Warum ein kanadisches Unternehmen die erste Lithium-Raffinerie Europas ausgerechnet in Brandenburg bauen will

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Dirk Harbecke, der deutsche Vorstandsvorsitzende von Rock Tech Lithium, sieht in Sachsen-Anhalt und Brandenburg großes Potenzial.
Dirk Harbecke, der deutsche Vorstandsvorsitzende von Rock Tech Lithium, sieht in Sachsen-Anhalt und Brandenburg großes Potenzial.

Die Batteriezellen der boomenden Elektroautos werden aktuell noch fast ausschließlich von asiatischen Zulieferern wie CATL oder LG Chem produziert. Europas Autobauer möchten jedoch auf lange Sicht unabhängiger werden und planen daher für die kommenden Jahre den Bau eigener Zellfabriken. Auch die Politik ist von der Dringlichkeit dieses Schrittes überzeugt und fördert deshalb den Bau der Produktionsstätten massiv.

Eine Sache wird dabei oft vernachlässigt: Lithium, der mit Abstand wichtigste Rohstoff für die Batterien der E-Autos, wird zwar großteils in Chile, Argentinien und Australien abgebaut, die Weiterverarbeitung zu Lithium-Hydroxid erfolgt aber fast ausschließlich in China. Rock Tech Lithium möchte nun auch auf diesen lukrativen Markt. Anfang des Jahres hatten die Kanadier angekündigt, dass sie in Deutschland die erste Lithium-Raffinerie Europas bauen zu wollen.

Im April soll mit dem Bau der ersten europäischen Lithium-Verarbeitungsanlage im brandenburgischen Guben begonnen werden. Aktuell liefen die Subventionsgespräche noch, sagte Dirk Harbecke, der deutsche Vorstandsvorsitzende von Rock Tech Lithium, der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Rock Tech Lithium geht davon aus, bis zu 470 Millionen Euro in das Werk zur Produktion von batteriefähigem Lithiumhydroxid – einem wichtigen Bestandteil von Akkus für Elektroautos – investieren zu müssen. Rund 150 Millionen Euro will Harbecke selbst aufbringen und nimmt dafür nun eine Kapitalerhöhung von bis zu 35 Millionen Euro vor, um schon fällige Anzahlungen begleichen zu können.

Die Fabrik soll 2023 den Betrieb aufnehmen. Nachdem sich neben dem britischen Hedge-Fonds-Manager Alan Howard und dem deutschen Unternehmer Christian Angermayer, auch der bekannte US-Investor Peter Thiel an dem Unternehmen beteiligt hatte, erlebte die Aktie von Rock Tech Lithium im vergangenen Januar einen Höhenflug.

Business Insider traf Harbecke zum Gespräch.

Ideale Nachbarn und hohe Förderungen

Laut dem Rock Tech Lithium-Chef bieten die ostdeutschen Bundesländer hervorragende Voraussetzungen für ein derartiges Projekt. "Wir glauben, dass der Osten das Potenzial dazu hat, das Zentrum der deutschen Batteriezellenproduktion zu werden. Dort befinden wir uns inmitten aller angekündigten Batteriezellfabriken", sagt Harbecke. Gemeint sind unter anderem die große Kathoden-Fabrik von BASF im südbrandenburgischen Schwarzheide und natürlich Teslas Fabrik in Grünheide in der Nähe von Berlin.

Der Osten der Bundesrepublik bietet aber auch finanziell einen entscheidenen Vorteil. Die Subventionen sind dort deutlich höher als in Westdeutschland. In Hessen oder Hamburg würde der Satz für die GAW-Förderung laut Harbecke beispielsweise bei etwa zehn Prozent liegen. Im Osten, idealerweise im Grenzgebiet zu Polen, gäbe es auf Landesebene dagegen einen Satz von 45 Prozent auf die förderbaren Mittel. "Wir reden im Prinzip davon, ob man aus einem solchen Förderprogramm zehn Millionen oder eben sogar 45 Millionen Euro an Subventionen bekommen kann", bringt es der Manager auf den Punkt. Das Gesamtinvestitionsvolumen für das Rock-Tech-Lithium-Werk liegt bei etwa 400 Millionen Euro. Es ist jedoch nur ein gewisser Anteil der Ausgaben förderfähig. Dazu gehören zum Beispiel die Geräte für die Produktionsanlagen.

Ein Forschungszentrum ist geplant

Neben der Raffinierie möchte Rock Tech Lithium an dem Standort auch ein Forschungszentrum aufbauen. Im Gespräch mit Business Insider sagte Harbecke, dass er sich dabei eine Zusammenarbeit mit den aufstrebenden Universitäten in der Umgebung oder anderen renommierten Einrichtungen wie dem Max Planck- oder Fraunhofer-Institut vorstellen könne. Diese Verfügbarkeit von Know-how mache die östlichen Bundesländer zusätzlich attraktiv. "Man kann in Ostdeutschland viel bewegen", sagt der Manager begeistert.

Der Bedarf an Lithium wächst stetig

Zu den potenziellen Abnehmern seines Lithium-Hydroxids hat sich Rock Tech Lithium bisher eher bedeckt gehalten. "Wir haben dafür mit allen relevanten Autoherstellern Gespräche aufgenommen", erklärt uns Harbecke. Allerdings befänden sich die Verhandlungen noch in einem frühen Stadium, weil zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Produktmuster vorliege. Derzeit hat das Unternehmen zwei Pilotanlagen im Betrieb, die parallel an diesem arbeiten würden, so Harbecke. Die Anlagen stehen in Deutschland und Australien und nutzen verschiedene Verfahren. So soll der Herstellungsprozess laut dem Manager optimiert werden. Er erwartet, dass Mitte April das erste fertige Lithium-Hydroxid-Produkt vorliegen werde.

