„Die Kleene ist ja ganz lustig“ – Wie ein Shitstorm Carolin Kebekus zum Durchbruch verhalf


Carolin, bist du in der Schule schon der Klassenclown gewesen?
Ja, klar! Und natürlich habe ich auch unseren Abi-Gag moderiert.

Gutbürgerliches Elternhaus, Gymnasium, Hochschulreife: Was waren deine Stärken in der Schule?
Ganz klar die kreativen Fächer Kunst und Musik, aber auch Deutsch und Englisch. Mein Abitur habe ich dann in Deutsch, Biologie, Geschichte und Kunst gemacht. Kunst hat mich begeistert. Ich wollte unbedingt etwas Praxisnahes machen.

Und wann wurde dir dann klar, dass du am besten dein komisches Talent zum Beruf ausbaust? Eigentlich wolltest du ja Theaterwissenschaften studieren …
Das war der Plan. Aber für Theaterwissenschaften gab es damals einen Numerus clausus von 1,3. Mein Abi habe ich mit 2,9 bestanden. Dafür schäme ich mich nicht. So musste ich aber erst mal Wartesemester sammeln. Ich habe die Zeit genutzt, um mich auf einer Internet-Plattform für Medienberufe für ein Praktikum zu bewerben.

So bist du 1999 als Praktikantin bei der Produktionsfirma der „RTL Freitag Nacht News“ gelandet?
Ja, weil ich damals schneller als andere in der Lage war, meinen Lebenslauf einzuscannen und per E-Mail zu senden. Und weil ich einen Führerschein hatte.

Der war wichtig?
Ja, der Führerschein war sehr wichtig, beispielsweise um die Videobänder oder die Schauspieler hin und her zu fahren. Natürlich musste ich auch Kaffee kochen, eben wie man sich klischeehaft so ein Praktikantendasein vorstellt …

Aber?
Dieses Praktikum beim Fernsehen war wie eine kleine Ausbildung für mich. Ich konnte in alle Bereiche hineinschnuppern, habe mich um die Abläufe der Drehs genauso gekümmert wie um die Nachbearbeitung im Archiv.

Und weil sich Schauspieler zu einem Dreh verspäteten, bist du selbst bei einem Sketch eingesprungen?
Die Schauspieler kamen gar nicht, da musste ich das machen. „Die Kleene ist ja ganz lustig“, befand Produzent Hugo Egon Balder. So wurden immer mehr Drehs daraus. Ich durfte noch im Praktikum in immer mehr Sketchen mitspielen, später kamen dann noch Einsätze in der Serie „Was guckst du!?“ mit Kaya Yanar dazu.


Hatten deine Eltern nicht Angst, dass du dich in eine ungewisse Zukunft stürzt?
Das Praktikum wurde zweimal verlängert. Meine Eltern haben da wunderbar reagiert, denn es war ja ausgemachte Sache, dass ich irgendwann studieren werde. „Du bist doch erst 23. Probiere dich aus, nimm dir ein Jahr Zeit und versuche, als Schauspielerin zu arbeiten. Wenn du Geld brauchst, sind wir für dich da“, haben sie mir Mut gemacht. Das war total super. Mein Vater hat mir dann auch gleich das Geld für einen Monat überwiesen.

Kamst du damit gut klar?
Ich habe ja nie über meine Verhältnisse gelebt und konnte von Beginn an super von dem Geld, das ich bekam, leben. Für das Praktikum bekam ich mit 19 Jahren rund 400 Euro im Monat. Das war viel Geld für mich. Für jeden Drehtag kamen 60 Euro, für jede Sprechrolle 100 Euro hinzu. Das läpperte sich schnell. Und durch meine Rolle bei „Was guckst du?!“ hat mein Vater seine Finanzspritze auch sofort zurückbekommen.

