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"Die Kinder schreien nachts": Kaya Yanar berichtet nach Erdbeben von Familienschicksal

Comedian Kaya Yanar hat mit Verwandten über die Stunden nach der Katastrophe geprochen: "Es muss wohl wirklich der absolute Horror gewesen sein." (Bild: ARD)
Comedian Kaya Yanar hat mit Verwandten über die Stunden nach der Katastrophe geprochen: "Es muss wohl wirklich der absolute Horror gewesen sein." (Bild: ARD)

"Man hätte viele Menschen retten können", glaubt Düzen Tekkal. Rund drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in Teilen der Türkei und Syriens beklagte die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin bei "Maischberger" einen Mangel an politischer Hilfeleistung im Katastrophengebiet.

Drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben, das Anfang Februar die Südosttürkei und den Nordwesten Syriens erschüttert hatte, wird die Zahl der getöteten Menschen auf mehr als 50.000 geschätzt. Auch Kaya Yanar hat durch die Naturkatastrophe mehrere Angehörige verloren. "Die ersten Stunden nach dem Beben waren sehr dramatisch", berichtete der Comedian nun per Live-Schalte in der ARD-Talksendung "Maischberger".

"Wir haben niemanden erreicht, weil das Telefonnetz zusammengebrochen ist", erinnerte sich Yanar. Die Überlebenden hätten "üble Stunden" durchlebt, so der 49-Jährige: "Die Leute hatten Angst, ihnen war kalt. Sie haben sich selbst ein Lagerfeuer gebastelt und mit bloßen Händen nach Menschen gegraben. Es muss wohl wirklich der absolute Horror gewesen sein."

Mittlerweile sei seine Kernfamilie in einer Ferienwohnung in Antalya untergekommen. "Es hat zwei Tage gedauert, bis alle dort angekommen sind. Die Straßen waren total zerstört, es staute sich überall - deshalb kamen tragischerweise auch keine Krankenwagen mehr durch." Nun seien seine Angehörige zwar in Sicherheit, aber auch "traumatisiert", erklärte Yanar. "Die Kinder schreien nachts und trauen sich nicht mehr, eine einfache Treppe hinunterzugehen." Den Betroffenen müsse langfristig geholfen werden, forderte der Entertainer - "nicht nur materiell, sondern auch psychologisch".

Der Zusammenhalt der Menschen im Erdbebengebiet sei "bemerkenswert", sagte Düzen Tekkal: "Aus der Ohnmacht und dem Frust wird jetzt langsam Mut." (Bild: ARD)
Der Zusammenhalt der Menschen im Erdbebengebiet sei "bemerkenswert", sagte Düzen Tekkal: "Aus der Ohnmacht und dem Frust wird jetzt langsam Mut." (Bild: ARD)

Düzen Tekkal: "Man hätte viele Menschen retten können"

Auf die Dringlichkeit nachhaltiger Hilfen pochte auch Düzen Tekkal. Die Menschenrechtsaktivistin und Tochter jesidischer Kurden sprach am Dienstagabend von "ganzen Generationen, die nun in Schutt und Asche liegen" sowie der "Entmenschlichung", der die Bevölkerung der betroffenen Gebiete nun ausgesetzt sei. "Das Erdbeben ist naturgegeben, dafür ist niemand verantwortlich. Aber: Der Umgang damit ist politisches Versagen", urteilte die Journalistin.

Bereits im Jahr 2000 sei eine Erdbebensteuer in der Türkei eingeführt worden. Die dadurch eingenommene Summe in Milliardenhöhe sei jedoch nicht in erdbebensichere Häuser oder Hilfseinrichtungen geflossen, sondern für andere Zwecke entfremdet worden. "Die Menschen fragen nun zu Recht, wo das Geld hin ist", erklärte Tekkal. "Man hätte viele Menschen retten können, wenn es von vornherein humanitäre Soforthilfe gegeben hätte. Jetzt stellt sich die Frage nach der politischen Verantwortung."

"Es darf keine Machtpolitik auf dem Rücken von Opfern und Toten betrieben werden"

Entsprechend gespannt sei die 44-Jährige auf die türkische Präsidentschaftswahl am 14. Mai. Die Opposition sei "geschlossen wie nie", betonte Tekkal. Die Kritik an Erdogan, die "nach wie vor als Majestätsbeleidigung empfunden" werde, komme nun aus allen Richtungen. Tekkal zufolge sei in der Türkei derzeit "landesweiter Widerstand" zu beobachten. "Aus der Ohnmacht und dem Frust wird jetzt langsam Mut", sagte sie.

Der Zusammenhalt der Menschen sei "bemerkenswert", auch, wenn sich in den letzten Wochen - vor allem auch in Syrien - "apokalyptische" Szenen abgespielt hätten, so Tekkal: "Kollegen von mir, erfahrene Kriegsberichterstatter, haben gesagt: 'Wir haben sowas noch nie erlebt. Menschen wimmern, und dann wird es leise.'" Versuche der Politiker, derartige Bilder nun für sich zu instrumentalisieren, halte die Politikwissenschaftlerin für zwecklos. "Es darf keine Machtpolitik auf dem Rücken von Opfern und Toten betrieben werden - weder von Erdogan noch von Assad."