"Ich kapiere nicht, warum die Lernkurve beim Menschen so flach ist"

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Hannes Jaenicke streitet leidenschaftlich für den Umweltschutz - und nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Interview kritisiert er unter anderem Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner scharf: "Die dringend nötige Agrarwende ist mit dieser Frau nicht zu machen." (Bild: Sebastian Reuter/Getty Images)
Hannes Jaenicke streitet leidenschaftlich für den Umweltschutz - und nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Interview kritisiert er unter anderem Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner scharf: "Die dringend nötige Agrarwende ist mit dieser Frau nicht zu machen." (Bild: Sebastian Reuter/Getty Images)

Schützen oder abschießen? In seiner neuen Reportage beleuchtet Hannes Jaenicke die Kontroverse rund um den Wolf. Ein Gespräch über politische Versäumnisse, den hoffnungsvollen Blick ins Ausland und eine fehlende Demut des Menschen gegenüber der Tierwelt.

Hannes Jaenicke ist ein Mann der klaren Worte. Seit Jahren tritt er energisch für den Tier- und Umweltschutz ein. Seine ZDF-Reportagereihe "Hannes Jaenicke: Im Einsatz für ..." bringt es mittlerweile auf elf Ausgaben und wurde mit mehreren Preisen bedacht. Auch im Gespräch über den Wolf, den Protagonisten von Jaenickes neuer Dokumentation (Dienstag, 25. Mai, 22.15 Uhr), zeigt der Schauspieler klare Kante. "Ich kapiere einfach nicht, warum die Lernkurve beim Menschen so flach ist", hadert er über das Verhältnis vom Menschen zur Natur. Außerdem rechnet der 61-Jährige mit der amtierenden Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ab und verrät, was ihn trotz politischer Versäumnisse im Umgang mit dem Wolf positiv stimmt.

teleschau: In Ihrer neuen Reportage steht der Wolf im Mittelpunkt, ein Tier, dessen Population in den letzten Jahren beständig zugenommen hat. Weshalb braucht er trotzdem Ihre Hilfe?

Hannes Jaenicke: Weil in Deutschland entgegen jeglichem EU-Recht Wölfe wieder geschossen werden. Anstatt sich zu freuen, dass sich Ökosysteme wieder erholen können durch die Rückkehr eines großen Beutegreifers, schreien gewisse Lobbys und Politiker nach dem Abschuss.

teleschau: Weshalb hat der Wolf in Deutschland ein so schlechtes Image?

Jaenicke: Das hat viel mit dem Märchen der Gebrüder Grimm zu tun, das wurde mir als Kind auch vorgelesen, und ich hatte panische Angst vor dem bösen Wolf. Ich wäre damals nie in den dunklen Wald gegangen, weil ich felsenfest überzeugt war, ich werde sofort vom Wolf gefressen.

teleschau: Gibt es weitere Ursachen?

Jaenicke: Ein weiterer Grund ist die Lobby der Weidetier- und Nutztierhalter, die im Lauf der letzten 200 Jahre einfach verlernt haben, ihre Tiere vor Raubtieren zu schützen. Und der dritte Grund ist die Jagdlobby, die den Wolf als Konkurrenz im Hinblick auf Rot-, Schwarz- und Damwild beseitigen will.

teleschau: Welchen Anteil hat die Politik an der Polarisierung?

Jaenicke: Ich zitiere mit großer Begeisterung ein FDP-Wahlplakat von 2020. Da stand drauf: "Damit der Waldspaziergang nicht zur Mutprobe wird. Wolfsmanagement!" Da sieht man, wie gern mit Angst Politik gemacht wird. Die meiste Angst vor dem Wolf kommt von Ignoranz und einem Mangel an Information und Wissen.

