Katars umstrittener Nachrichtensender

Zu den Forderungen Saudi-Arabiens an Katar gehört auch die Schließung von Al Jazeera. Was steckt hinter dem staatsfinanzierten Fernsehsender für die arabischsprachige Welt?


Die Sternstunde von Al Jazeera kam mit dem arabischen Frühling: Am 25. Januar 2011 ist der Tahrir Platz in Kairo überfüllt mit Demonstranten. Hier beginnt der Aufstand der Ägypter, der einen Sturz des Mubarak-Regimes zur Folge haben wird. Während das ägyptische Staatsfernsehen Bilder von einem vermeintlich leeren Tahrir-Platz ausstrahlt, zeigt der katarische Sender Al Jazeera dem Rest der Welt die tatsächlichen Bilder der Revolution. Wenige Wochen zuvor berichtete er als einziges arabisches Medium über den Ausbruch der Revolten in Tunesien, dort vor allem mit Hilfe von zugeschicktem Filmmaterial. Auch bei den Aufständen in Kairo zeigt Al Jazeera viele von Aufständischen aufgenommene Sequenzen, berichtet aber auch live vom Tahrir-Platz und in den folgenden Wochen aus ganz Ägypten über die Revolution.


Die Berichterstattung über den arabischen Frühling verschaffte Al Jazeera einen Boom in der arabischsprechenden Welt – und darüber hinaus. Mittlerweile hat der Sender aus Katar sich in der internationalen Medienwelt etabliert. Gegründet wurde er schon 1996, nachdem BBC seinen arabisch sprachigen Ableger einstellte. Daraufhin beschloss Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani, der damalige Herrscher Katars, einige der ehemaligen BBC Journalisten bei einem von ihm neu gegründeten Sender einzustellen: Al Jazeera, übersetzt „die Arabische Halbinsel“ – genau wie Gründungsland Katar.  Die Gründung kostete den Scheich 150 Millionen Dollar. Mittlerweile gehört Al Jazeera offiziell zur Qatar Media Corporation, welche ebenfalls im Besitz der Herrscherfamilie Al Thani ist.

Seit 2006 gibt es auch ein englischsprachiges Programm. Außerdem betreibt Al Jazeera mittlerweile zahlreiche Spartensender, unter anderem einen türkischsprachigen und einen für Bosnier. Al Jazeera hat vier Funkhäuser, in Doha, Kuala Lumpur, Washington und London. Neben den TV-Sendern ist Al Jazeera vor allem online erfolgreich. Gerade in arabischen Ländern mit stark kontrolliertem Staatsfernsehen greifen die Menschen häufig auf die Website und den YouTube Kanal zurück. Stärkster Konkurrent Al Jazeeras im arabischen Raum ist der saudische Sender Al-Arabiya.


Im Gegensatz zu den meisten unabhängigen Medien der westlichen Welt finanziert sich Al Jazeera nicht durch Werbung und bezahlte Beiträge. Stattdessen finanziert den Sender weiterhin die Herrscherfamilie des Scheichs, Tamim bin Hamad Al Thani, Sohn von Al Jazeera Gründer Hamad bin Khalifa Al Thani. Außerdem verkauft Al Jazeera Anteile an private Investoren. Das Jahresbudget für die rund 3000 Mitarbeiter beträgt ungefähr 370 Millionen Dollar. Al Jazeera  erreicht mit all seinen Sparten insgesamt 310 Millionen Haushalte in über 100 Sprachen. Zum Vergleich: Die staatliche britische Sendeanstalt BBC hat rund 21.000 Mitarbeiter, ein Budget von rund 4 Milliarden Euro – und erreicht etwa 372 Millionen Haushalte.


Der Einfluss des Scheichs

Mustafa Souag, Nachrichtenchef des Senders, sieht in der Finanzierungsweise kein Problem: “Die Herrscherfamilie als Geldquelle bewahrt den Sender davor, kommerzieller zu werden und damit Werbekunden annehmen zu müssen.“ Viele Kritiker vertreten den Standpunkt, Al Jazeera würde sich, was Katar betrifft, selbst zensieren. Aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf nicht: Vor allem die Berichterstattung über Bahrain stimmt auffällig deutlich mit der politischen Linie Katars überein. Die dortigen Revolten im Jahr des arabischen Frühlings beschrieb der Sender lediglich als „Unruhen mit religiösem Hintergrund.“ Grund dafür war höchstwahrscheinlich, dass Bahrain gemeinsam mit Katar im Golfkooperationsrat sitzt.


