Nordkorea: Jederzeit Raketenangriff auf "gesamtes US-Festland" möglich

Kim will vorerst abwarten

Mit einem zweiten Raketentest binnen eines Monats hat Pjöngjang nach eigenen Angaben eine "ernste Warnung" an Washington gesandt. Der Test vom Freitag zeige, dass Nordkorea mit Interkontinentalraketen "jederzeit" das gesamte Festland der USA erreichen könne, sagte Machthaber Kim Yong Un. US-Präsident Donald Trump verurteilte den Test als "rücksichtslos und gefährlich". Er bekräftigte, seine Regierung werde "alle notwendigen Schritte" unternehmen, um die Sicherheit der USA zu gewährleisten.

Die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA berichtete am Samstag, Kim habe seine große Zufriedenheit mit dem "vollkommen erfolgreichen" Test zum Ausdruck gebracht und sei voll des Lobes für die Konstrukteure. Der Test habe Nordkoreas Fähigkeiten demonstriert, "an jedem Ort und jederzeit" eine Rakete starten zu können. Der Staatschef habe erklärt, dass nun das "gesamte US-Festland innerhalb unserer Reichweite" liege.

Bei dem Test am Freitag sei eine verbesserte Version einer Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-14 abgefeuert worden, berichtete KCNA weiter. Die Rakete habe während ihrer 47-minütigen Flugzeit eine maximale Höhe von 3724,9 Kilometer erreicht und sei 998 Kilometer weit geflogen. Zudem habe der Test unter Beweis gestellt, dass die Rakete trotz der hohen Temperaturen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre mit einem Atomsprengkopf bestückt werden könne.

Der erneute Raketentest war bereits der zweite innerhalb eines Monats und erfolgte nur wenige Stunden nach einem Sanktionsbeschluss des US-Senats gegen die Führung in Pjöngjang. Bereits am 4. Juli hatte Nordkorea verkündet, es habe in einem "historischen Durchbruch" als "Geschenk" an die USA erstmals erfolgreich eine Interkontinentalrakete getestet.

US-Präsident Trump erklärte, der erneute Test werde Nordkorea "weiter isolieren", die Wirtschaft des Landes schwächen und seine Bürger berauben. Seine Regierung werde "alle notwendigen Schritte" unternehmen, um die Sicherheit der USA zu gewährleisten und die Verbündeten in der Region zu schützen.

Als Warnung an Nordkorea hielten die USA und Südkorea ein gemeinsames Militärmanöver ab. Nach Angaben der US-Armee feuerten die Streitkräfte am Samstagmorgen Kurzstreckenraketen vor der Ostküste Südkoreas ins Meer. Zuvor hatten die USA und Südkorea angekündigt, über eine mögliche "militärische Antwort" zu beraten.

US-Außenminister Rex Tillerson erhob derweil Vorwürfe gegen China und Russland. Peking und Moskau trügen eine "eindeutige und besondere Verantwortung für die wachsende Bedrohung der regionalen und globalen Stabilität", indem sie Nordkoreas Raketenprogramm wirtschaftlich ermöglichten, erklärte Tillerson. China gilt als wichtigster Verbündeter der international weitgehend isolierten Führung in Pjöngjang.

Die Regierung in Peking verurteilte den erneuten Raketentest als Verstoß gegen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates. Zugleich rief das chinesische Außenministerium alle Parteien zur Zurückhaltung auf, um eine weitere Zuspitzung des Konflikts zu vermeiden.

Die EU warf Pjöngjang "eine ernsthafte Bedrohung des internationalen Friedens" vor. Nordkorea habe damit gegen zahlreiche Resolutionen des UN-Sicherheitsrats verstoßen, kritisierte der Auswärtige Dienst der Europäischen Union. Auch Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, Nordkorea habe "erneut in skrupelloser Weise gegen geltendes Völkerrecht verstoßen und den regionalen und internationalen Frieden bedroht". Die internationale Gemeinschaft müsse darauf eine "gemeinsame, deutliche Antwort" geben.

UN-Sprecher Farhad Haq bezeichnete es als "frustrierend", dass die Appelle von UN-Generalsekretär Antonio Guterres zur Deeskalation des Konflikts nicht erhört würden. Alle beteiligten Parteien müssten ihren "besonderen Einfluss" geltend machen, um zu einer Lösung beizutragen, sagte Haq.