Keith Richards findet, 73 ist zu alt, um Vater zu werden. Hat er Recht?

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Rock ’n’ Roll-Legende Keith Richards brachte sich kürzlich in eine unangenehme Situation, als er öffentlich sagte, sein Rolling Stones-Kollege Mick Jagger sei zu alt, um Vater zu werden. Hintergrund der Aussage: Im Dezember wurde der 73-jährige Jagger zum achten Mal Vater.

„Es ist an der Zeit für ein Schnippschnapp — man kann in diesem Alter kein Vater sein“, sagte Richards dem WSJ. Magazine. „Die armen Kinder!“ In dem Interview bezeichnete er Jagger auch als „geilen alten Bock.“

Am Mittwoch veröffentlichte Richards allerdings eine Entschuldigung auf Twitter: „Ich bereue meine Aussagen über Mick, die ich in WSJ gemacht habe, sehr, sie waren völlig unangebracht“, schrieb er. „Natürlich habe ich mich persönlich bei ihm entschuldigt.“

Viele Twitter-Nutzer mischten sich ein und sagten, Richards Kommentar sei eigentlich gar nicht unangebracht gewesen:


Ich bereue meine Aussagen über Mick, die ich in WSJ gemacht habe, sehr, sie waren völlig unangebracht Natürlich habe ich mich persönlich bei ihm entschuldigt.

Stop! Ich habe es gelesen und es war wohl kaum unangebracht…….. einfach nur eine gutmütige, freundschaftliche Stichelei


Ich bereue meine Aussagen über Mick, die ich in WSJ gemacht habe, sehr, sie waren völlig unangebracht Natürlich habe ich mich persönlich bei ihm entschuldigt.

Himmel, das ist ein guter Rat für einen Kerl, der auf die 50 zugeht, geschweige denn 75.


Ich bereue meine Aussagen über Mick, die ich in WSJ gemacht habe, sehr, sie waren völlig unangebracht Natürlich habe ich mich persönlich bei ihm entschuldigt.

Als ob nicht jeder auf der Welt das genauso sehen würde.

 

Sicher, die meisten Männer in Jaggers Alter werden eher Großvater als Vater, aber heißt das automatisch, dass man über 70 tatsächlich zu alt ist, um ein Kind großzuziehen? Nicht wirklich, sagen Experten.

Zunächst einmal ist Jagger in Sachen Zeugungsfähigkeit nicht übermenschlich: Auch andere Männer in seinem Alter schaffen das. „Mit fortschreitendem Alter nimmt die Zeugungsfähigkeit bei Männern ab, es gibt allerdings kein bestimmtes Alter, ab dem Männer nicht mehr zeugungsfähig sind“, erklärt Dr. Tom Toth, Reproduktionsmediziner am Boston IVF’s Downtown Center Yahoo Lifestyle. „In der Vergangenheit haben wir Väter ganz unterschiedlichen Alters gesehen. Das ist nichts Neues.“

Das heißt, es ist möglich, solange diese Väter nicht mit Erektionsstörungen zu kämpfen haben, was, wie Dr. Asima Ahmad, Reproduktionsmedizinerin am Fertility Centers of Illinois, Yahoo Lifestyle erklärt, bei Männern in dieser Altersgruppe ein Problem sein kann.

Für Kinder mit älteren Vätern gibt es allerdings ein höheres Risiko von mentalen Erkrankungen. „Ein Problem, wenn Männer über 50 Kinder haben, ist das erhöhte Risiko, an affektiven Störungen wie Schizophrenie oder bipolaren Störungen zu erkranken sowie ein erhöhtes Risiko für Autismus“, erklärt Dr. Jennifer Hirshfeld-Cytron, Direktorin für Fertilitätserhaltung am Fertility Centers of Illinois Yahoo Lifestyle.

Eine großangelegte Studie, die 2014 in der Zeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlicht wurde, analysierte die Daten von rund 2,6 Millionen Personen, die zwischen 1973 und 2001 in Schweden geboren wurden. Im Vergleich mit Kindern von Vätern zwischen 20 und 24 Jahren hatten die Kinder von Vätern im Alter von 45 oder älter beinahe ein doppelt so hohes Risiko, an einer Psychose (ein Symptom von Schizophrenie) zu erkranken, ein beinahe dreimal so hohes Risiko, mit Autismus diagnostiziert zu werden und ein etwa 13 Mal so hohes Risiko, mit einer Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert zu werden. Diese Kinder hatten außerdem 25 Mal so häufig eine bipolare Störung. Sie hatten auch eine größere Wahrscheinlichkeit, Probleme in der Schule oder Drogenprobleme zu haben .

