Kein Konzept? Bosz vor seiner Woche der Wahrheit

Sebastian Mittag

Peter Bosz wirkte fast trotzig. "Da war keine Krise, und da ist keine Krise", grummelte der Trainer von Borussia Dortmund nach der 2:4-Niederlage bei Hannover 96.

Mit seiner Einschätzung steht Bosz jedoch allmählich alleine da. Sogar in den eigenen Reihen. Als der Coach noch damit beschäftigt war, die Pleite beim Aufsteiger zu rechtfertigen, sprachen andere BVB-Protagonisten Klartext.

"Das ist eine Sache, die so nicht zu akzeptieren ist", sagte BVB-Kapitän Marcel Schmelzer: "Das war von der Einstellung her nicht unser Anspruch. Wir müssen ganz schnell wieder die Form finden, die uns stark gemacht hat."

Sportdirektor Michael Zorc schimpfte: "Das war pomadig, selbstgefällig und über weite Strecken Alibifußball. Wenn du so auftrittst, gewinnst du kein Spiel in der Bundesliga."

Zorc hatte wenige Tage zuvor noch jede Kritik als "schizophren" bezeichnet – jetzt schrillen offensichtlich auch bei Bosz' direktem Vorgesetzten die Alarmglocken.

In den ersten Spielen der Saison lief unter dem neuen Coach noch alles rund.  Nun steht der Niederländer nach nur einem Punkt aus den letzten drei Bundesligaspielen und der gleichen mageren Ausbeute aus den ersten drei Auftritten in der Champions League vor seiner Woche der Wahrheit. 

Strunz: "Dortmund hat überhaupt kein Konzept"

Am Mittwoch kommt APOEL Nikosia nach Dortmund (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER). Ein Sieg ist Pflicht, will man wenigstens noch einen Platz in der UEFA Europa League sichern. Ein Weiterkommen in der Königsklasse ist ohnehin nur noch theoretisch möglich.

Am darauffolgenden Samstag geht es dann gegen den FC Bayern. Der Erzrivale aus dem Süden hat den BVB in der Tabelle durch das 2:0 gegen Leipzig überholt. Eine Heimniederlage gegen die Münchner würde den Schwarz-Gelben im Titelrennen einen empfindlichen Schlag versetzen.

SPORT1-Experte Thomas Strunz fasste es im CHECK24 Doppelpass so zusammen: "Jetzt kommen sie in eine Situation, in der man überdenken muss: Wie geht es weiter? Da ist jetzt richtig Druck drauf."


Genau in dieser Situation steht Bosz im Kreuzfeuer der Kritik. Besonders das extrem hohe Pressing, das er seiner Mannschaft verordnete, führt immer wieder zu Gegentoren.

Der erfahrene Ex-Bundesligatrainer und SPORT1-Experte Armin Veh sprach dieses Problem im Doppelpass klar an: "Dortmund hat das gar nicht nötig so weit vorzurücken, sie haben ja auch so eine super Offensive. Sie sollten ihren Spielstil ein wenig ändern. Bosz muss etwas umstellen und korrigieren. Sie sollten insgesamt etwas defensiver spielen."

Veh war in der Runde nicht der einzige Trainerkollege, der die BVB-Philosophie unter Bosz kritisch sieht. Andre Schubert, zuletzt Chefcoach von Borussia Mönchengladbach, sagte: "Ich glaube, dass man durchaus darüber nachdenken muss, dass man auch einen Plan B hat. Das machen auch die Bayern: Sich auch mal zurückfallen lassen und dem Gegner phasenweise Raum geben, um sich selber wieder Räume zu öffnen."

Ex-Nationalspieler Strunz legte den Finger noch deutlicher in die Wunde: "Borussia Dortmund hat überhaupt kein Konzept. Peter Bosz hat das Missverhältnis von Offensive und Defensive bisher nicht in den Griff bekommen."

Sprung in die Bundesliga zu groß?

Bosz hatte mit seinem vorherigen Verein Ajax Amsterdam das Finale der Europa League erreicht und die BVB-Bosse auf sich aufmerksam gemacht. Doch war der Sprung von der niederländischen Eredivisie in die Bundesliga vielleicht zu groß?

Strunz meint: "Man sieht, dass es vielleicht doch etwas anderes ist, mit Ajax Amsterdam in der holländischen Liga gegen Alkmaar, Breda oder wen auch immer so zu spielen. Die Qualität in der Bundesliga ist schon eine andere."


Nicht nur von Experten bekommt Bosz Gegenwind. Auch viele Fans sind nicht überzeugt vom 53-Jährigen.

Das zeigt auch eine Umfrage bei SPORT1. Die Frage "Ist Peter Bosz der richtige Trainer für den BVB?" beantworteten 61 Prozent von rund 30.000 Abstimmenden mit "Nein". (Stand: Sonntag, 23.20 Uhr).

Bei Twitter wird auch schon über Bosz diskutiert. Auch unter dem Hashtag #BoszRaus. Über einen Rauswurf des Niederländers muss zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich noch nicht nachgedacht werden.

Doch in seiner anstehenden Woche der Wahrheit muss er Ergebnisse liefern. Sonst könnte nicht einmal mehr Bosz eine BVB-Krise leugnen.