Kataloniens Regierungschef: Ausrufung der Unabhängigkeit von Spanien steht bevor

dpa-AFX

BARCELONA (dpa-AFX) - Nach dem verbotenen Referendum über eine Unabhängigkeit der spanischen Region Katalonien hält deren Regierungschef Carles Puigdemont an einer Abspaltung fest. "Keine Gesellschaft sollte einen Zustand akzeptieren, den sie nicht will", sagte der 54-Jährige dem britischen TV-Sender BBC in seinem ersten Interview seit der Abstimmung vom Sonntag. Wenn es eine Mehrheit für eine Unabhängigkeit gebe, dann müsse es darauf auch eine politische Antwort geben.

Eine Unabhängigkeit will Puigdemont binnen 48 Stunden nach Bekanntgabe eines offiziellen Abstimmungsergebnisses verkünden. Dies könne am Freitag, über das Wochenende oder dann zu Wochenbeginn erfolgen. Zugleich betonte der katalanische Regierungschef, er habe den Dialog mit Regierung in Madrid gesucht: "Mein Anruf gestern, mit dem ich jemanden um Vermittlung bitten wollte, ist auf keine Erwiderung gestoßen. Überhaupt keine."

Bei dem umstrittenen und gerichtlich untersagten Referendum hatten nach bisherigen Angaben der Regionalregierung 90 Prozent der Teilnehmer für eine Loslösung Kataloniens von Spanien gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag allerdings bei etwas mehr als 40 Prozent. Doch Puigdemont zeigte sich in dem Interview überzeugt, dass sie mehr als 50 Prozent erreicht hätte, hätten alle Interessierten auch wählen gehen können. Zum Argument der Regierung, das Referendum sei verfassungswidrig gewesen, sagte er: "Es gibt Leute, die die Verfassung wie die Bibel interpretieren, die die absolute Wahrheit beinhaltet und wichtiger ist als der Wille des Volkes."

Mit Blick auf mögliche Festnahmen von katalanischen Regierungsmitgliedern sagte Puigdemont: "Das wird ein weiterer Fehler in der langen Liste sein. Nach jedem Fehler sind wir stärker geworden. Heute sind wir der Unabhängigkeit näher als noch vor einem Monat. Jede Woche haben wir nach jedem Fehler an Unterstützung in der Gesellschaft gewonnen. Ein klarer Schnitt wie die Übernahme der (katalanischen) Regierung oder meine Festnahme oder die anderer Regierungsmitglieder könnte der endgültige Fehler sein."

Puigdemont verurteilte die Gewalt, mit der die spanische Polizei am Sonntag gegen die die Abstimmung vorgegangen sei. Rund 900 Menschen wurden nach katalanischen Angaben verletzt. "Solch einen unverhältnismäßigen und brutalen Gebrauch von Gewalt haben wir seit dem Tod von Diktator Franco nicht mehr gesehen", sagte er.

Francisco Franco war nach dem Bürgerkrieg (1936 bis 1939) bis zu seinem Tod 1975 Diktator in Spanien. Während seiner Zeit wurde der Gebrauch der katalanischen Sprache in der Öffentlichkeit verboten. Politische Gegner ließ er gnadenlos verfolgen.

Der Katalonien-Konflikt ist aus Sicht von Puigdemont eine europäische Frage und keine innerspanische Angelegenheit. Zur Haltung der Europäischen Union sagte er: "Mir fällt es schwer, diese Gleichgültigkeit und das absolut fehlende Interesse, an dem was hier passiert, zu verstehen. Sie (die Europäer) wollten uns niemals anhören."