Diese Zahlen sind zwar alarmierend, man muss sie allerdings im Kontext sehen. Die Centers for Disease Control and Prevention gibt die Prävalenz für Autismus mit ein Prozent der Bevölkerung an, darunter Kinder mit älteren und jüngeren Vätern. Dasselbe gilt für das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken.

Bipolare Störungen betreffen laut National Institute of Mental Health hingegen vier Prozent der US-Bevölkerung (darunter auch jene Kinder mit älteren Vätern). Eine Multiplikation mit 25 kann das Risiko einer Person also signifikant erhöhen. Dasselbe gilt für Aufmerksamkeitsstörungen, die laut CDC fünf Prozent der Kinder betreffen.

Laut Dr. Mehran Movassaghi, Spezialist für Männergesundheit und Urologe am Providence Saint John’s Health Center in Santa Monica, Kalifornien, sollte man auch die Gesundheit der Väter beachten. Männer in den 70ern neigen zu Gesundheitsproblemen wie Herzerkrankungen, neurologischen Beschwerden, Prostataproblemen und bestimmten Arten von Krebs, was es schwierig machen kann, kleine Kinder großzuziehen. „Davon abgesehen leidet nicht jeder 70-Jährige an diesen Problemen“, so Movassaghi. „Einige Männer um die 70 sehen aus, als wären sie 50 und ihre Gesundheit ist insgesamt besser als bei Männern in den 50ern. Für sie mag es gut gehen, kleine Kinder großzuziehen.“

Es hängt auch davon ab, wie aktiv ein Mann in diesem Alter ist, erklärt Dr. William Curry, Professor an der Universität von Alabama an der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin in Birmingham Yahoo Lifestyle. Wenn er keine ernsten gesundheitlichen Beschwerden hat, so Curry, „wird er vermutlich länger aktiv sein können und aktiv sein wollen.“ Auch wenn ein Mann dieses Alters Arthritis hat, was nicht unüblich ist, wird er vermutlich ziemlich aktiv bleiben. „Arthritis nimmt mit dem Alter zu, doch in den meisten Fällen hält sie sich in Grenzen und ist relativ einfach in den Griff zu bekommen“, erklärt Curry.

Doch mit 70 ein kleines Kind zu haben, kann mental sehr anstrengend sein, wie David Klow, lizensierter Ehe- und Familientherapeut, Gründer des Chicagoer Skylight Counseling Center und Autor des demnächst erscheinenden Buches You Are Not Crazy: Letters From Your Therapist (dt. Du bist nicht verrückt: Briefe von deinem Therapeuten) Yahoo Lifestyle erklärt. Die meisten älteren Männer legen den Fokus darauf, über ihr Leben nachzudenken und ihr Vermächtnis aufzubauen. „Ein Faktor, den jemand in seinen 70ern, der ein Kind großziehen will, bedenken sollte, ist die Menge an mentaler Kraft und Aufmerksamkeit, die ein Kind erfordert“, sagt Klow. „Wenn wir jünger sind, haben wir womöglich mehr mentale Kraft und Aufmerksamkeit, um mit einem heranwachsenden Kind mitzuhalten.“

Es kann auch „jede Menge emotionale Aufregung für den Vater, das Kind, und das zweite Elternteil bedeuten“, erklärt der lizensierte klinische Psychologe John Mayer, Autor von Family Fit: Find Your Balance in Life (dt. Familienfit: Finde die Balance in deinem Leben) Yahoo Lifestyle. Er führt als Beispiele soziale Probleme an, etwa dass das Kind bemerkt, dass sein Vater anders ist als andere Väter, Verhaltensprobleme, etwa dass der Vater nicht so mithalten kann wie andere Väter, und psychologische Probleme, wie die Gewissensbisse, die ein viel älterer Vater womöglich hat, weil er nicht so viel unternehmen kann wie jüngere Väter.

Doch letzten Endes ist es allein die Entscheidung der beteiligten Personen, ob sie in diesem Alter Kinder bekommen möchten. „Es gibt keine eindeutige Antwort“, sagt Movassaghi.

Korin Miller