In seiner neuen Reportage setzt sich Hannes Jaenicke mit dem Wolf auseinander. Sein eindringliches Plädoyer: "Der Wolf braucht Platz, und wir haben den Platz - wir dürfen ihn nur nicht noch weiter zerstören." (Bild: ZDF/Markus Strobel)
In seiner neuen Reportage setzt sich Hannes Jaenicke mit dem Wolf auseinander. Sein eindringliches Plädoyer: "Der Wolf braucht Platz, und wir haben den Platz - wir dürfen ihn nur nicht noch weiter zerstören." (Bild: ZDF/Markus Strobel)

"Ein Drittel unserer einheimischen Tierarten stirbt aus"

teleschau: Ein deutlich harmonischeres Zusammenleben zwischen Menschen und Wölfen gibt es im Ausland, etwa in Rumänien, Italien oder im Yellowstone-Nationalpark. Was kann Deutschland von diesen Positivbeispielen lernen?

Jaenicke: Interessant ist: Ein rumänischer oder ein italienischer Schäfer, der sein Schaf verliert, sucht die Schuld bei sich selbst und sagt: "Ich habe meinen Job nicht gut gemacht." In Deutschland reagieren viele Weidetierhalter mit dem Reflex: "Los, Papa Staat, schieß den Wolf ab." In Deutschland wird der Beruf des Schäfers offenbar anders praktiziert als im Ausland. Ein Wolf hat genauso eine Lebensberechtigung und ein Recht auf Nahrung wie jeder Mensch und jedes andere Tier. Es ist außerdem eine total verlogene Argumentation von Schafhaltern, ein Wolfsriss sei grausam.

teleschau: Weshalb verlogen?

Jaenicke: Dieser Schäfer verkauft normalerweise sein Schaf. Es wird auf einen Tiertransport gepfercht, zum Schlachthof gefahren und brutal geschlachtet, weil wir Menschen Lammfleisch essen wollen. Ist das wirklich besser, als wenn sich der Wolf eine Mahlzeit holt? Man weiß mittlerweile, dass sich das Ökosystem mit der Rückkehr von Wölfen erstaunlich schnell erholt, etwa im Yellowstone-Nationalpark. Selbst ein total zerstörtes Ökosystem pegelt sich ganz wunderbar aus, wenn Beutegreifer zurückkehren. Das sollte uns zu denken geben.

teleschau: Ein weiteres Problem, das Sie in der Reportage ansprechen, ist der Flächenfraß in Deutschland ...

Jaenicke: Absolut, und darüber wird bis heute kaum diskutiert. In keinem anderen europäischen Land werden so viel Grünflächen vernichtet wie in Deutschland, pro Tag sind das 90 fußballfeldgroße Grünflächen, um Gewerbeparks, Straßen, IKEAs, Kauflands, KIKs und den ganzen Quatsch zu bauen, den kein Mensch braucht. Wir brauchen keine Gewerbeparks mehr, auch keine neuen Autobahnen durch den Danneröder Forst oder Staatsstraßen durch den Ebersberger Forst. Der Wolf braucht Platz, und wir haben den Platz - wir dürfen ihn nur nicht noch weiter zerstören. Was wir brauchen, sind mehr Nationalparks und Naturschutzgebiete.

teleschau: Ist das schwierige Verhältnis zwischen Mensch und Wolf in Deutschland ein Ausdruck einer fehlenden Demut gegenüber Tieren?

Jaenicke: In Deutschland wird gern mit erhobenem Zeigefinger gemahnt, dass in Afrika doch bitte, bitte etwas gegen den Elfenbeinhandel getan werden muss oder gegen die Nashornjagd. Dabei sind wir keinen Deut besser. Ein Drittel unserer einheimischen Tierarten stirbt aus. Wir haben zu wenig Respekt vor der Natur und sind völlig entfremdet von ihr.

teleschau: Wo hapert es noch?

Jaenicke: Wir glauben noch immer, wir könnten die Natur "managen". Wenn der Sprecher des deutschen Jagdverbandes über das Thema Wolfsmanagement redet, dann denke ich mir: Lernt der Mensch wirklich nicht, dass man Natur nicht managen kann? Wir begradigen seit Jahrhunderten von Jahren Flüsse, machen daraus Betonröhren und wundern uns, dass wir Hochwasser haben. Irgendwann müsste der Mensch doch verstehen, dass man von der Natur lernen muss. Ich kapiere einfach nicht, warum die Lernkurve beim Menschen so flach ist.

