Keine Angst vor sinkenden Steuern!

Noch vor Weihnachten wollen sich Repräsentantenhaus und Senat in den USA auf eine große Steuerreform einigen. Sie könnte tiefe Löcher in den US-Haushalt reißen. Warum sie trotzdem ökonomisch sinnvoll ist.


Der US-Kongress steht kurz vor der Verabschiedung einer großen Steuerreform. Im Mittelpunkt steht die Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 35 Prozent auf 20 Prozent – vom höchsten Niveau unter den OECD-Ländern auf eines der niedrigsten. Dieser Schritt würde es US-Unternehmen ermöglichen, die Gewinne ausländischer Tochtergesellschaften zurückzuführen, ohne zusätzliche Steuern entrichten zu müssen.

Gegner des Gesetzes warnen hingegen, das Gesetz könne die Staatsschulden in den nächsten zehn Jahren um 1,5 Billionen Dollar in die Höhe treiben.

Ich gestehe: Ich mag keine Haushaltsdefizite und warne seit Langem vor ihren gefährlichen Folgen. Trotzdem glaube ich, dass die wirtschaftlichen Vorteile der Reform die Nachteile überwiegen. Denn zum einen wird der US-Unternehmenssektor durch den niedrigeren Steuersatz vermehrt Kapital anziehen. Amerikanische Firmen dürften mehr in ihrer Heimat investieren, da die Steuersätze im Ausland dann nicht mehr attraktiver sind. Die Unternehmen werden auch einen Teil der in der Vergangenheit im Ausland erzielten und dort belassenen Gewinne repatriieren, die sich laut US-Finanzministerium auf 2,5 Billionen Dollar belaufen.



Wahrscheinlich weiten auch ausländische Unternehmen ihre Investitionen in den USA aus oder verlegen ihren Sitz in die USA, um vom geringeren Steuersatz zu profitieren. Innerhalb der USA dürfte Kapital aus der Landwirtschaft und dem Wohnungswesen in den produktiveren Unternehmenssektor fließen.

Reallöhne in den USA werden steigen

Sicher: Es lässt sich schwer abschätzen, in welchem Umfang sich das Kapital im Unternehmenssektor insgesamt erhöht. Ich rechne aber mit einem Betrag von mindestens fünf Billionen Dollar im Verlauf der nächsten zehn Jahre. Der vermehrte Kapitalfluss wird Produktivität und Reallöhne steigen lassen. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) könnte 2027 um rund 500 Milliarden Dollar höher liegen.



Diese positiven Effekte helfen die negativen Folgen des Haushaltsdefizits auszugleichen. Staatliche Kreditaufnahme verdrängt bekanntlich private Kapitalbildung, höhere Zinszahlungen machen gewöhnlich höhere Steuern oder Kürzungen bei den Verteidigungsausgaben und bei Sozialprogrammen erforderlich.

Ein Haushaltsdefizit führt zudem zu einer unerwünschten Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, wenn Vollbeschäftigung herrscht. Und eine höhere Schuldenquote lässt weniger Spielraum für unvorhergesehene öffentliche Ausgaben.


Angst vor US-Defizit ist fehl am Platz


Trotzdem glaube ich: Keiner dieser Sachverhalte muss uns ängstigen. Selbst wenn eine öffentliche Kreditaufnahme von 1,5 Billionen Dollar aufgrund der Steuerreform eine Kreditaufnahme des privaten Sektors in gleicher Höhe verdrängt, wird der Kapitalstock nicht belastet, im Gegenteil. Die Senkung der Körperschaftsteuer kommt US-Unternehmen unmittelbar zugute, das Kapital der Unternehmen wird sich durch Mittelzuflüsse aus der übrigen Welt erhöhen. Auch bei steigender Staatsverschuldung kann die vorgeschlagene Steuerreform so den Kapitalstock der Unternehmen in den nächsten zehn Jahren um rund fünf Billionen Dollar erhöhen.




Außerdem würde das um 500 Milliarden Dollar steigende BIP die Steuereinnahmen bis 2027 um 100 bis 150 Milliarden Dollar pro Jahr steigen lassen. Das reicht aus, um die Zinszahlungen in Höhe von 60 Milliarden für die 1,5 Billionen Dollar zusätzliche Staatsverschuldung zu leisten. Es bliebe sogar Geld übrig, um öffentliche Ausgaben zu erhöhen oder die Einkommensteuern zu senken.

Stimulierende Effekte für die US-Wirtschaft

Auch Bedenken, ein höheres Defizit könne die gesamtwirtschaftliche Nachfrage unerwünscht anheizen, sind fehl am Platz. Tatsächlich sind die stimulierenden Effekte des Defizits und der verstärkten Unternehmensinvestitionen zu begrüßen. Erstens kompensieren sie die kontraktiven Effekte der erwarteten Erhöhung des Leitzinses und die schrumpfende Bilanzsumme der US-Notenbank. Und zweitens rechnen die meisten Experten nach neun Jahren konjunktureller Expansion damit, dass die USA in den kommenden fünf Jahren in eine Rezession geraten.



Auch Sorgen über die hohe Schuldenquote, die sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat und aktuell bei 77 Prozent des BIP liegt, sind übertrieben. Prognosen des Congressional Budget Office zufolge steigt die Quote auch ohne weitere Gesetze bis 2027 auf 91,2 Prozent. Der unmittelbare Effekt des 1,5-Billionen- Dollar-Defizits infolge der Steuerreform würde einen Anstieg auf 97 Prozent hervorrufen.

Natürlich darf der Haushalt nicht aus dem Ruder laufen. Der Defizitabbau muss nach den Kongresswahlen 2018 hohe Priorität haben, damit sich die Schuldenquote wieder einem Niveau von 50 Prozent (wie vor dem Abschwung 2008/2009) annähert. Dies könnte etwa durch eine CO2-Steuer oder einem langsameren Ausgabenwachstum bei staatlichen Leistungen geschehen.
Doch jetzt muss der Kongress erst einmal die Steuerreform endgültig beschließen.

KONTEXT

Zur Person

Martin Feldstein

Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für die WirtschaftsWoche und wiwo.de.