Klassik: Skepsis gegenüber der Stimme

Rebecca Saunders hat sich von „Ulysses“ für ihr einstündiges Werk für den Kammermusiksaal anregen lassen

Noch wenige Tage bis zur Abgabe. Die Komponistin Rebecca Saunders sitzt an einem Bistrotisch, die Brille auf die Stirn geschoben. Gleich beginnt ein weiteres Konzert der Sommerlichen Musiktage im niedersächsischen Hitzacker, wo sie als Residenz-Komponistin gefeiert wird und zahlreiche ihrer Werke erklingen.

"Ich vertraue eher der Musik als der Sprache"

Die 49-Jährige freut sich, aber gleichzeitig sieht man ihr an, wie gerne sie am Schreibtisch sitzen und ihr Auftragswerk für das Musikfest Berlin zu Ende komponieren würde. Es wird 70 Minuten lang sein, für Sopran und "räumlich angeordnetes" Instrumentalensemble, auf der Textgrundlage des Monologs der Molly Bloom aus James Joyces Roman "Ulysses", dieser Rahmen immerhin steht fest. Um den Titel ringt die gebürtige Engländerin noch.

"Ich vertraue eher der Musik als der Sprache", so erklärt Rebecca Saunders (49), warum sie sehr lange ausschließlich Instrumentalmusik komponiert hat. "Für mich ist es ein Riesenfrust, dass Sänger einfach irgendwann atmen müssen. Es gibt am menschlichen Körper kein Pedal, das den Klang verlängern könnte, nicht mal Zirkuläratmung wie bei Blasinstrumenten ist möglich! Wenn die Luft aus der Lunge herausgeströmt ist, ist die Stimme tot."

Auch sei die körperliche Einfassung der menschlichen Stimme ein Problem. "Die Sopranistin braucht nur eine Augenbraue zu heben oder zu lächeln oder in einem geblümten Kleid aufzutreten – schon verändert sich die Wahrnehmung der Musik. Schon wie sie auf die Bühne tritt, ist ei...

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