Weidetierhalter oder Jägern, die den Abschuss von Wölfen befürworten, hält Hannes Jaenicke entgegen: "Ein Wolf hat genauso eine Lebensberechtigung und ein Recht auf Nahrung wie jeder Mensch und jedes andere Tier." (Bild: ZDF/Sebastian Reeh)
Weidetierhalter oder Jägern, die den Abschuss von Wölfen befürworten, hält Hannes Jaenicke entgegen: "Ein Wolf hat genauso eine Lebensberechtigung und ein Recht auf Nahrung wie jeder Mensch und jedes andere Tier." (Bild: ZDF/Sebastian Reeh)

"Der Wolf wird wiederkehren, egal in welchem Winkel der Republik"

teleschau: Die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat Ende März das Bundeszentrum Wolf und Weidetiere eröffnet. Was erhoffen Sie sich von diesem Schritt?

Jaenicke: Erst einmal hoffe ich, dass Julia Klöckner im Herbst abgewählt wird. Ich halte sie für das inkompetenteste Mitglied im Kabinett, vielleicht mit Ausnahme von Andreas Scheuer und Peter Altmaier. Die Eröffnung war natürlich eine schöne PR-Aktion, aber Julia Klöckner ist ja explizit für den Abschuss von Wölfen. Insofern nehme ich das, was Frau Klöckner macht, ehrlich gesagt nicht sehr ernst. Was die Themen Gülle, Pestizide, Überdüngung und Massentierhaltung angeht, hat Frau Klöckner komplett versagt. Die dringend nötige Agrarwende ist mit dieser Frau nicht zu machen.

teleschau: Welche Forderungen stellen Sie an die Politik, damit ein harmonischeres Miteinander zwischen Mensch und Wolf erzielt werden kann?

Jaenicke: Die Politik hat ja schon vor Jahren, lange vor Frau Klöckner, vieles richtig gemacht. Elektrozäune werden vom Staat bezahlt, und ein gerissenes Schaf wird entschädigt. Da ist viel Positives passiert, um Schäfern die Möglichkeit zu geben, Schaf- oder Weidetierhaltung zu betreiben, obwohl der Wolf wiederkommt. Jetzt muss man Schäfer davon überzeugen, ihre Herden wieder besser zu schützen. Das kann man wunderbar in Rumänien oder Italien studieren, das ist ja alles keine Weltreise. Denn der Wolf wird wiederkehren, egal in welchem Winkel der Republik.

teleschau: Sie haben in der Reportage mit einigen Weidetierhaltern gesprochen. Wie haben Sie diese erlebt?

Jaenicke: Mein Mitleid mit den Abschuss-Befürwortern unter ihnen hält sich in Grenzen. Wenn ein Schäfer 170 Euro Entschädigung für ein gerissenes Schaf bekommt, wo ist da bitte die wirtschaftliche Bedrohung? Das ist weitaus mehr, als er auf dem freien Markt für Fleisch oder Wolle bekommt. Der Wolf ist als Teil des Ökosystems zu wichtig, als dass wir auf ihn verzichten können. Wir haben eine gigantische Wildschweinplage in Deutschland und ein großes Problem mit dem Verbiss durch Dam- und Rotwild. Warum haben wir diese Probleme? Weil diese Tiere keine natürlichen Feinde mehr haben. Wir schießen Millionen von Rehen jedes Jahr, wir versuchen, möglichst viele Wildschweine zu schießen und schießen jetzt auch noch den Wolf, das einzig wirksame Regulativ? Wie dumm kann der Mensch denn sein?

Hannes Jaenicke (rechts) traf im Rahmen der Reportage "Hannes Jaenicke: Im Einsatz für den Wolf" unter anderem auf Peter Wohlleben. (Bild: ZDF/Andre Becker)
Hannes Jaenicke (rechts) traf im Rahmen der Reportage "Hannes Jaenicke: Im Einsatz für den Wolf" unter anderem auf Peter Wohlleben. (Bild: ZDF/Andre Becker)

"Der Gesetzgeber ist viel zu lasch und nachlässig"

teleschau: Abseits von wildlebenden Wölfen halten einige Tierhalter mittlerweile Wolfshunde, also Hybride aus Wölfen und Hunden, in den eigenen vier Wänden. Wie bewerten Sie diese "Wildnis auf dem Sofa"?

