Keine Angst vor steigenden Kursen?

Steigende Aktienkurse ziehen Anleger an, Rekorde erst recht. Doch Warren Buffett warnt: „Der dümmste Grund eine Aktie zu kaufen ist, weil sie steigt.“ Also Finger weg? Was Experten in Zeiten großer Unsicherheit raten.


Die Unsicherheit an den Märkten wächst: Die Aktienindizes notieren auf oder nahe ihrer Rekordhochs. Gerade erst hat der Dax die Marke von 13.000 Punkten überwunden – das erste Mal in seiner Geschichte. Die Bewertungen deutscher, aber vor allem die amerikanischer Aktien sind nicht mehr günstig, wenn auch nicht überteuert. Getrieben wurde die Rally, die mittlerweile in ihrem neunten Jahr läuft, von der Geldpolitik der weltweiten Notenbanken. Und genau die bereitet Anlegern mehr und mehr Sorgen.

Die deutsche Finanzbranche ist sich geschlossen darüber einig (92 Prozent), dass sich Blasen an den europäischen Finanzmärkten durch die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gebildet haben oder bilden werden, wenn die EZB diese Politik fortsetzt. Das hat eine aktuelle Umfrage des Center for Financial Studies, einem Forschungsinstitut der Goethe-Universität in Frankfurt, ergeben. Auch politische Risiken bereiten Investoren zusehends Sorgen. Diese halten immerhin 79 Prozent der Anleger im „European Senior Fixed-Income Investor Survey“ der Ratingagentur Fitch für hoch. Die Märkte steigen trotzdem weiter.


Sind Anleger vielleicht doch zu sorglos? Warren Buffett warnte einst: „Der dümmste Grund eine Aktie zu kaufen ist, weil sie steigt.“ Und was für Einzelaktien gilt, das gilt in der Regel auch für den Gesamtmarkt. Aber stimmt die Börsenweisheit des Superinvestors überhaupt? Ja, sagt Lars Edler, Co-CIO der Deutsche-Bank-Tochter Sal. Oppenheim. Was allerdings nicht stimme, sei der Umkehrschluss. „Es kann durchaus sinnvoll sein, eine Aktie zu kaufen, die steigt“, sagt er. „Dies sollte aber nicht der Kaufgrund sein.“

Vielmehr sollten die Fragen nach zu niedrigen Bewertungen für bestimmte Titel, nach vorne gerichtete Erwartungen über das Geschäftsmodell, eine gesunde Bilanzstruktur, aber auch die relative Attraktivität von Aktien gegenüber anderen Anlageklassen im Vordergrund stehen. „Wenn diese Faktoren für einen Kauf sprechen, dann ist es auch nicht ‚schlimm‘, wenn die Aktie bereits steigt“, so Edler.

Steigende Kurse locken Anleger an. Nicht umsonst heißt eine weitere Börsenweisheit von Warren Buffett: „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger. Fallen die Kurse, gehen die Privatanleger.“ Das Gegenteil des antizyklischen Handelns. Vor allem Rekorde ziehen Anleger an. Wenn die anderen feiern, dann will man dabei sein. Leider kaufen diese Anleger dann häufig, wenn die Party eigentlich schon vorbei ist und die Korrektur droht. Aber das muss natürlich nicht sein. Wann eine Börsenrally endet, weiß niemand. Crashs kommen meistens überraschend.


Und das nicht nur, wenn Märkte gerade Rekorde feiern. „Die Gefahr auf dem Hoch eines Marktes einzusteigen besteht immer, also unabhängig davon, auf welchem Stand wir uns befinden“, sagt Andreas Wex, Leiter Kapitalmarktanalyse im Privatkundengeschäft der Commerzbank. „Aber wir erwarten nicht, dass wir uns aktuell auf einem derartigen Hoch befinden.“ Das fundamentale Umfeld sei dafür einfach zu stabil und es gebe weiterhin kaum attraktive Alternativen zum Aktienmarkt.