Al Jazeera selbst betont immer wieder die eigene Unabhängigkeit und veröffentlichte seinen ethischen Kodex, der eine ausgeglichene und neutrale Berichterstattung garantieren soll. Dabei sind die Unterschiede in der Art und Weise der Berichterstattung zwischen der arabischen und der englischen Version des Senders beachtlich. Während Al Jazeera English vor allem auf internationale Themen und eine eher liberale Position setzt, wird dem arabischen Sender häufig vorgeworfen, die Muslimbruderschaft und die Radikalisierung des islamischen Raumes zu fördern. Der Einfluss des Scheichs auf die Berichterstattung ist sicher nicht zu leugnen.

Das gilt allerdings auch für die globale Bedeutung des Senders als Medium.


Wenigen Sendern gelingt es, so nah am oft turbulenten politischen Geschehen im arabischen Raum zu sein. Auch die zahlreichen Talkshows bei Al Jazeera, in denen häufig kritisch über diverse Regime diskutiert wird, sind ansonsten selten in der arabischen Medienlandschaft. Kein Wunder also, dass gerade jetzt Ägypten, Saudi Arabien und Bahrain von Katar nicht nur ein Ende der vermeintlichen Terrorfinanzierung verlangen, sondern auch ein Verbot von Al Jazeera fordern.

Der Managing Director von Al Jazeera English, Giles Trendle, reagierte auf die Forderung aus Saudi-Arabien mit einem flammenden Appell: "Die Forderung einer Schließung von Al Jazeera kommt einem Versuch gleich, das grundlegende Menschenrecht auf Redefreiheit zu unterdrücken. Es ist ein offenkundiges Gesuch, die Medien mundtot zu machen und Zugang zu unverfälschter Berichterstattung und unparteiischen Erzähltechniken zu vermeiden. … Wir lassen uns weder einschüchtern und schikanieren noch zensieren oder zum Schweigen bringen."

KONTEXT

Die Akteure der Katar-Krise

Bedrängt: Katar

Das kleine Golf-Emirat ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder von der Linie seiner Nachbarn abgewichen, nicht zuletzt in den Kriegen in Libyen und Syrien. Weil es sich ein riesiges Gasfeld im Persischen Golf mit dem Iran teilt, will es gute Beziehungen zu Teheran. Mit dem Nachrichtenkanal Al-Dschasira besitzt Katar eine einflussreiche Stimme in der Region.

Im Angriffsmodus: Ägypten

Als einziges Land mit direkter Beteiligung an der Krise ist es nicht GCC-Mitglied, keine Monarchie und liegt zudem fern vom Persischen Golf. Doch Kairo hat einen Grund, bei der Blockade des Emirats mitzumachen: Denn nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013 verbot die autoritäre Führung die von Katar unterstützte Muslimbruderschaft.

Im Angriffsmodus: Bahrain

Das kleine Königreich wird von sunnitischen Herrschern regiert, die Mehrheit der Einwohner sind jedoch Schiiten. 2011 ließ Bahrain Proteste von Schiiten mit Riads Schützenhilfe niederschlagen. Kritiker werfen Bahrain vor, es sei eine saudische Kolonie.

Im Angriffsmodus: Saudi-Arabien

Der größte Staat der Region dominiert den Golf-Kooperationsrat GCC. Die Saudis führen auch die Blockade Katars an. Das sunnitische Königshaus stößt sich vor allem an den guten Beziehungen Katars zum schiitischen Nachbarn Iran, für die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien ein Erzfeind. Unter König Salman ist Riads Außenpolitik deutlich aggressiver geworden.

Im Angriffsmodus: Vereinigte Arabische Emirate

An der Seite Saudi-Arabiens und Bahrains gehen sie gegen Katar vor. Die VAE stört vor allem Katars Unterstützung der islamistischen Muslimbrüder, in denen die Emirate wie Saudi-Arabien eine Terrororganisation sehen. Allerdings stammt rund 40 Prozent des in den VAE verbrauchten Gases aus Katar.

Vermittler: Kuwait

In der Katar-Krise hat das mehrheitlich sunnitische Emirat mit starker schiitischer Minderheit die Rolle des Vermittlers übernommen. Die konstitutionelle Erbmonarchie konnte schon einmal vor drei Jahren einen Konflikt zwischen den Golfstaaten schlichten. Damals hatten Saudi-Arabien, Bahrain und die VAE ihre Botschafter aus Katarabgezogen.