Jaenicke: Da bin ich extrem kritisch. Ich finde, wilde Tiere wie Wölfe, Raubkatzen oder exotische Echsen haben im Privatbesitz nichts verloren. Ich finde das äußerst fragwürdig.

teleschau: Diese Faszination für Wildtiere wurde auch durch Serien-Hypes wie "Tiger King" auf Netflix befeuert ...

Jaenicke: Dass so etwas in den USA überhaupt erlaubt ist, halte ich für einen Skandal. Das gehört gesetzlich verboten. Wir haben einen Film über Geparden gemacht, da haben wir bei einem Ehepaar in Baden-Württemberg gedreht, das Geparden hält. Warum ist das erlaubt? Warum kann man sich als Deutscher in Polen einen Puma, einen Löwen züchten lassen? Wir brauchen ganz dringend ein Verbot von Wildtierhaltung, auch im Zirkus. Da schläft Deutschland stehenden Fußes. Der Gesetzgeber ist viel zu lasch und nachlässig.

teleschau: In der Reportage ist von einer Gesetzesnovelle des Deutschen Bundestages die Rede, die nicht EU-konform ist. Wie erklären Sie sich, dass solche Vorstöße trotzdem ernsthaft diskutiert werden?

Jaenicke: Der Abschuss ist seit 2020 sogar erlaubt. Meine Gegenfrage wäre: Wie kamen die Herren Seehofer, Dobrindt und Scheuer auf die Idee, eine Maut einzuführen, die von Vornherein EU-rechtlich nicht durchsetzbar war? Dieser Spaß wird uns etwa 770 Millionen Euro kosten. Das ist die Dummheit der Politik. Stefan Weil in Niedersachsen ist für den Abschuss von sogenannten Problem-Wölfen, Julia Klöckner ebenso. Das EU-Gesetz hat Wölfe aber unter strengen Schutz gestellt. Es ist mir ein Rätsel, wie ein EU-Land auf die Idee kommt, solche Gesetze zu unterlaufen.

teleschau: Trotz Ihrer offensichtlichen Unzufriedenheit mit der derzeitigen Politik: Was macht Sie zuversichtlich, dass sich das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf verbessert?

Jaenicke: Erstens der Blick ins Ausland, etwa nach Rumänien, Italien oder Skandinavien. Außerdem setze ich große Hoffnungen in die Wahl im September. Ich denke, wir werden eine Koalition bekommen mit den Grünen. Dann gäbe es einen Richtungswechsel. Aktuell basiert das Wirtschaftsmodell ja noch darauf, die Natur weiter auszubeuten und weitere Gewerbeparks und Straßen zu bauen. Das ist ein Auslaufmodell. Ich hoffe, wir bekommen im September eine Regierung, die bei den wichtigen Themen Naturschutz und Nachhaltigkeit engagierter und tatkräftiger zu Werke geht.

Eine mögliche Koalition mit Beteiligung der Grünen bei den anstehenden Bundestagswahlen im September stimmt Hannes Jaenicke zuversichtlich: "Ich hoffe, wir bekommen im September eine Regierung, die bei den wichtigen Themen Naturschutz und Nachhaltigkeit engagierter und tatkräftiger zu Werke geht." (Bild: ZDF / Daniel Ritter / Tango Film GmbH)
Eine mögliche Koalition mit Beteiligung der Grünen bei den anstehenden Bundestagswahlen im September stimmt Hannes Jaenicke zuversichtlich: "Ich hoffe, wir bekommen im September eine Regierung, die bei den wichtigen Themen Naturschutz und Nachhaltigkeit engagierter und tatkräftiger zu Werke geht." (Bild: ZDF / Daniel Ritter / Tango Film GmbH)
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