleibt standhaft bei seiner Meinung. Das ist sein gutes Recht. Trotzdem ist und bleibt das Finanzinstrument Aktie die Wohlstandsmaschine Nummer 1.

Wenn ich mir allerdings das Phänomen Robinhood-App anschaue, muss ich den Börsenkritikern teilweise recht geben. Wer zur Spielsucht neigt, sollte vom Smartphone generell die Finger lassen. Die Mischung aus Aktion und Reaktion, die dem Spielautomaten nicht unähnlich ist, kann empfindliche Gehirne blitzartig mit den falschen Hormonen fluten.

Das gilt nicht nur für Pay-to-Win-Spiele, die ihren Spielern Unsummen für virtuellen Quatsch aus den Taschen ziehen, sondern auch für Börsen-Apps, die weniger den langfristigen Vermögensaufbau fördern, sondern den Kleinanleger zum schnellen Kaufen und Verkaufen verführen wollen.

Die Emanzipation des Kleinanlegers ist weit fortgeschritten

Das klingt insgesamt nach der perfekten Mischung für den Börsencrash. Die Bank gewinnt, der Kleinanleger muss bluten – wie immer.

Doch halt! Diese Formel dürfte 2021 nicht aufgehen.

1929 gab es zwar Aktien, aber eben kein Internet. Heutzutage kann sich jeder Kleinanleger blitzschnell mit hochqualitativen Informationen versorgen. Weltweit und nahezu kostenfrei. Echte Insider-Informationen gibt es nur noch selten.

Niemals war die Demokratisierung von Wissen derartig weit fortgeschritten. Wenn du das hier liest, bist du strenggenommen ein Teil dieser Revolution.

Sind die Kleinanleger wirklich im Rausch? Wenn ja, dann sollte der Euwax-Sentiment-Index der Börse Stuttgart hart nach oben ausschlagen. Setzen die Privatanleger derzeit auf einen fallenden oder auf einen steigenden DAX? Weder noch. Auf Sicht von einem Jahr ist diese Klientel offenbar netto nahezu neutral positioniert (Stand: 07.01.2021).

Kleinanleger-Crash? Sehe ich nicht!

Ich denke nicht, dass derzeit viele blauäugige Kleinanleger die Börsen unsicher machen. Nicht wenige dürften nach einer kurzen Recherche auf das Foolishe Investieren gestoßen sein. Wer diesen Kaninchenbau einmal betreten hat, macht sein Geld schnell zur Intelligenzbestie.

Sicher wird es immer genug Robinhood-Händler geben, die auf der Jagd nach ein wenig Euphorie im langweiligen Lockdown sind. Es sei ihnen gegönnt.

Doch für den Taxifahrer und den Friseur war es nie einfacher, mit der Gedankenwelt erfolgreicher Investoren gleichzuziehen. Das macht Aktien nicht automatisch zur sicheren Bank. Doch große Chancen auf einen Kleinanleger-Crash sehe ich derzeit nicht.

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