Keine vierte Welle, trotz ähnlicher Impfquote: Warum es in Schweden besser läuft als in Deutschland

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Menschen feiern das Ende der Corona-Einschränkungen am 29. September im Stockholm.
Menschen feiern das Ende der Corona-Einschränkungen am 29. September im Stockholm.

Die Impfquote in Deutschland: 67,3 Prozent. Die Impfquote in Schweden: 67,1 Prozent.

Die Corona-Inzidenz in Deutschland: 249,1. Die Corona-Inzidenz in Schweden: 50,1.

Während die Bundesrepublik im Rekordtempo in eine vierte Welle der Corona-Pandemie stürzt, bleibt diese in Schweden nahezu aus. Das skandinavische Land hat eine der niedrigsten Corona-Inzidenzen in Europa – und das, obwohl seit Oktober keine Einschränkungen gegen das Virus mehr gelten. Der positive Trend in Schweden lässt sich auch anhand der Zahl der von Corona-Patienten belegten Intensivbetten belegen. Laut dem schwedischen Intensivregister SIR liegen aktuell nur um die 30 Corona-Patienten in dem Land auf einer Intensivstation. Zum Vergleich: In Deutschland gab es laut Angaben des DIVI Intensiv-Registers allein von Montag auf Dienstag vergangener Woche 243 Neueinweisungen.

Was also macht Schweden so viel besser als Deutschland?

Impfen ist nicht gleich impfen

Eine Antwort ist: das Impfen. Schwedens Impfkampagne ist schlichtweg effektiver als die deutsche. Laut Angaben der staatlichen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten sind 81,4 Prozent der Über-16-Jährigen in Schweden geimpft. Den Skandinaviern ist es dabei vor allem gelungen, die besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen gegen das Coronavirus zu impfen. Über 92 Prozent der 60- bis 69-Jährigen sind geimpft; bei den 70- bis 79-Jährigen sowie den 80- bis 89-Jährigen sind es jeweils fast 95 Prozent. 34 Prozent der Über-80-Jährigen Schweden haben zudem bereits ihre dritte Impfung erhalten.

Deutschlands Impfstatistiken sind ungenauer, zeigen aber dennoch, dass die Bundesrepublik gerade beim Schutz der Älteren durch die Impfung schlechter abschneidet. Von den Menschen über 60 sind laut Angaben des Robert-Koch-Instituts nur 85,6 Prozent doppelt gegen Corona geimpft. Nur knapp 4 Prozent der Gesamtbevölkerung haben bisher eine Auffrischungsimpfung erhalten.

Schweden ist weniger und nicht so dicht besiedelt

Eine zweite Antwort auf Schwedens besseres Abschneiden in der vierten Welle ist die Tatsache, dass das Land kleiner und weniger besiedelt ist als Deutschland. Schweden hat 10,3 Millionen Einwohner und mit Stockholm (1,7 Millionen Einwohner) nur eine wirkliche Großstadt. Auf einen Quadratkilometer Land kommen etwa 25 Einwohner.

Deutschland hat acht mal so viele Einwohner wie Schweden. In der Hauptstadt Berlin leben zwei Millionen Menschen mehr als in Schwedens Hauptstadt Stockholm; hinzu kommen die Millionenstädte Hamburg, München und Köln sowie Ballungsgebiete wie das Ruhrgebiet. Auf einen Quadratkilometer Land in der Bundesrepublik kommen 233 Einwohner.

Das zeigt: In Deutschland leben deutlich mehr Menschen auf deutlich engerem Raum als in Schweden – für das Coronavirus gibt es also auch weit mehr Möglichkeiten, sich auszubreiten.

Die Schweden halten sich an den Corona-Plan ihrer Regierung

Gleichzeitig zeigen die Schweden sich diszipliniert bei der Einhaltung der Hygiene-, Abstands- und Corona-Regeln, die im Land gelten. Lange war das Land einen Sonderweg in der Pandemie gegangen und hatte Lockdowns und andere einschränkende Maßnahmen vor allem im vergangenen Jahr vermieden. Ende Oktober verurteilte eine unabhängig eingesetzte Corona-Kommission diese Reaktion auf die Corona-Pandemie in einem Bericht als "unzureichend und minderwertig": "Die anfänglichen Schutzmaßnahmen reichten nicht aus, um die Ausbreitung der Virusinfektion im Land zu stoppen oder auch nur stark einzuschränken." Tatsächlich führte Schwedens Strategie zu hohen Corona-Todesraten in dem Land.

Im Mai dieses Jahres verabschiedete die schwedische Regierung dann einen Fünf-Punkte-Plan für das weitere Vorgehen in der Corona-Krise. Schrittweise wurden über die folgenden Monate Corona-Maßnahmen gelockert und etwa mehr Personen zu Veranstaltungen zugelassen, Sperrstunden für die Gastronomie aufgehoben oder die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln gestrichen. Seit 29. September sind alle Corona-Maßnahmen in Schweden beendet, das Land setzt auf die Eigenverantwortung seiner Bürgerinnen und Bürger.

Mit Erfolg, wie die aktuelle Zahl der Infektionen und Intensiv-Patienten zeigt. Die schwedischen Bürgerinnen und Bürger würden sich weiter gut an die Abstands- und Hygieneregeln halten, sagte Anders Tegnell, Schwedens Chefepidemiologe, Ende Oktober dem Deutschlandfunk. "Außerdem ging es in Schweden nicht so viel hin und her mit Lockdowns und Öffnungen. Das ist jetzt nur meine persönliche Spekulation, aber wir hatten ja während der gesamten Pandemie ein relativ konstantes Niveau an sozialen Kontakten", sagte Tegnell. "Das Ende der Restriktionen war für die Menschen deshalb keine dramatische Veränderung. Wenn man aber eine Gesellschaft aus dem Lockdown heraus plötzlich öffnet, sieht man natürlich einen größeren Unterschied bei den Infektionszahlen."

Tegnell schloss im Gespräch mit dem Deutschlandfunk nicht aus, dass auch Schweden noch in eine vierte Welle geraten könne. Deshalb unternehme das Land weiter starke Anstrengungen, möglichst viel Menschen zu impfen und besonders Auffrischungsimpfungen bei der älteren Bevölkerung durchzuführen. "Das ist der einzige Weg, die Pandemie in den Griff zu bekommen", sagte der Epidemiologe. "Alle anderen Maßnahmen helfen vielleicht ein bisschen. Aber den wirklichen Unterschied machen die Impfungen."

Auch in Deutschland – zurzeit jedoch zum schlechten.

Update, Montag, 15. November, 13 Uhr: In der ursprünglichen Version des Artikels hatte es geheißen, in Schweden würden pro Tag circa 30 Corona-Patienten auf die Intensivstationen verlegt. Tatsächlich sind es insgesamt um die 30 Corona-Patienten, die zurzeit auf schwedischen Intensivstationen behandelt werden.

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