Keine Noten, keine Lehrer, kein Abschluss: Ex-Google-Manager leitet neue VW-Kaderschmiede für Software-Ingenieure

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Max Senger leitet die neue VW-Schule. Foto: VW
Max Senger leitet die neue VW-Schule. Foto: VW

An diesem Vormittag fällt der Startschuss für das wohl ungewöhnlichste Lernprojekt der gesamten Republik. Lernen an der Hochschule ohne Vorlesungen und Seminare, ohne formale Voraussetzungen wie guten Noten oder überhaupt einem Schulabschluss. Sich weiterentwickeln ohne Professoren und ohne am Ende einen Bachelor- oder Masterabschluss in den Händen zu halten. Diese Schule mit dem Namen „42“ für Software-Ingenieure gründet Volkswagen in Wolfsburg. An diesem Montag beginnen die ersten rund 180 Studierenden zwischen 18 und 57 Jahren. Wer das Curriculum der Schule schafft ist ein exzellenter Sofwareingenieur und braucht dies nicht mit einem Diplom nachzuweisen.

Die „42“ ist ein Ableger der ursprünglichen „Ecole 42“, die vor sieben Jahren in Paris gegründet wurde. In Douglas Adams Science-Fiction-Klassiker "Per Anhalter durch die Galaxis" ist die Zahl 42 die ultimative Antwort auf alles. Inzwischen existieren mehr als 33 solcher Coding-Schmieden, ein Netzwerk von Schulen rund um den gesamten Globus. Sie folgen den Prinzipien und Werten ihrer französischen Gründer. Kreatives Lernen mit den Studierenden statt von Dozenten ist das Programm. Der hohe Stellenwert von Werten wie Kooperation, Inklusion, Nachhaltigkeit und Partizipation lehnt sich zum Beispiel an die Regeln des „Burning Man Festival“ an.

Als „Headmaster“ und Rektor hat Gunnar Kilian, Personalvorstand von VW, den gelernten Wirtschaftsinformatiker und promovierten Philosophen Max Senges geholt. Einen unkonventionelleren Schulleiter hätte der Vorstand kaum finden können. Senges ist Mitglied bei den Grünen, jedoch nicht bei der IG Metall, die bei VW einen riesigen Einfluss hat. Im Herbst vergangenen Jahres startete Senges in Wolfsburg, nachdem er mehr als zehn Jahre beim Internetgiganten Google gearbeitet hat, sowohl vier Jahre in Kalifornien als auch sechs Jahre in Berlin. Dabei interessiert sich der Mann unter anderem für eine Vernetzung der akademischen Welt mit privaten Unternehmen. Mit ihm will VW den nächsten Level bei der Ausbildung von Software-Experten ansteuern.

„Ich bilde niemanden aus“, erklärt Senges im Gespräch mit Business Insider. „Ich möchte vielmehr bewirken, dass die Studierenden den richtigen Mindset selbst entwickeln, um Probleme zu lösen.“ Das bedeutet zum Beispiel, durch Versuch und Irrtum so lange etwas auszuprobieren, bis man weiterkommt, und nicht vorzeitig aufzugeben. An der Schule wird Wert darauf gelegt, dass die Schüler sich gegenseitig helfen. „Es reicht nicht, als erster ins Ziel zu kommen und den perfekten Code zu kreieren. Entscheidend bei uns ist kooperatives Lernen.“

Das Prinzip der „42“ lehnt sich ebenfalls an das pädagogische Konzept von Montessori-Schulen, wo jeder in seinem Tempo lernt. „Unser Vorteil ist, dass wir auf die sieben Jahre Erfahrung der anderen 42-Schulen zurückgreifen können. So wissen wir, dass das Grundstudium im Prinzip ein Jahr dauert, einige Schüler es aber in acht Monaten schaffen, das Level zu erreichen“, sagt Senges.

Nach dem Grundstudium sowie einem sechsmonatigem Praktikum in einem Betrieb schließen sich Spezialisierungen zum Beispiel in Cybersicherheit, künstliche Intelligenz oder das speziell in Wolfsburg entwickelte Auto- und Mobilitätssoftware-Ingenieurwesen an. „Gemeinsam haben hier wir hier die einmalige Chance, die Mobilität der Zukunft zu entwerfen. Es geht bei der Digitalisierung um die Entwicklung von offenen Standards, damit beim autonome Fahren Autos künftig auch nahtlos untereinander kommunizieren können“, meint Senges.

Insgesamt dauert die Schule drei Jahre. Natürlich nicht verbindlich. Wer will, kann bereits nach dem Praktikum direkt in dem Betrieb arbeiten, bei dem man das Praktikum absolviert hat, falls man direkt ein Jobangebot bekommen hat. Etwa ein Drittel aller Studenten an den anderen „42“ werden nach dem Praktikum vom Fleck weg angeheuert.

Die Analogie zu Computerspielen ist deutlich. Jeder kann es spielen, aber nicht alle schaffen es zum nächsten Level. „Denn auch wenn es keine formalen Zugangsbeschränkungen für das Studium wie Abitur oder überhaupt einen Schulabschluss gibt, müssen die Interessierten einen mehrstufigen Eingangstest bestehen“, so Senges. Der ist ziemlich anspruchsvoll, aber für die richtigen angehenden Coder gut machbar. Zunächst durchlaufen die Schüler ähnlich wie in einem Assessment Center ein paar Online-Tests, wo ihr logisches, algorithmisches Denken geprüft wird.

Wer die ersten Hürden schafft, kommt in das „Schwimmbad“ (piscine) mit anderen Anwärterinnen und Anwärtern. Ein Sprung ins kalte Wasser. Unter realen Bedingungen müssen die zukünftigen IT-Experten sowohl ihr Können als auch ihre persönliche Eignung unter Beweis stellen. Sie arbeiten sich durch eine Art Computerspiel, bei dem sie kontinuierlich Aufgaben lösen müssen – und zwar gemeinsam.

Insgesamt etwas mehr als 180 Studierende haben das Auswahlverfahren geschafft, ein Viertel von ihnen Frauen. „In ein bis zwei Jahren möchte ich noch deutlich mehr Studentinnen hier sehen“, sagt Senges. Die Lernenden kommen aus allen Ländern – Syrien, Zentralasien, Polen, den baltischen Staaten, Griechenland, aber auch aus Deutschland, davon ein Viertel aus Niedersachsen).

VW ist eine der Firmen, bei denen die Schüler das Praktikum absolvieren können, aber nicht die einzige. Der Konzern muss sich aktiv darum bemühen, die Absolventen anzuwerben. Auch wenn der Autobauer die Kosten für das Studium trägt, besteht keine Verpflichtung, hier zu arbeiten.

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