Kehrtwende: Warum Autohersteller doch auf Wasserstoff setzen sollten

Kritik hin oder her: Wasserstoff wird ein wichtiger Energieträger auch in der Autoindustrie.  - Copyright: dpa
Kritik hin oder her: Wasserstoff wird ein wichtiger Energieträger auch in der Autoindustrie. - Copyright: dpa

Die Autoindustrie hat sich entschieden: Der E-Mobilität gehört die Zukunft. Oder vielleicht doch nicht? Der designierte VW-Chef Oliver Blume ist ein starker Befürworter sogenannter E-Fuels, also synthetischer Kraftstoffe. Auch im Vorstand des bayerischen Autobauers BMW gibt es einige Personen, die den Verbrennungsmotor noch nicht abschreiben wollen. Für sie wird die Luft allerdings allmählich dünn. Denn die Argumente, die gegen E-Fuels sprechen, sind vielfältig und schwerwiegend.

Um nur drei davon zu nennen: Synthetischer Kraftstoff ist teuer. Er lässt sich auch nur mit Mühe umweltfreundlich herstellen. Zudem sind E-Fuels sehr ineffizient. Ihre Energiebilanz liegt bislang noch weit unter der eh schon schlechten Klimabilanz fossiler Brennstoffe wie Öl oder Erdgas.

Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass synthetische Kraftstoffe in der Zukunft trotzdem eine Daseinsberichtigung haben. Für Flugzeuge oder LKWs etwa gibt es bisher nur wenige Alternativen. E-Fuels könnten eine wichtige Lücke nachhaltig schließen. Den meisten Autoherstellern ist inzwischen auch bewusst, dass E-Fuels eine interessante, aber aussichtslose Technologie für die Massenmobilität sind. Allerdings gibt es da noch die Basis, auf der E-Fuels hergestellt werden: Wasserstoff.

Umdenken bei BMW

Eigentlich hatte die deutsche Autoindustrie dem Brennstoffzellenantrieb schon vor längerer Zeit eine Absage erteilt. Der geschasste VW-Chef Herbert Diess rechnete vor, dass ein mit Wasserstoff betriebenes Fahrzeug dreimal mehr Strom benötigen würde als ein E-Auto. Denn statt den Strom einfach direkt von der Quelle in das Auto zu laden, muss der Wasserstoff erst aufwendig hergestellt werden, was natürlich zusätzlichen Strom verbraucht. Erschwerend hinzu kommt, dass die Effizienz einer Brennstoffzelle nur wenig höher liegt als bei einem Verbrennungsmotor.

Dennoch gibt es in der Branche ein Umdenken. BMW überlegt nun, in Zukunft womöglich doch auf Wasserstoff zu setzen. Einerseits über einen Hybrid-Antrieb mit einer großen Speicherbatterie, die auch per Kabel aufgeladen werden kann, andererseits als Stand-Alone-Antrieb. Von ganz allein kommt die Kehrtwende bei den Bayern aber nicht. Offenbar reicht die schmale E-Auto-Palette der Münchner nicht aus, um den Flottenverbrauch im Rahmen der zukünftigen EU-Grenzwerte einzuhalten.

Allein ist BMW mit seinen Überlegungen nicht. Toyota und Hyundai sind zwei Hersteller, die weltweit in Hinblick auf die Brennstoffzelle die Führung übernommen haben. Das plötzliche Interesse einiger Hersteller an Wasserstoff rührt auch aus der Angst, womöglich eine Zukunftstechnologie zu verpassen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass dies der deutschen Autoindustrie passieren würde.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Ganz grundsätzlich sind Brennstoffzellen, neben einem Einsatz in LKWs, auch für andere Einsatzbereiche interessant. Dazu gehören Zeppeline, aber auch Flugzeuge. Eingesetzt werden Brennstoffzellen zudem in Wohnhäusern. Das Berliner Startup Home Power Solutions hat sich darauf spezialisiert, Eigenheime mittels Solaranlagen, die man an eine Brennstoffzelle koppelt, autark vom Stromnetz zu machen.

Auch in der Industrie werden Brennstoffzellen in Zukunft benötigt. Die EU plant einen „grünen Korridor“ für Europa. Heißt: Wasserstoff soll in Algerien und Marokko hergestellt und über Gasleitungen auf den Kontinent bis nach Norwegen transportiert werden. So soll vor allem die Industrie ihren Energiebedarf mittels Wasserstoff decken können. Das wiederum erfordert leistungsfähige Brennstoffzellen.

Was heißt das für die Branche und die Politik? Wasserstoff sollte auf der Agenda der Bundesregierung ganz oben stehen. Gleichzeitig sollten Hersteller die Technologie nicht vollständig abschreiben. Auch wenn es in naher Zukunft keine Massenmobilität mit Wasserstoff geben wird, ist die Weiterentwicklung der Technologie immens wichtig. Darauf zu verzichten würde für Unternehmen bedeuten, sich wie einst die Solarbranche, wieder in die Abhängigkeit anderer Länder zu begeben. Das darf nicht passieren.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.