Als am Kap eine neue Zeitrechnung begann


Wenn sie an den 11. Februar 1990 zurückdenkt, spürt Cheryl Carolus noch immer diesen Zwiespalt aus großem Glück und heftiger Panik. „Ehrlich gesagt war es der reinste Horror“, sagt die politische Aktivistin, die inzwischen Karriere in der Wirtschaft gemacht hat, bei einer Rückschau auf das Ereignis, mit dem vor 28 Jahren in Südafrika eine neue Zeitrechnung begann. Erst am Vortag hatten sie und ihre Mitstreiter in der Anti-Apartheids-Bewegung erfahren, dass Südafrikas Freiheitsikone Nelson Mandela, viel früher als erwartet, schon in aller Kürze von der weißen Minderheitsregierung um Präsident Frederik Willem de Klerk in die Freiheit entlassen würde.

In Windeseile wurden von den Aktivisten Flugblätter gedruckt. „Wir fühlten uns total überwältigt, aber wir wollten zumindest ein paar Tausend Menschen mobilisieren“, sagt Carolus. „Denn wir alle dachten: Mandela kann doch nicht aus dem Gefängnis kommen – und kaum jemand ist da.“

Carolus hätte sich nicht sorgen müssen. Der 11. Februar 1990 war ein heißer Sonntag – und ganz Kapstadt auf den Beinen. Tausende strömten schon am frühen Morgen in das verträumte Winzerdorf Paarl, wo Mandela, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiern würde, in einem Gäste-Bungalow des örtlichen Gefängnisses die letzten Monate seiner langen Haftjahre verbracht hatte. Die enge Straße, die zum Gefängnis führte, war von Stacheldraht umgeben – und von tausenden neugieriger Zuschauer.

Es war schon lange nach 16 Uhr, als es schließlich so weit war: Hand in Hand mit seiner Frau Winnie, schritt Nelson Mandela mit gereckter Faust durch das offene Tor des Victor-Verster-Gefängnisses in eine für ihn völlig neue Welt.  Auch auf dem Rathausplatz in Kapstadt, wo Mandela wenig später seine erste Rede an die Nation halten sollte, war die Lage mächtig angespannt. Viele der rund 100.000 Menschen waren schon am späten Vormittag auf die Grand Parade unterhalb des Tafelbergs gekommen, doch gab es dort weder Wasser noch Toiletten. Je länger Mandela auf sich warten ließ, desto gereizter wurde die Stimmung. Ein erster Versuch von Mandelas Entourage, mit seinem Mercedes zum Hinterausgang des Rathauses zu gelangen, schlug fehl.


Schließlich wurde Mandela im zweiten Versuch von hinten ins Rathaus geschleust. Mit den letzten Sonnenstrahlen trat der Mann, der bis zu jenem Tag über 10.000 Tage im Gefängnis gesessen hatte, schließlich vor die inzwischen geschrumpfte Menge – und bemerkte, dass er seine Brille im Gefängnis vergessen hatte. Zum Glück hatte Ehefrau Winnie eine ähnliche Brillenschärfe und reichte ihm ihre Gläser.

Auf dem Balkon neben den beiden stand an diesem historischen Tag Cyril Ramaphosa, damals noch Chef der mächtigen Minenarbeitergewerkschaft NUM – und hielt Mandela das Mikrofon. Den ganzen Tag hindurch wich Ramaphosa dem Freiheitskämpfer kaum von der Seite. Für viele war diese Vorzugsbehandlung schon damals ein Indiz dafür, dass Mandela große Pläne für den damals 36-jährigen Ramaphosa hatte - und ihn womöglich schon gleich zu Beginn als seinen Thronfolger sah.

Es war deshalb ein ausgesprochen symbolträchtiger Moment als Cyril Ramaphosa an diesem Sonntag, exakt 28 Jahre später, wieder auf den Balkon des Kapstädter Rathauses trat – an eben jene Stelle, von der Mandela damals seine erste Rede an die Welt gehalten hatte. Doch die Stimmung hätte unterschiedlicher kaum sein können. Hatten damals Zehntausende Mandela begeistert zugejubelt, verloren sich zu der Gedenkfeier des historischen Tages nun kaum 3.000 Menschen in dem weiten Areal.

Dennoch wird Ramaphosa Auftritt am Sonntag in Erinnerung bleiben. Nicht etwa weil seine Rede so inspirierend gewesen wäre. Das war sie sicher nicht.  Nein, fast 30 Jahre nach dem großen Tag und nach vielen Umwegen ist es jetzt nämlich tatsächlich soweit: Aus dem Mann, der politisch immer ganz dicht dran aber nie ganz oben stand, ist ein Mann geworden, der seit Dezember nicht nur dem regierenden ANC vorsteht, sondern ab morgen auch an der Spitze des südafrikanischen Staates stehen könnte.


Dann wird nämlich im Parlament in Kapstadt über einen Misstrauensantrag der Opposition gegen Zuma abgestimmt. Und weil der ANC seine eigenen Abgeordneten diesmal ausdrücklich aufgefordert hat, den Antrag zu unterstützen und dem sturen Zuma die rote Karte zu zeigen, dürfte der korrupte Präsident dann auch endlich fallen – und wohl noch am gleichen Tag durch Ramaphosa ersetzt werden.

Zuma erlebt nun ganz konkret wie es sich anfühlt, wenn die einstigen Freunde das sinkende Schiff verlassen. Es ist die alte, eherne Regel: Wenn Macht erst einmal bröckelt, zerfällt sie für gewöhnlich schnell. Leicht wird die Wende zum Besseren am Kap dennoch nicht werden. Denn nach der ruinösen Präsidentschaft von Jacob Zuma bräuchte das Land nun eigentlich einen unverbrauchten Führer, der Südafrika eine neue Vision geben könnte. Ramaphosa ist sicherlich ungleich besser sein Vorgänger und ein Hoffnungsträger. Doch ein zweiter Mandela, wie vor 28 Jahren, ist am Kap nirgendwo in Sicht.