Kassen: Mehr Schaden als Nutzen bei vielen Selbstzahlerleistungen

Für Igel-Angebote müssen Versicherte selbst zahlen

Die in Arztpraxen angebotenen Selbstzahlerleistungen bringen nach Ansicht der Kassen in vielen Fällen mehr Schaden als Nutzen. An der Spitze der zehn häufigsten individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) stehen Angebote, die Kassenexperten als negativ oder tendenziell negativ bewertet, wie der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDS) am Donnerstag in Berlin mitteilte. Sie widersprächen sogar Empfehlungen medizinischer Fachverbände.

"Die Igel-Angebote orientieren sich nicht am nachgewiesenen medizinischen Nutzen, sondern an den Vorlieben einzelner Arztgruppen und an den Umsatzinteressen der Praxen", kritisierte MDS-Geschäftsführer Peter Pick. Zum Teil würden Patienten auch unter Druck gesetzt, solche Leistungen zu kaufen.

Insgesamt bekommt jeder zweite Versicherte beim Arztbesuch Leistungen angeboten, die privat zu zahlen sind. Die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung wurde nach einer Umfrage unter mehr als 2000 Versicherten jedem Fünften (22 Prozent) angeboten, gefolgt vom Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung bei Frauen (19 Prozent).

Weitere Topseller sind demnach der Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung (zwölf Prozent) und der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs bei Männern (sieben Prozent). Alle diese genannten Untersuchungen stuft der von der gesetzlichen Krankenversicherung unterstützte "Igel-Monitor" als negativ, tendenziell negativ oder bestenfalls unklar ein.

Beim Ultraschall zur Eierstockkrebsfrüherkennung beispielsweise sei das Wissen um mögliche Schäden und den geringen Nutzen seit langem bekannt, erklärte MDS-Expertin Michaela Eikermann. Diese Erkenntnis werde aber zu wenig in der Praxis umgesetzt. "Wir sehen ein großes Potenzial zur Bereinigung des Igel-Markts und zum Schutz der Patienten vor unnötigen und schädlichen Leistungen."

Wie die Umfrage weiter zeigt, ging nur bei vier Prozent der erbrachten Selbstzahlerleistungen die Initiative von Patienten aus. Mehr als jeder dritte Patient gab an, das er sich bedrängt und unter Druck gesetzt fühlte.

Der Berufsverband der Frauenärzte warf den Kassen vor, Igel-Leistungen "in Misskredit" zu bringen und Misstrauen gegen Ärzte zu säen. Viele dieser Leistungen "sind so sinnvoll, in Studien erprobt und in Leitlinien empfohlen, dass sie eigentlich Kassenleistungen sein sollten", erklärte Verbandspräsident Christian Albring. Das aber wollten die Kassen aus Kostengründen nicht.

Auch der Berufsverband schätzt den "isolierte Ultraschall zum Screening auf Eierstockskrebs" demnach als nicht sinnvoll ein. Es gehe aber auch nicht darum, Eierstockkrebs zu entdecken, sondern generell Veränderungen zu beurteilen.

Die Linkspartei warf Ärzten "Profitgier" vor. Unnötige und gesundheitsschädigende Angebote müssten daher gestrichen werden, forderte Achim Kessler, Sprecher für Gesundheitsökonomie der Linksfraktion im Bundestag.

Igel-Angebote müssen von den Kassenpatienten aus eigener Tasche bezahlt werden. Etwa eine Milliarde Euro geben gesetzlich Versicherte jährlich in deutschen Arztpraxen für solche Leistungen aus.

Das Spektrum reicht von der professionellen Zahnreinigung über die Laserbehandlung von Krampfadern und Reiseimpfungen bis zur Augeninnendruckmessung zur Früherkennung des grünen Stars. Den gesetzlichen Kassen ist die Ausweitung der Igel-Angebote seit langer Zeit ein Dorn im Auge.