Das heißt aber nicht, dass Kursrücksetzer – auch heftigere – ausgeschlossen sind.  „Die Gefahr kurzfristiger Korrekturen am Aktienmarkt besteht immer“, sagt Edler. Daher gehören sie auch zu den risikobehafteten Anlageklassen. „Die gegenüber Rentenpapieren höhere Risikoprämie, die mit Aktieninvestments üblicherweise einhergeht, soll den Investoren ja gerade für dieses höhere Risiko kompensieren.“ Momentan sei das größte Risiko für die Aktienmärkte der Entzug von Liquidität durch die Zentralbanken. Sollte dieser zu stark oder zu plötzlich ausfallen, droht Ungemach.


Ausstieg aus expansiver Geldpolitik rückt näher


Die amerikanische Notenbank Fed hat diesen Entzug bereits eingeleitet. Das Anleiheprogramm ist ausgelaufen, nun soll die Bilanz der Fed abgeschmolzen werden. Die Zinsen wurden erhöht, wenn auch in homöopathisch kleinen Schritten. Nun dürfte die EZB folgen. Seit 2015 verfolgt die EZB eine Politik des Quantitative Easing (QE). Die Währungshüter kaufen Staatsanleihen und andere Wertpapiere in Billionenhöhe, um Banken zur stärkeren Kreditvergabe anzuregen. Der Leitzins der Euro-Zone ist de facto abgeschafft. Seit März 2016 wird er bei null Prozent belassen.

Der Ausstieg aus dieser expansiven Geldpolitik rückt näher. Marktteilnehmer gehen davon aus, dass die EZB ihre Anleihekäufe zeitnah runterfahren wird. Wie stark, das wird sich zeigen. Ob die Märkte das dann schon eingepreist haben auch. „Zu schnelle restriktive Maßnahmen würden die Märkte extrem verunsichern“, warnt Andreas Wex von der Commerzbank. Sal. Oppenheim-Experte Edler rät deshalb auch, genau auf die Kommunikation und die Politik der großen Notenbanken zu achten.

Doch nicht nur die Geldpolitik birgt einiges Potenzial für Börsenturbulenzen. Auch in der Geopolitik lauern immer wieder Risiken, etwa in der Nordkorea-Krise. „Daneben gibt es natürlich noch die üblichen Verdächtigen wie die konjunkturelle Lage in China, hier sehen wir aber derzeit keine akuten Gefahren“, so Wex.

Für Anleger kein einfaches Umfeld, auch mit Blick auf die bereits stark gestiegenen Aktienkurse. Doch die Experten bleiben optimistisch. „Der jüngste deutliche Kursanstieg an den Aktienmärkten hat nicht zu einer Veränderung unserer grundsätzlichen Haltung geführt“, sagt der Commerzbank-Experte. „Für allzu großen Pessimismus gibt es derzeit keinen Anlass.“ Das Umfeld insgesamt spricht für Aktien. Die Commerzbank hält an ihrem positiven Bild für das Gesamtjahr fest: Aktien bleiben demnach im Vergleich zu Anleihen und Co. weiterhin interessant.


Einen Wermutstropfen gibt es dennoch: „Das Performance-Potenzial dürfte angesichts der nachlassenden globalen konjunkturellen Dynamik und der immer wieder aufkommenden Unsicherheiten hinsichtlich der Geldpolitik in den USA und Europa begrenzt sein“, so Wex. Mit Blick auf die Bewertungen bevorzugt er europäische Aktien. Die USA seien tatsächlich längerfristig eher unattraktiv und Europa habe mehr Potenzial.

Auch Lars Edler ist überzeugt: „Vor dem Hintergrund der sehr niedrigen Zinsen, der hohen Liquidität und der stabilen europäischen Konjunktur sind Aktien in der Breite neutral, also nicht zu teuer, bewertet.“ Das möge auf Einzeltitelebene sicherlich an einigen Stellen anders sein. Hier gebe es immer Über- und Unterbewertungen, die sich aktives Management zunutze mache, um Mehrwert zu generieren. Und genau das tut ja bekanntlich auch Superinvestor Buffett.

Anleger sollten getreu seiner Börsenweisheit nicht kaufen, nur weil einzelne Aktien oder eben der ganze Markt steigt. Aber sie sollten – im Umkehrschluss – deshalb auch nicht der Börse fernbleiben. Auf ein Allzeithoch können viele weitere folgen, bevor es abwärts geht.