Kirchensteuer in Deutschland — ein Relikt vergangener Zeiten?

Ulrich Hemel
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Deutschland ist ein Land großer religiöser Toleranz. Der Staat mischt sich in religiöse Angelegenheiten nicht ein, steht religiösen Aktivitäten aber positiv gegenüber — gleich ob es um den Bau einer Moschee, einer Synagoge oder einer Kirche geht. Grundsätzlich ist der Staat religiös neutral, denn wie sollte er inhaltlich über religiöse Fragen entscheiden können?

Aus der Geschichte heraus gibt es jedoch einige Herausforderungen. So gibt es zwischen Kirche und Staat bis heute Vereinbarungen zum Einzug der Kirchensteuer, sogar auf Kapitaleinkünfte. Das deutsche Steuerrecht ist von Haus aus kompliziert. Der Spitzensteuersatz liegt nominell bei 45 Prozent, aber dann kommt noch der systemwidrig nicht abgeschaffte Solidaritätsbeitrag und — bei evangelischen und katholischen Christen — die Kirchensteuer dazu. Sie ist als Zuschlag in Höhe von rund acht bis neun Prozent auf die Einkommensteuerschuld ausgestaltet. Und sie wird gnadenlos eingetrieben wie jede andere Steuerschuld auch.

Warum sollen 60 Prozent über die Steuer stärker belastet werden als diejenigen, die nicht der evangelischen und katholischen Kirche angehören?

Genau das ist falsch. Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft bringt die moralische Pflicht mit sich, zum Leben dieser Gemeinschaft nach Kräften beizutragen. Beiträge zu religiösen Gemeinschaften wie eine staatliche Steuer einzutreiben, das ist freilich aus der Zeit gefallen.

Klar: jeweils rund 500.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Dienst der katholischen und evangelischen Kirche wollen bezahlt werden. Meist geht es dabei um Einrichtungen von Diakonie und Caritas. Dabei finanziert der Staat in Höhe von rund 85 Prozent mit. Wer sich darüber wundert, möge bedenken, dass kein Finanzminister freiwillig 15 Prozent mehr für Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten zahlen will, wenn er nicht muss. Politische Kräfte sind daher beim Thema „Kirchensteuer“ in aller Regel sehr zurückhaltend.

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