Klarna startet Handy-zu-Handy-Bezahlen


Es ist ein Produktstart mit Ansage – und diese kam eigentlich schon im vergangenen November. Damals übernahm der Online-Bezahldienst Klarna das Finanz-Start-up Cookies, das nach einem Insolvenzantrag vor dem Aus stand. Das Team von Cookies hatte eine App entwickelt, mit der sich Nutzer von Handy zu Handy Geld schicken konnten.

An diesem Dienstag ist es soweit: Klarna startet seine sogenannte P2P-App – die ehemalige Cookies-Crew hat ihr Produkt unter dem Dach des schwedischen Unternehmens weiterentwickelt. „Wavy“ soll sich insbesondere an die 18- bis 25-Jährigen richten und wird in 31 europäischen Ländern gleichzeitig ausgerollt. Lamine Cheloufi, der ehemalige Co-Gründer von der Cookies App und heutiger Product Director bei Klarna, ist sich sicher: „In Nordeuropa ist das Bezahlen mit dem Smartphone längst an der Tagesordnung, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Deutschland beliebt wird“, sagt er dem Handelsblatt.

Tatsächlich galt die Bargeld-Liebe der Deutschen lange Zeit als genauso typisch wie etwa die deutsche Gründlich- oder Pünktlichkeit. Doch das Bild hat Risse bekommen. So hat gerade eine repräsentative Allensbach-Studie gezeigt, dass es mit den Bundesbürgern im Alter zwischen 30 und 44 Jahren hierzulande erstmals eine Altersgruppe gibt, in der die Mehrheit lieber mit Karte als mit Münzen und Scheinen bezahlt. Auch bei den 16- bis 29-Jährigen ist die Beliebtheit des Plastikgeldes innerhalb eines Jahres deutlich gestiegen. Wer weiterhin auf Bargeld setzt, glaubt häufig, dass das schneller ist. Messungen ergeben aber, dass insbesondere kontaktloses Bezahlen mit der Karte deutlich zügiger abläuft – und zahlen mit dem Smartphone kann noch schneller sein.


Um das Bezahlen an der Kasse geht es bei Wavy aber gar nicht – wobei der große Innovationstrieb der schwedischen Klarna Group, die kürzlich erst eine Banklizenz erworben hat, eher ein „noch nicht“ nahelegt. Momentan aber soll die App beispielsweise dann zum Einsatz kommen, wenn junge Leute gemeinsam Pizza bestellt haben und einer das Geld für die anderen ausgelegt hat. Statt Bargeld abzuzählen und einander auf später zu vertrösten, können sie ihre Schulden sofort und Cent-genau über die App begleichen – oder offene Beträge bei anderen anfordern. „Gerade jungen Leuten tut es finanziell noch richtig weh, wenn häufiger kleine Beträge offen bleiben“, sagt der 28-Jährige Cheloufi.

Doch die App sei für alle Nutzer geeignet: „Großeltern können darüber zum Beispiel Geburtstagsgeld an ihre Enkel schicken.“ Los geht’s bei einem Cent, das monatliche Sendelimit nach digitaler Verifikation der Identität beträgt 2500 Euro.



Aktuell tummeln sich am Zahlungsverkehrsmarkt schon einige ähnliche Angebote – zum Beispiel von den Fintechs Cringle und Lendstar. Groß eingestiegen sind im vergangenen Herbst auch die Sparkassen mit ihrer intensiv beworbenen Bezahl-App Kwitt. Und seit wenigen Wochen bietet auch die Paydirekt-App eine solche P2P-Funktion. Die Unterschiede stecken im Detail: Teils muss der Empfänger der Geldsendung zwingend auch die App haben, um an das Geld heranzukommen. Teils können einmal losgeschickte Geldtransfers nicht mehr gestoppt werden und auch die Auswahl der verfügbaren Banken unterscheidet sich.


Geld verschicken per Link


Lamine Cheloufi macht weder die Konkurrenz noch die Insolvenz seiner Co-Gründung Cookies bange. „Schuld an der Insolvenz von Cookies war nicht das Produkt oder das Geschäftsmodell, sondern ein Streit im Management“, erklärt er. Dennoch gebe es in der Wavy-App einige Verbesserungen im Vergleich zu Cookies. Das Wichtigste laut Cheloufi: „Um Geld über Wavy empfangen zu können, muss man sich nicht anmelden.“ Der Empfänger müsse bloß einen Link anklicken und dann seinen Namen und seine IBAN eingeben. Dieser Link wiederum kann über zahlreiche soziale Kanäle verschickt werden – so etwa per E-Mail, WhatsApp, Facebook, SMS oder Airdrop.

Dabei gilt: Jeder, der Zugriff auf den Link hat, kann sich auch das Geld zu eigen machen. Cheloufi rät deshalb: „Die Nutzer sollten gut aufpassen, an wen sie den Link verschicken – so wie man auch eine IBAN sorgfältig eintippen sollte.“ Solange das Geld noch nicht abgerufen wurde, könne der Versender aber noch Korrekturen vornehmen und den Link stornieren.

Trotz des Starts in 31 Ländern – 28 EU-Mitgliedsstaaten sowie Norwegen, Island und Liechtenstein – müssen die Überweisungen zunächst in Euro lauten. Für Nutzer aus Nicht-Euro-Ländern fallen also Wechselkursgebühren ihrer Bank an. „Das ist aber nur eine Übergangslösung und wird in Zukunft angepasst“, verspricht der Product Director – schon deshalb, weil Klarnas Heimatmarkt in Schweden liegt, wo man bekanntlich mit Schwedischen Kronen zahlt. Klarna-CEO Sebastian Siemiatkowski zeigt sich von der Arbeit des ehemaligen Cookies-Teams begeistert: „Klarna wurde mit dem Ziel gegründet, Zahlungen sicher, einfach und reibungslos zu machen. Wavy ist ein weiterer Schritt auf dieser Reise.”



Wer Wavy nutzen möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein und die Android- oder iOS-App auf sein Smartphone laden. Bei der Anmeldung müssen zunächst Name, Anschrift, Geburtstag und E-Mail-Adresse angegeben werden. „Eine Identifizierung per Personalausweis ist in der Regel erst dann nötig, sobald einige Zahlungen ausgelöst wurden“, erklärt Cheloufi. Falls für den Namen des angehenden Nutzers jedoch eine Warnung hinterlegt sei, könne die Identifizierung in Einzelfällen sofort nötig werden. „Da gelten für uns die gleichen Regeln wie für alle Banken“, so Cheloufi.

Bekannt wurde Klara in Deutschland insbesondere durch die Übernahme der Sofort GmbH mit dem Online-Bezahldienst Sofort-Überweisung im Jahr 2014. Gegründet wurde es bereits 2005, hat 1500 Mitarbeiter und bietet nach eigenen Angaben bietet Zahlungslösungen für 60 Millionen Verbraucher und mehr als 70.000 Händler. Zuletzt wurde Klarna mit umgerechnet rund zwei Milliarden Euro bewertet.