Keller zur Hand-Regel: "So geht das nicht mehr"

Martin Quast

SPORT1: Herr Keller, 2020 steht für die deutsche Nationalelf bei der EM im Sommer die Wiedergutmachung nach dem WM-Debakel 2018 auf dem Programm. Was erhoffen Sie sich von diesem Jahr?

Fritz Keller: Wir haben vier tolle Spiele in München. Die Nationalmannschaft ist in eine Wahnsinns-Gruppe reingekommen – mit dem amtierenden Weltmeister und dem amtierenden Europameister – mit Portugal und Frankreich. Und es geht gleich richtig los. Aber ich glaube, wir müssen das als Fest sehen, wenn wir die Möglichkeiten haben, praktisch in Vorbereitung auf die nächste EM (2024 in Deutschland, d.R.), freudige Spiele zu zeigen. So wie  wir das auch 2006 gehabt haben.


SPORT1: Also ein Sommermärchen reloaded?

Keller: Ich kann mich noch erinnern, 2006 bin ich mit meinen Söhnen und Kollegen durch München, durch Dortmund und durch Berlin gezogen. Ich habe mit Menschen in den Armen gelegen, aus allen Ländern dieser Welt. Und da haben wir gezeigt, was für eine freudige Message Fußball überhaupt ist.

"Ich bin sehr zuversichtlich"

SPORT1: Welche Erwartungen hat man denn sportlich? Tolle Spiele zuhause ist das eine, aber Deutschland will weit kommen. Bei Ihrem ersten Turnier gleich so ein sportlicher Druck... 

Keller: Langweilig ist anders (lacht). Aber es war richtig, frühzeitig auf neue, junge Spieler zu setzen. Dass dann sich der ein oder andere wichtige Schlüsselspieler verletzt, ist so im Leistungssport – im Fußball besonders. Aber es war wieder eine Chance für andere, die auch gezeigt haben, dass sie kicken können. Der Bundestrainer muss es richten, er wird es richten und wir werden sehen, wie weit wir kommen.

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SPORT1: Wie weit kann die deutsche Mannschaft kommen?

Keller: Vielleicht ist es ein Vorteil gegenüber den etablierten Mannschaften, mit einer jungen frischen dynamischen Truppe ins Turnier zu gehen. Was mir bei den Qualifikationsspielen so gefallen hat, das war die Spielfreude. Im letzten Spiel führen sie, haben vier Tore geschossen - und sagen 'Ne wir machen weiter'. Das wollen wir doch sehen, dass die Jungs Spielfreude haben. Dass es dann gegen Holland mal in der zweiten Halbzeit ein bisschen anders laufen kann, das ist der Jugend geschuldet. Aber ich bin sehr zuversichtlich.


SPORT1: Ein Ärgernis in der laufenden Saison sind die Hand- und Abseitsregeln. Wie schwierig ist das für die Schiedsrichter?

Keller: Die Schiedsrichter werden allein gelassen. Ich habe gehört, dass die Schiedsrichter auch abstimmen wollen, ob die Handregel neu aufgesetzt wird. Die Schiedsrichter müssen entscheiden können, wenn es ein richtiges Handspiel oder wenn es keines ist. Das wissen sie ja selbst nicht mehr.

Handregel? "So geht das nicht mehr"

SPORT1: Was können Sie beim DFB tun?

Keller: Wir werden bei der UEFA hinterlegen, dass diese Regel nicht haltbar ist. Angekündigt habe ich das schon bei der entsprechenden Organisation in der FIFA und dann werden wir sehen. Ich glaube, dass die anderen europäischen Fußballländer sich da auch anschließen werden. Das muss geändert werden. So geht das nicht mehr.

SPORT1: Was ist mit der kalibrierten Linie? Weiterhin minutenlang warten, um dann zu sehen, es ist ein halber Millimeter?


Keller: Nein, es geht um Schnelligkeit. Der Chef auf dem Platz muss eindeutig der sein, der mitläuft und nicht derjenige, der sitzt. Und der ist auf Ballhöhe und kann die ein oder andere Information dazu holen. Ich muss sagen, ich war ein ganz großer Skeptiker, vielleicht einer der letzten Skeptiker des Videobeweises. Aber Fakt ist natürlich auch, dass wir mittlerweile über hundert Entscheidungen in der Vorrunde hatten, die gerechter wurden.

SPORT1: Also hat sich der Videobeweis in Deutschland etabliert?

Keller: Der Videobeweis ist auf Wunsch jedes einzelnen Vereins der ersten und zweiten Liga eingeführt worden, und nicht vom DFB. Wir meckern ein bisschen auf hohem Niveau, in anderen Ländern haben sie die gleichen Schwierigkeiten. Wichtig ist: Geschwindigkeit erhöhen, Qualität erhöhen und ein älterer Schiedsrichter ist nicht unbedingt der beste Videoschiedsrichter, sondern vielleicht ist einer besser, der ein bisschen schneller zocken kann und das Zocken gelernt hat.