Obwohl die Autobauer bisher eigentlich fast immer auf etablierte Zulieferer gesetzt hätten, ist Harbecke zuversichtlich. "Noch vor fünf Jahren hätten die Hersteller mit einem erst seriöse Gespräche geführt, wenn man bereits ein oder zwei Jahre zuverlässig produziert und geliefert hat. Die deutsche Autoindustrie wird ab 2024 oder 2025 richtig große Mengen Lithium-Hydroxid brauchen. Wenn sie jetzt mit einem Unternehmen wie unserem sprechen, welches ab Mitte/ Ende 2023 mit der Produktion beginnt, ist das natürlich tendenziell sehr interessant für sie", sagt er zu Business Insider. Um den gigantischen Lithium-Bedarf langfristig decken zu können, braucht es laut Harbecke jedes einzelne auf diesem Gebiet tätige Unternehmen.

Tesla soll ebenfalls beliefert werden

Auch Tesla wird von Rock Tech Lithium als wichtiger Kunde anvisiert. Und zwar nicht nur aufgrund der geographischen Nähe zu der Fabrik in Grünheide. Der kalifornische Autobauer äußerte in der Vergangenheit bereits Bedenken bezüglich der Versorgung mit dem Rohstoff. Deshalb zog Tesla bereits in Betracht, selber Lithium-Hydroxid herzustellen und sich so unabhängiger zu machen. Wenn es nach Harbecke geht, wird dieser Schritt durch das Projekt seines Unternehmens obsolet gemacht. "Wir möchten mit unserer Produktionsstätte dafür sorgen, dass wir in Deutschland genug Lithium-Hydroxid haben, damit Tesla nicht dazu gezwungen ist, es selbst herzustellen, sondern die Materialien letztendlich bei uns einkauft."

Das Lithium dafür stammt aus Kanada

Die beim Abbau von Lithium entstehenden Umweltschäden werden von Kritikern oft als Argument gegen die E-Mobilität angeführt. Rock Tech Lithium holt das leichteste und hochreaktive Metall jedoch nicht aus den Salzkrusten Chiles und Argentiniens, sondern baut es in einer Mine im kanadischen Mine North Ontario ab. So soll die Produktion der Stromspeicher deutlich nachhaltiger werden. Der größte Unterschied zu den Abbaugebieten in Südamerika besteht laut Harbecke darin, dass die dortigen Salzkrusten einen recht niedrigen Lithium-Gehalt von etwa 0,01 Prozent haben. Das Lithium wird dort aus einer Tiefe von 300 Metern hochgesaugt und anschließend mit riesigen Mengen Grundwasser gereinigt. Letzteres verdunstet anschließend in der Wüstenhitze. Der ganze Prozess dauere etwa 18 Monate. Zudem seien die Fabriken ziemlich aufwendig, weil ein 99-prozentiges Produkt aus den ursprünglichen 0,01 Prozent entstehen müsse.

Deutlich höheres Gehalt als in Chile

Bei Rock Tech Lithium handelt es sich dagegen um ein klassisches Bergbauunternehmen. Ein großer Vorteil bestehe laut Harbecke darin, dass man die Lithium-Abbaugebiete schon gut an der Oberfläche sehen kann. Der Rohstoff sei in Pegmatit-Gestein enthalten, das auf einer Breite von 25 Metern aus der Erde ragen. Die Pegmatit-Strukturen werden laut Aussage des Unternehmens mit modernster Technik aus dem Boden geholt und anschließend zerkleinert. Da Lithium das leichteste Metall ist, könne es leicht aussortiert werden. Anschließend werde aus ihm ein sechsprozentiges Konzentrat hergestellt. Das restliche Gestein werde in die Mine zurückgekippt. “Wir haben mit einem Prozent schon jetzt das Hundertfache an Konzentrat im Boden. Deshalb fällt bei uns die massive chemische Aufbereitung weg, die bei der Lithiumgewinnung in den lateinamerikanischen Salzseen benötigt wird", sagt der Manager.

Die Umweltrichtlinien in Kanada sind seiner Aussage nach mit denen in Europa vergleichbar. Rock Tech Lithium arbeitet nach eigenen Angaben auch eng mit der in den umliegenden Reservaten ansässigen indigenen Bevölkerung zusammen. Das Minengebiet liege im Gebiet ihrer Ahnen, deshalb werden die "First Nations" angeblich stark in alle Prozesse eingebunden. Zusätzlich sollen für sie auch Jobs geschaffen werden. "Wir werden dort umwelttechnisch überhaupt keinen Impact hinterlassen. Wenn wir beispielsweise nach zwanzig Jahren mit dem Abbau fertig sind, werden die Minen wieder komplett aufgeschüttet und die gefällten Bäume wieder aufgeforstet", behauptet Harbecke.

Konkrete Zahlen zur Reduktion des CO2-Abdrucks durch den Abbau in Nordamerika und die Weiterverarbeitung in Deutschland, liegen derzeit aber noch nicht vor. Über kurz oder lang sei aber eine Studie zu diesem wichtigen Thema geplant. In den nächsten Monaten und Jahren wird sich zeigen, wie viel tatsächlich hinter all den Ankündigungen steckt.

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