Das Kino wird 125 Jahre alt - und steckt in einer tiefen Krise

Sven Hauberg
·Lesedauer: 4 Min.

Eigentlich ein Grund zum Feiern: Vor 125 Jahren wurden erstmals Filme öffentlich gezeigt - die Geburtsstunde des Kinos. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr stecken die Filmtheater in einer Krise.

Das Kino hatte mehrere Geburtsstunden. Aber wie so oft setzte sich jener Moment durch, der die größten Schlagzeilen machte. Am 28. Dezember 1895 luden die Brüder Auguste und Louis Lumière in den indischen Salon des Grand Café im Zentrum von Paris. Rund 40 Menschen waren der Einladung gefolgt und nahmen, gegen ein geringes Entgelt von einem Franc, auf den einfachen Klappstühlen Platz, die aufgestellt worden waren. Dann ging das Licht aus, und auf der Leinwand sah man eine Szene, nur 46 Sekunden lang, die Geschichte schrieb. Nicht, weil das, was dort geschah, spektakulär war. Im Gegenteil: Das Publikum bekam kaum mehr zu sehen als ein paar Arbeiter, die lachend das Lumière-Werk in Lyon verließen. Insgesamt zehn Kurzfilme zeigten die Lumière-Brüder damals, nach wenigen Minuten war alles vorüber. Jener Dezembertag vor 125 Jahren aber gilt heute als Geburtsstunde des Kinos.

Das Medium Film ist allerdings ein paar Jahre älter. 1888 drehte der Franzose Louis Le Prince eine als "Roundhay Garden Scene" bekannte Aufnahme, die als erster Film der Geschichte gilt. Nur zwei Sekunden des im englischen Leeds entstandenen Frühwerks des Films haben die Jahrzehnte überdauert, zu sehen sind vier Menschen in einem Park. Auch öffentliche Filmvorführungen vor zahlendem Publikum gab es schon vor jener im Pariser Grand Café: Im Mai des Jahre 1895 in New York, im November dann im Berliner "Wintergarten". Aber weil die Gebrüder Lumière eben auch frühe Marketingsprofis waren, gilt ihre Filmvorführung als jener Tag, an dem das Kino das Licht der Welt erblickte.

"Sprachlos, erstaunt und unbeschreiblich überrascht"

"Sprachlos, erstaunt und unbeschreiblich überrascht" sei das Publikum damals gewesen, berichteten später Zeitzeugen. Auguste und Louis Lumière hatten zur Vorführung ihrer Filme den sogenannten Kinematographen entwickelt, ein Gerät, das Film aufzeichnen, kopieren und projizieren konnte. In den Folgejahren entwickelte sich das neue Medium rasant - technisch, aber auch inhaltlich. Schon im Geburtsjahr des Kinos entstand die erste Szene, die einen Spezialeffekt beinhaltet: In "The Execution of Mary Stuart" wurde mittels Stop-Motion-Technik das Köpfen der Schottenkönigin nachgestellt - zum Entsetzen des Publikums, das angeblich glaubte, hier habe eine Schauspielerin tatsächlich ihren Kopf verloren.

Bald wurde es aber auch romantisch: 1896 drehte Regisseur William Heise für die Firma des US-Filmpioniers Thomas Edison eine kurze Szene, die als "Der Kuss" Eingang in die Filmgeschichte fand. Zu sehen gibt es die Schlussszene des Broadway-Musicals "The Widow Jones" - einen langen Schmatzer. Deutlich schlüpfriger wurde es in der französischen Produktion "Le Coucher de la Mariée" ("Die Verheiratete geht zu Bett") von 1899. In dem siebenminütigen Werk von Albert Kirchner, von dem heute noch gut zwei Minuten erhalten sind, kann man der Schauspielerin Louise Willy beim Entkleiden zusehen - der älteste noch existierende Erotikfilm der Geschichte.

Und so ging es weiter, über den ersten Farbfilm hin zu Aufnahmen mit Ton. Filme wurden länger, die Handlungen komplexer, der Animationsfilm entstand, später begeisterten die ersten 3D-Effekte und im Computer erzeugte Bilder das Publikum. Dabei musste das Kino immer auch gegen Krisen ankämpfen; nicht selten wurde das Medium totgesagt. Etwa, als Fernsehgeräte in die US-Haushalte einzogen und später die ganze Welt eroberten. Mitte der 70er-Jahre kam dann die VHS-Kassette auf den Markt, man konnte nun von zu Hause aus Filme schauen, wann immer man wollte. Das Kino aber suchte sich eine Nische und überlebte.

"Das schwierigste Jahr, seit es Kino gibt"

Und heute, im Jubiläumsjahr? "2020 war das herausforderndste und schwierigste Jahr, seit es Kino gibt - also immerhin seit 125 Jahren", sagt Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO e.V. Der Verband vertritt 602 Mitgliedsunternehmen, die 3.260 Leinwände bespielen. "Noch nie mussten die Kinos so lange schließen wie jetzt, noch nie waren sie so vielen Unwägbarkeiten im Hinblick auf die Ausübung ihrer wirtschaftlichen Grundlage - den Menschen ein besonderes Filmerlebnis auf der großen Leinwand zu bieten - ausgesetzt."

Und dann ist da noch die neue Konkurrenz: Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, HBO Max - 2020 könnte als jenes Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Streamingdienste dem Kino den Rang abgelaufen haben. Christine Berg glaubt das nicht: "Kino wurde bereits mit dem Einzug des Fernsehens totgesagt, und heute haben wir in Deutschland nach wie vor eine flächendeckende Kinokultur. Wir gehen davon aus, dass dies auch so bleiben wird, wenn sowohl alle Beteiligten der Branche als auch die Politik die Voraussetzungen dafür schaffen, die Diversität und den Umfang von Kino als elementares Kultur- und Freizeitangebot vollumfänglich zu erhalten." Eine Forderung die heute, 125 Jahre nach der Lumière-Vorführung in Paris, wichtig ist wie wohl nie zuvor.