Kanadische Ex-Taliban-Geisel wegen sexueller Übergriffe vor Gericht

Joshua Boyle im Oktober in Kanada

Knapp drei Monate nach seiner Befreiung aus fünfjähriger Geiselhaft in Afghanistan ist der Kanadier Joshua Boyle in seinem Heimatland festgenommen und angeklagt worden. Der 34-Jährige erschien am Mittwoch erstmals vor einem Gericht in Ottawa. Boyle, der 2012 zusammen mit seiner Familie von Islamisten verschleppt worden war, werden unter anderem sexuelle Übergriffe, Freiheitsberaubung, Gewaltanwendung und Morddrohungen zur Last gelegt.

Boyles Anwalt Eric Granger erklärte, bei der fünfminütigen Anhörung per Videoübertragung habe es sich um einen "reinen Verwaltungsakt" gehandelt. Der nächste Gerichtstermin wurde für kommenden Montag angesetzt.

Gegen Boyle wird auch ermittelt, weil er versucht haben soll, den Verdacht von sich zu lenken, sowie wegen der Verabreichung einer giftigen Substanz. Alle Taten sollen sich seit seiner Rückkehr nach Kanada Mitte Oktober ereignet haben. Die Identität der mutmaßlichen Opfer wurden auf richterliche Anordnung nicht preisgegeben.

Boyles Ehefrau, die US-Bürgerin Caitlan Coleman, sagte der Zeitung "Toronto Star", die durch die jahrelange Geiselhaft bei den Taliban in Afghanistan erlittene "Belastung" und das entstandene "Trauma" hätten sich auf den Geisteszustand ihres Mannes ausgewirkt.

Coleman äußerte sich nicht zu den konkreten Vorwürfen und auch nicht dazu, ob sie selbst eines der Opfer sei. Allerdings fügte sie hinzu: "Mit Mitgefühl und Vergebung hoffe ich, dass ihm geholfen und er geheilt werden kann." Sie und die drei gemeinsamen Kinder seien gesund.

Boyle und Coleman waren 2012 von den Taliban in Afghanistan gefangengenommen worden, wo sie sich nach eigenen Angaben zu einer Wanderung aufhielten. Später wurden sie an das Hakkani-Netzwerk übergeben, das mutmaßliche Verbindungen zum pakistanischen Militär unterhält. Während der Gefangenschaft bekam das Paar drei Kinder. Boyle warf dem Hakkani-Netzwerk vor, ein weiteres seiner Kinder ermordet und seine Frau vergewaltigt zu haben.

Die Familie kam im Oktober frei. Die pakistanische Armee sprach von einer riskanten Befreiungsaktion, was allerdings von einigen Beamten in den USA und Kanada angezweifelt wird. Spekuliert wurde über eine mit dem Hakkani-Netzwerk "ausgehandelte Übergabe".