Das Kimmich-Drama und die Folgen

Florian Plettenberg
·Lesedauer: 4 Min.

Am Sonntagabend um 21.53 Uhr herrschte Gewissheit!

Joshua Kimmich hat sich beim hart umkämpften 3:2-Auswärtssieg des FC Bayern bei Borussia Dortmund schwer am rechten Knie verletzt. Am Sonntagabend wurde Kimmich am rechten Außenmeniskus operiert.

Bei einer Grätsche gegen Erling Haaland in der Nähe des Mittelkreises hatte sich das Knie des Mittelfeld-Allrounders so sehr überstreckt, dass er mit Tränen in den Augen wenig später den Platz verlassen musste. Teamarzt Dr. Jochen Hahne und Physio-Chef Helmut Erhard stützten den 25-Jährigen beim Weg in die Kabine. Für Kimmich kam Corentin Tolisso ins Spiel (36.). Noch am Abend flog der deutsche Nationalspieler mit seinen Mitspielern nach München, wo weitere Untersuchungen folgten.

Am späten Sonntagabend teilte der Verein dann mit, dass sich Kimmich einer Knie-OP unterziehen musste. Die medizinische Abteilung der Bayern rechnet demnach damit, dass er im Januar wieder eingreifen kann.

Das Kimmich-Drama und die Folgen

"Wir sind froh, dass Joshua uns voraussichtlich in einigen Wochen wieder zur Verfügung stehen wird. Wir werden ihn bei seiner Reha bestmöglich unterstützen", sagte Sportvorstand Hasan Salihamidzic.

Am Sonntagmittag verließ Kimmich um 11.53 Uhr im Auto die Tiefgarage an der Säbener Straße. Er saß auf dem Beifahrersitz, seine Freundin Lina am Steuer. Kimmich grüßte die Reporter mit einem milden Lächeln.

Auf dem Platz muss Trainer Hansi Flick nun vorerst ohne seinen Schlüsselspieler auskommen. Keine einfache Aufgabe, "aber wir haben es auch geschafft, gegen eine starke Dortmunder Mannschaft mit der Verletzung klar zu kommen", sagte Flick auf SPORT1-Nachfrage. "Joshua ist für uns auf dieser Position ein sehr wichtiger Spieler. Er hat neben seiner Mentalität auch enorme Qualitäten."

Bitter für Bayern und Löw

Das Fußball-Jahr 2020 ist für den 50-maligen Nationalspieler definitiv gelaufen. Die drei bevorstehenden Länderspiele gegen Tschechien (11.11.), die Ukraine (14.11.) und Spanien (17.11.) verpasst Kimmich damit ebenso wie die restlichen Gruppenspiele in der Champions League und die Topspiele in der Bundesliga gegen RB Leipzig (5.12.) und Bayer Leverkusen (19./20.12.).

Nationalmannschaftskollege Robin Gosens sagte zu SPORT1: "Ich wünsche Joshua eine schnelle Genesung. Er ist ein klasse Typ und überragender Fußballer."

Noch auf dem Spielfeld hatte sich Kimmich am Samstagabend mit schmerzverzerrtem Gesicht einer Funktionsüberprüfung unterzogen. Das Innenband und das Kreuzband wurden auf mögliche Schäden hin untersucht.

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Nachdem er sich hatte aufraffen können, sah er von Schiedsrichter Manuel Gräfe für sein Foulspiel noch die Gelbe Karte. Bis dato war er gewohnt zweikampfstark gewesen und hatte dem Bayern-Spiel mit wichtigen Balleroberungen geholfen.

Wer muss Kimmich nun ersetzen?

Und wer soll Kimmichs Fehlen in den kommenden Wochen wettmachen? Vor allem Leon Goretzka, der zuletzt zweimal wegen Wadenproblemen passen musste, bei Flick ansonsten aber gesetzt ist.

An seiner Seite dürfte vorerst Corentin Tolisso zum Zug kommen, der in den vergangenen Wochen immer stärker wurde und auch gegen den BVB nach seiner Einwechslung gute Impulse setzte.

Als weitere Option im zentralen Mittelfeld stehen der zuverlässige Javi Martínez und Neuzugang Marc Roca zur Verfügung, der außer im Pokal gegen Düren und bei einem einminütigen Einsatz in Köln allerdings noch nicht zum Einsatz kam.

Alaba-Versetzung würde Kettenreaktion auslösen

Schlägt nun sogar die Mittelfeld-Stunde von David Alaba? Nach SPORT1-Information war die Forderung nach einem Platz im defensiven Mittelfeld einer der Wünsche seines Managements während der mittlerweile abgebrochenen Vertragsverhandlungen mit den Münchnern. Flick stellte zuletzt aber klar, dass er mit Alaba in der Innenverteidigung plant. Allerdings sagte er das vor Kimmichs Verletzung.

Dennoch: Eine Verschiebung Alabas ins Zentrum würde bedeuten, dass Linksfuß Lucas Hernández nach innen rücken müsste, obwohl er als Linksverteidiger bislang einen stärkeren Eindruck gemacht hat. Zudem fällt Alphonso Davies mit einem Bänderriss im rechten Sprunggelenk weiterhin aus. Und: Flick ist kein Freund von zu vielen Verschiebungen in seinem Mannschaftsgefüge.

Als zusätzliche Option könnte bald Neuzugang Tanguy Nianzou infrage kommen, dessen Comeback bevorsteht und dem der Triple-Trainer nach SPORT1-Informationen eine entscheidende Rolle im defensiven Mittelfeld zutraut.

Anfang September hatte sich Nianzou bei einem Torschuss im Training der französischen U20-Nationalmannschaft eine komplizierte Muskelverletzung in der vorderen Oberschenkelmuskulatur zugezogen. Nianzou soll nach seiner schweren Verletzung gegen Mitte bis Ende November vollumfänglich ins Mannschaftstraining einsteigen (SPORT1 berichtete).

Kimmichs Mentalität kaum zu ersetzen

Klar ist aber auch, dass Kimmich aufgrund seiner Qualität und Führungsstärke kaum zu ersetzen ist. In der laufenden Saison erzielte er in elf Pflichtspieleinsätzen drei Tore und lieferte bereits sieben Assists. Bereits in der Vorsaison kam er auf bemerkenswerte sieben Tore und 17 Assists. Von der UEFA wurde er nach dem Triple zum besten Verteidiger der Champions-League-Saison 2019/20 gewählt.

Seit seinem Wechsel aus Stuttgart 2015 verpasste Kimmich übrigens nur zwei Spiele wegen Krankheit und eines aufgrund einer Prellung. Folgerichtig nannte ihn Thomas Müller bei Instagram "Mentalitätsmonster" und richtete ihm Genesungswünsche aus. Kapitän Manuel Neuer sagte: "Er ist ein Führungsspieler in dieser Achse."

Flick aber ist sich sicher, dass sein Team einen Kimmich-Ausfall zumindest kurzfristig kompensieren kann. Denn, so betonte der Bayern-Coach, "die Mentalität der Mannschaft ist herausragend".