Mit Kinnhaken und Sammelwut

Der langjährige Chef der Tengelmann-Gruppe, Erivan Haub, ist tot. Wie der Familienunternehmer einen internationalen Handelskonzern schuf.

Als Erivan Haub, der langjährige Chef der Tengelmann-Gruppe, vor wenigen Jahren in einem seiner wenigen Interviews gefragt wurde, ob er rückblickend etwas anders gemacht hätte, antwortete er: „Nicht einen Tag. Nicht ein Treffen. Nicht ein Fest. Nicht eine Zusammenkunft. Nicht eine Betriebsratssitzung. Nicht eine Aufsichtsratssitzung. Gar nichts. Nichts. Nein.“

Folgt man seinen Worten, muss Erivan Haub wohl zufrieden gestorben sein, am 6. März auf seiner Ranch im amerikanischen Wyoming.

Der 85-Jährige galt bis zuletzt als „der großen alten Männer der deutschen Wirtschaft“, wie die „Zeit“ einst formulierte und ihn in einer Reihe mit Karl und Theo Albrecht, den Aldi-Brüdern, Josef und Dieter Schwarz von Lidl nannte. Tatsächlich gehörte Haub zur kleinen Schar jener geheimnisumwitterten Handelsbarone, die in den Jahrzehnten des Kalten Krieges Deutschlands Einzelhandel prägten und nebenbei ein Milliardenvermögen aufbauten.


Haub war von 1969 bis 2000 alleiniger Geschäftsführer der Tengelmann-Gruppe. Während dieser Zeit baute er das einst mittelständische Familienunternehmen zu einem Handelskonzern von internationalem Rang aus. Begonnen hatte seine Karriere in den fünfziger Jahren in Chicago, wo er erste Erfahrungen im Handel sammelte. Mit dem Lastwagen brachte er damals Ware zu den Händlern, und als ein Marktleiter ihn unwirsch aufforderte, er solle die Ware auch noch in die Regale räumen, fuhr er mit dem Lkw kurzerhand über die Lebensmittel, lautet eine der Anekdoten über Haub. Einen anderen Ladenbesitzer, soll er mit einem Kinnhaken niedergestreckt haben, weil er im Recht war. Doch die USA Gefallen ihm. Seine drei Söhne kommen hier zur Welt, sie sollten einen amerikanischen Pass haben, falls es doch noch einmal Krieg in Europa geben sollte. Auch die amerikanische Art, Dinge anzupacken und zu lösen, liegt Haub und wird seine Arbeit später in Deutschland prägen.

Die Möglichkeit dazu bietet sich, als er 1963 in die familieneigene Handelsgruppe Tengelmann eintritt und wenige Jahre später die Leitung übernimmt. Zu dieser Zeit macht die Gruppe insgesamt 1,4 Milliarden Mark Umsatz. Doch das reicht Haub nicht. Er schaltet rasch auf Expansion um.

Der Kauf des Erzrivalen Kaiser's im Jahr 1971 ist der Startschuss zu einer großen Einkaufstour. Haub erwirbt Unternehmen und Beteiligungen in den USA, den Niederlanden sowie Italien und expandiert nach Osteuropa. Und er wagt den Schritt vom reinen Lebensmittelhandel zum Handel mit Bekleidung und Baumaterialien. Insgesamt kann er so nach Berechnungen des „Handelsblatts“ die Erträge in gut 30 Jahren um das Fünfzigfache steigern.

Doch kurz vor der Jahrtausendwende wird das Firmensammeln zunehmend zum Problem. Viele Tochterunternehmen geraten in die Krise, die hochverschuldete Gruppe ist nur noch schwer zu steuern. Tengelmann droht damit dasselbe Schicksal, das später Karstadt, Quelle und Schlecker ereilt. Als eine der größten, womöglich auch schwersten Leistungen des Patriarchen gilt denn auch sein Verzicht auf die Führung der Unternehmensgruppe in der Führungsphase. Erivan Haub gibt den Chefposten ab und lässt seine Söhne – allen voran Karl-Erivan Haub – machen. Er verkauft den Discounter Plus und andere Beteiligungen, das Handelsreich wird zurechtgestutzt.

Inzwischen ist aus dem unüberschaubaren Konglomerat wieder eine schlagkräftigte Holding geworden, zu der die Baumarktkette Obi und Deutschlands größter Textildiscounter Kik gehören, nebst Anteilen am Onlinemodehändler Zalando und dem Nonfooddiscounter Tedi. Die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann, die Keimzelle des Imperiums, verkaufte Karl-Erivan Haub im vergangenen Jahr an Edeka.

Der Senior schien da bereits seinen Segen mit der Aufspaltung und Verkleinerung gemacht zu haben. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Helga hatte er sich 2008 das traditionsreiche Weingut Abril in Bischoffingen zugelegt, hielt sich aus dem operativen Geschäft von Tengelmann aber raus. „In meinem Alter“, sagte Haub schon vor gut fünf Jahren, „sollte man so etwas nicht mehr selbst in die Hand nehmen. Da ist ja absehbar, dass man morgen nicht mehr da ist, da muss die nächste Generation längst im Geschäft stehen und voll Verantwortung tragen.“