Keine Belege dafür, dass diese Liste von Karl Marx stammt

Hunderte User haben Mitte März 2022 erneut eine Liste auf Facebook geteilt, die angeblich 19 Handlungsempfehlungen des Philosophen Karl Marx zur "Versklavung der Völker" zeige. Die Liste sei unter der Katalognummer "3926" im Britischen Museum in London zu finden. Jedoch gibt es im Britischen Museum so eine Liste überhaupt nicht. Außerdem erklärten Experten, dass die Liste nicht von Marx stamme, sondern auf dem antisemitischen Pamphlet "Protokolle der Weisen von Zion" beruhe.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben die angeblich von Marx stammende Liste Mitte März erneut auf Facebook geteilt (hier, hier). Bereits im Januar 2020 sahen sie dort Hunderte. Auf Telegram erreichte die Behauptung aktuell Zehntausende.

Die Behauptung: Facebook-User teilen die Liste mit unterschiedlichen Beitragstexten. In allen Beiträgen steht allerdings "Katalog-Nr. 3926 im britischen Museum London; von Marx". Daraufhin folgen 19 Punkte, die als Handlungsempfehlungen formuliert sind. Einige User schreiben dazu: "19 Punkte, die Karl Marx zur Versklavung der Völker empfiehlt."

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 13.04.2022

Der 1818 geborene deutsche Philosoph Karl Marx gilt als einer der bedeutendsten des 19. Jahrhunderts.Seine Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise in seinem Hauptwerk "Das Kapital" hatte weitreichende Auswirkungen auf die Arbeiterbewegung und Geschichte des 20. Jahrhunderts. Auch heute ist er noch wichtiger Impulsgeber für die Kritik am Kapitalismus. Wegen des Einflusses seiner Arbeiten auf die kommunistischen Ideologien blieb sein Name stets umstritten.

Gibt es diese Liste im Britischen Museum in London?

AFP hat online nach der auf Facebook geteilten Katalognummer "3926" und dem Stichwort "Marx" im Archiv des Britischen Museums in London gesucht. Die Suche ergab keine Treffer. Auch eine Suche nach der angeblichen Katalognummer allein ergab keine relevanten Treffer, die die geteilte Liste bestätigen.

AFP hat beim Britischen Museum in London nach der Liste und der Katalognummer nachgefragt. Am 14. April 2022 hieß es aus der Pressestelle in einer E-Mail an AFP: "Unser Archivteam hat keine Aufzeichnungen darüber."

Da ein Großteil der schriftlichen Sammlungen des Museum in der British Library aufbewahrt wird, hat AFP auch dort nach der Katalognummer und dem Stichwort "Marx" sowie nach "Marx Versklavung der Völker" gesucht und keine relevanten Ergebnisse gefunden.

Auch eine Sprecherin der British Library, Lishani Ramanayake, teilte auf AFP-Anfrage in einer E-Mail vom 26. April 2022 mit, dass dort in einer ersten Suche eine solche Liste nicht gefunden worden sei. Sie wies außerdem darauf hin, dass bereits die Deutsche Presseagentur (dpa) einen Faktencheck zu der Liste veröffentlicht hat.

Experten: Liste passt nicht zu Karl Marx

Die Punkte der Liste selbst passen auf den ersten Blick nicht zu bekannten Haltungen Marx'. Obwohl sich der kapitalismuskritische Karl Marx für die Arbeiterbewegung einsetzte, legt die auf Facebook geteilte Liste nahe, dass Marx unter anderem empfohlen habe, "Löhne ohne Vorteil für die Arbeiter zu erhöhen" und "Vermögen schluckende Monopole zu schaffen".

AFP hat Michael Quante, Philosophie-Professor an der Westfälische Wilhelms-Universität in Münster, gefragt, ob Karl Marx so eine Liste jemals veröffentlicht hat. Er antwortete am 18. März 2022 in einer E-Mail: "Der Text passt inhaltlich nicht zur Position von Karl Marx." Und weiter schrieb er aus seiner Expertise heraus: "Aus Sicht der für die kritische Ausgabe von Marx und Engels verantwortlichen Editoren und Herausgeber handelt es sich nicht um einen Text, der Karl Marx zugeordnet werden kann."

Quante wies außerdem daraufhin, dass er eine ähnliche Anfrage bereits vor mehreren Jahren erhalten habe. 2020 prüfte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in einem Faktencheck die Liste, die heute erneut kursiert.

