Kinder, deren Eltern länger in Elternzeit waren, sind als Erwachsene glücklicher — zeigt eine Langzeitstudie

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Anfang Mai 1986 gab es in der damaligen DDR eine politische Reform, von der einige Menschen noch heute profitieren. Diese Menschen waren damals Kinder. Ihren Müttern und Vätern erlaubte die Gesetzesänderung plötzlich, vom Zeitpunkt ihrer Geburt an zwölf Monate bezahlte Elternzeit zu nehmen. Ein Novum, das die mittlerweile Anfang bis Mitte dreißigjährigen Kids von damals jetzt zu zufriedeneren Erwachsenen macht.

Das sagen zumindest zwei Forscherinnen vom ifo Institut, Larissa Zierow und Katharina Heisig. Die beiden haben gerade eine Studie veröffentlicht, in der sie die Langzeitfolgen der DDR-Elternzeitreform untersucht haben. Die Daten, die sie dafür brauchten, entnahmen sie dem sogenannten Sozioökonomischen Panel, einer repräsentativen, stichprobenartigen Befragung unter allen in Deutschland lebenden Menschen. Zierow und Heisig sahen sich die Angaben aus den Umfragewellen von 2000 bis 2016 an — von Menschen, die zwischen 1980 und 1989 geboren und in der ehemaligen DDR aufgewachsen waren.

Zufriedenheit der Kinder steigt durch Extra-Elternzeit

Nach ihrer Auswertung kamen die beiden Wissenschaftlerinnen zu dem Ergebnis: Die verlängerte Elternzeit, die die ehemalige DDR ihren Bürgerinnen und Bürgern 1986 ab dem ersten Kind gewährte, hatte einen enorm positiven Effekt. Sie sorgte dafür, dass die Kinder später, als Erwachsene, zufriedener mit ihrem Leben waren als die vor ihnen Geborenen — deren Eltern hatten sie schon nach fünf Monaten in eine Kinderkrippe geben müssen.

Natürlich lässt sich Glück nur schwierig in Zahlen messen, doch genauer ermittelten Heisig und Ziesow: Die Kinder, die ihre ersten zwölf Lebensmonate ausschließlich in der Obhut der eigenen Eltern verbrachten, waren später um acht Prozentpunkte zufriedener als die, die schon früher in eine Ganztags-Betreuungseinrichtung gekommen waren.

Den berühmten britischen Kinderarzt und -psychiater John Bowlby würde dieses Ergebnis wohl nicht überraschen. Bowlby gilt als Pionier der sogenannten Bindungsforschung, einem Wissenschaftszweig, der sich mit den Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern beschäftigt. Er war überzeugt: Um ein Leben lang sichere Bindungen mit anderen Menschen eingehen zu können, sind die ersten zwölf Monate im Leben eines Menschen entscheidend. Kann ein Baby sich in dieser Zeit darauf verlassen, von den engsten Bezugspersonen — also meist den Eltern – verlässlich umsorgt zu werden, dann fällt es ihm auch später im Leben leichter, gesunde Beziehungen zu anderen Personen aufzubauen.

Eine andere These Bowlbys allerdings wird heute kontrovers diskutiert: Er war der Überzeugung, dass ein Kind am besten schon früh eine exklusive Bindung an nur eine Person haben solle — und zwar am besten an seine Mutter. Dies scheint auch in der ehemaligen DDR ein Konsens gewesen zu sein: Denn offiziell hieß das neu gewährte Babyjahr zwar „Elternzeit“ und nicht etwa „Mutterschutz“. Es waren allerdings fast nur Mütter, die das Jahr in Anspruch nahmen, nicht Väter.

Mütter und Väter sind als Bindungspersonen „gleich gut“

Heute, im wiedervereinten Deutschland, geht noch immer nur ein Drittel der Neu-Papas überhaupt in Elternzeit. Das geht aus dem jüngsten „Väterreport“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hervor. Von ihnen bleiben 60 Prozent nur zwei Monate in der Babypause. Sie verbringen damit also wesentlich weniger Zeit exklusiv mit ihrem Baby, als es die meisten Mütter tun.

Dabei hätten Kinder keinen Nachteil dadurch, mehr Zeit mit ihren Vätern als mit ihren Müttern zu verbringen. Im Gegenteil: Einige Forscherinnen und Forscher — wie etwa die Evolutionsanthropologin Anna Machin aus Oxford — sind mittlerweile überzeugt, dass Babys mit ihren Vätern ebenso gut eine enge Bindung aufbauen können wie mit ihren Müttern. Die Hauptsache sei, dass das Kind sich immer auf seine Bezugsperson verlassen könne.

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