Auch beim Radiosender „1Live“ hast du mal ein Praktikum gemacht?
Ja, ich habe ein Praktikum in der Comedy-Abteilung des Senders gemacht und vor allem Texte eingesprochen. Jan Böhmermann war damals auch da. Wir haben uns in der Kaffeeküche kennengelernt.

Welches Erlebnis ist dir aus deiner Zeit als Praktikantin besonders in Erinnerung geblieben?
Die TV-Sendung „Top of the Pops“ wurde eine Etage über uns produziert, Rudi Carrell arbeitete eine Etage unter uns. Da bin ich mal mit Robbie Williams im Fahrstuhl runter- und mit Rudi Carrell wieder raufgefahren …

Du hast also jede Menge Promis als Praktikantin getroffen. An welche Situation denkst du gerne zurück?
Ich durfte mich ausprobieren, durfte alles spielen. So habe ich schon in recht jungen Jahren große Kamera-Erfahrung bekommen. Das war wie eine Ausbildung und hilft mir noch heute.

Das klingt alles ziemlich entspannt …
Von wegen. Ich war abends fürchterlich erschöpft. Ich musste mich ja nicht nur um den Kaffee-Nachschub kümmern und als Chauffeur einspringen, sondern auch schauen, ob die Komparsen alle am Set sind, die Dispos für den nächsten Drehtag ausgedruckt sind und, und, und …


Was hast du durch diese Jobs fürs Leben gelernt?
Extreme Routine und vor allem Demut. Ich habe die Welt hinter der Kamera sehr gut kennengelernt und vor allem ein Gefühl dafür bekommen, was die Menschen drumherum alles leisten – obwohl am Ende ja nur einer das Gesicht in die Kamera hält.

Gibt es Freundschaften aus der damaligen Zeit?
Bei „Freitag Nacht“ waren wir ein sehr junges Team mit jungen Autoren. Ich bin mit allen auch heute noch befreundet. Dazu zählen Morten Kühne, der Head-Writer der „heute show“, genauso wie der Schriftsteller und Drehbuchautor Tommy Jaud.

Womit gelang dein Durchbruch?
Das waren die Parodien auf den Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz in den „Freitag Nacht News“ im April 2006. Die Beschimpfungen und Drohungen durch die Fans der Musikgruppe waren unangenehm und das, was man heute einen Shitstorm nennt – aber sie brachten mir letztlich den Durchbruch.

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Wie hast du zu Beginn deiner Karriere immer einen Fuß in der Tür gehalten?
Das hat sich alles zwangsläufig so ergeben. Von meinen Anfängen bei „Freitag Nacht News“ bis zu meinem eigenen Programm „Pussy Terror“ gab es immer Leute, die fanden, ich mache das ganz gut, und so baute sich eins auf dem anderen auf.

Du bist Comedian, Schauspielerin, Synchronsprecherin und singst. Gibt es dafür ein Berufsbild?
Ich bin halt vielseitig. In meiner Steuererklärung steht aber Schauspielerin.

Hast du eigentlich noch Lampenfieber?
Nicht bei jedem Auftritt, aber wenn ein Programm ganz neu ist, dann schon.


Wie laufen die letzten Minuten vor einer Show ab? Gibt es Rituale?
Ich trinke einen Ingwertee für meine Stimme. Dann geht es in Badelatschen zur Bühne. Kurz davor setze ich mich auf einen Stuhl mit der Aufschrift „Alpha-Prinzessin“ und ziehe meine High Heels an. Ein Mitarbeiter sagt mir sicherheitshalber noch mal den Namen der Stadt, in der ich gerade auftrete, und dann geht’s raus.

Kannst du dich selber im TV sehen? Nicht wenige Darsteller haben damit so ihr Problem …
Nee, furchtbar, einfach schrecklich. Denn es ist nie perfekt, und ich finde immer etwas, was man noch besser machen kann.

Und worüber kannst du selber lachen?
Ich habe einen recht einfachen Humor und bin einfach zu erheitern. Alles, was vulgär ist, finde ich lustig.

Vielen Dank für das Interview, Carolin!