Auch Rolf Hecker vom "Berliner Verein zur Förderung der Marx-Engels-Gesamtausgabe", dem Marx-Expertinnen und -Experten angehören, hat in einer E-Mail an AFP am 20. April bestätigt: "Eine solche Liste aus der Feder von Marx existiert nicht und auch inhaltlich nicht aus einzelnen Werkstellen konstruiert werden kann." Es gebe im gesamten bekannten Werk von Karl Marx keine Äußerungen, die inhaltlich in eine ähnliche Richtung wie die verbreitete Liste gehen.

Auch Wilfried Nippel, Geschichtsprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin, erklärte in einer E-Mail an AFP am 19. April 2022: "Eine solche Liste kennt die Marx-Forschung, die jeden Zettel von ihm ediert, nicht. Gewiss könnte man in zwei oder drei Punkten eine Zuspitzung oder Verdrehung von Marx-Klassenkampf-Theorie wiedererkennen, aber der Rest hat nichts mit Marx zu tun."

Liste könnte auf dem antisemitischen Buch "Protokolle der Weisen von Zion" beruhen

Nippel wies außerdem auf einen möglichen Ursprung hin: "Behauptungen, dass es einen Originaltext für die gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion" im British Museum gebe, hat es übrigens auch in den 1920er-Jahren gegeben. Möglicherweise ist dieser Text über die ‘jüdische Weltverschwörung' das Vorbild, aber das ist ein Text von ein paar Dutzend Seiten, nicht nur eine Liste."

Eine Google Books-Suche nach "British Museum 3926" führt zu einer sehr ähnlichen Quellenangabe in dem antisemitischen Pamphlet "Protokolle der Weisen von Zion". Die "Protokolle der Weisen von Zion" sind eine antisemitische Textsammlung, die angebliche Mitschriften jüdischer Geheimsitzungen enthalten, die dort die Weltherrschaft planten. Im Vorwort der englischen Übersetzung heißt es, dass eine Kopie des angeblich russischen Originals von 1905 in der British Museum Library zu finden sei.

So ein Werk gibt es dort aber nicht. Weder Suchen auf Englisch noch auf Russisch ergaben relevante Ergebnisse.

Einige der Empfehlungen aus den "Protokollen" entsprechen inhaltlich in etwa den Punkten auf der aktuell geteilten Liste. So fasst der wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut für Geschichts- und Kulturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Francesco Di Palma, in einem 2020 gehaltenen Vortrag den Inhalt der "Protokolle" zusammen.

Überschneidungen sind, dass "die Völker" unter anderen durch Streitigkeiten (wie im aktuell geteilten Posting bei Punkt 13, Anm. d. Red.) und Hungersnöte (Punkt 11) zermürbt werden sollen. Auch herbeigeführte Staatsverschuldungen (Punkt 17) seien ein im Buch empfohlenes Mittel. Die Bildung von jüdischen Monopolen sei in den "Protokollen" ebenfalls Thema (Punkt 16). Einen Zusammenhang zur angeblichen Liste von Karl Marx erwähnt Di Palma in seinem Vortrag allerdings nicht.

Uffa Jensen, stellvertretender Leiter am Zentrum für Antisemitismusforschung, schrieb in einer E-Mail an AFP am 14. April 2022: "Das Ding ist klar ein aktuelles Produkt, dass sich halt in den klassischen Texten wie den Protokollen bedient. Die Formulierung ‘Arbeitgeber' und ‘-nehmer', noch mehr aber der Verweis auf die Impfung lassen kaum Zweifel, dass der/die Verfassende im antisemitischen deutschsprachigen Internet der Gegenwart zu vermuten ist. Das hat nie im Leben was mit Marx zu tun."

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass die auf Facebook kursierende Liste über die "Versklavung der Völker" von Karl Marx stammt. Die Liste ist nicht im Britischen Museum archiviert. Zwei Marx-Experten erklärte außerdem, die falsch zugeschriebene Liste sei schon älter, passe inhaltlich nicht zu Marx und stamme nicht von dem Philosophen. Die Liste enthält stattdessen Punkte, die den Inhalten des antisemitischen Buchs "Die Protokolle der Weisen von Zion" ähnlich sind. Auch dieses stammt nicht von Marx.

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