Kämpfen wie ein Kingsman

Ich sitze im Erdgeschoss des Londoner Pubs Kingsmans Arms, nippe an meiner Cola und höre zu, wie im ersten Stock ein Glas zerschmettert wird. Anfeuerungsrufe sind zu hören, gefolgt von einem lauten Schrei und einem noch lauteren Krachen. Was sich anhört wie eine Keipenschlägerei, ist auch eine, aber glücklicherweise keine echte.

Aber von vorne: Zum DVD-/Blu-ray-Release von “Kingsman: The Golden Circle” hat 20th Century Fox Home Entertainment zum Stuntman Workshop nach London geladen. Im Rahmen des Events haben ein paar Kollegen aus anderen Redaktionen und ich die Möglichkeit eine Stunt-Szene einzustudieren und zwar unter der Anleitung von zwei professionellen Stuntmännern aus dem Film.

Das Pub Kingsmans Arms heißt eigentlich Kings Arms und ist am Londoner Sheperd Market zu finden (Bild: Yahoo Kino Deutschland/ 20th Century Fox Home Entertainment)

Die Schlägerei, die gerade im ersten Stock des Pubs stattfindet, ist dementsprechend auch nur gestellt, hört sich aber ziemlich echt und respekteinflößend an. Meine ursprüngliche Annahme, ich würde das Training mit den anderen gemeinsam absolvieren, stellt sich kurze Zeit später als falsch heraus. Wir kriegen alle ein Einzelcoaching. Das finden wir auch gut, nur wird die Aufregung dadurch nicht weniger.

Stunt-Coaching mit den Stuntmännern Andy Lister und Elmo Walker (Bild: 20th Century Fox Home Entertainment)

Dann bin ich dran: Oben begrüßen mich die Stunt-Profis Andy Lister – der übrigens auch das Stunt-Double von Daniel Craig ist – und Elmo Walker. Beide haben in den Kingsman-Filmen mitgespielt, Andy zum Beispiel als Charlies/Edward Holcrofts-Stuntdouble in “Kingsman: The Golden Circle” und Elmo sieht man im ersten Teil unter anderem in dieser Szene:

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Die Rollenverteilung beim Coaching ist einfach: Ich teile mit einem Glas und einem Kingsman-Schirm aus, Elmo steckt ein. Damit das funktioniert, zeigt mir Andy welche Bewegungen ich nacheinander machen muss. Erst ducken, um Elmos Faustschlag auszuweichen und dann nach dem Krug hinter mir greifen. Damit ziehe ich Elmo anschließend eins über, bevor ich ihn mit meinem Kingsman-Schirm “KO” schlage. Klingt relativ einfach, ganz so simpel ist es aber nicht. Für den Anfang muss ich erstmal ohne Glas üben und die Bewegungsabfolge richtig hinbekommen. Also gehen Elmo und ich die Stunt-Choreografie ein paar Mal durch, während Andy mich mit kurzen Ansagen unterstützt.

“Wie schnell soll ich die Bewegungen denn machen?”, frage ich ihn. “Ungefähr 50 Prozent langsamer, als in der Realität”, lautet die Antwort. Dadurch wirken die Gesten größer und dramatischer. Am Filmset selbst sind die Stunts normalerweise 75 Prozent langsamer, die Geschwindigkeit entstehe oft erst im Schnitt. Während ich also ein ums andere Mal Elmos Faustschlag ausweiche, um nach dem imaginären Glas hinter mir auf der Pub-Theke zu greifen, frage ich mich, wie spontan ein Star am Filmset entscheiden kann, einen Stunt selber zu machen. Kann er das überhaupt? “Das kommt darauf an”, sagt Andy. Und zwar auf den Stunt und die Stunt-Erfahrung des Stars. Ist der Stunt zu kompliziert oder der Star zu unerfahren, darf er den Stunt auch nicht selbst ausführen – egal wie berühmt der- oder diejenige ist.

Nachdem wir das Ducken und den anschließenden Griff nach dem Glas nun ein paar Mal geübt haben, kommt Teil zwei der Szene, in der ich Elmo schlussendlich mit meinem Kingsman-Schirm außer Gefecht setze. Der Schirm ist echt, dementsprechend lautet die wichtigste Regel: “No Contact!”, sprich “Schlag Elmo nicht wirklich mit dem Schirm”. Das bedeutet für mich, dass ich den Schirm 5-10 cm vor Elmo abstoppen muss, woraufhin er so tut, als hätte ich ihn getroffen. Timing ist alles!

Nachdem wir das auch noch ein paar Mal durchgegangen sind und ich Elmo nun zum bestimmt fünfzehnten Mal mein imaginäres Glas über den Schädel gezogen und mit dem Schirm verprügelt habe, wird es ernst: Da wo gerade noch kein Glas stand, steht jetzt ein Krug. Der Krug ist im Gegensatz zum Schirm nicht echt, sondern aus Zucker. So einen wollte ich schon immer mal in der Hand halten und kaputt machen.

(Bild: 20th Century Fox Home Entertainment)

Die für den Schirm geltende Regel “No Contact” wird für das Glas außer Kraft gesetzt, Elmo zeigt mir die Stelle an seinem Kopf, an der ich ihn mit dem Glas treffen soll. Ich nehme das Zuckerglas probeweise in die Hand. Obwohl es so gut wie nichts wiegt, bin ich mir unsicher: “Wie fest darf ich mit dem Krug denn zuschlagen?” “Du kannst damit gar nicht fest zuschlagen, der zerbricht sofort”, sagt Andy und genau das tut er dann auch.

Erkenntnis: Mit Zuckergläsern kann man wirklich nicht fest zuschlagen (Bild: 20th Century Fox Home Entertainment)

Davon bin ich im ersten Moment so begeistert, dass ich vergesse meinen Schirm und mich für den zweiten Teil der Szene in Position zu bringen. Also Scherben auffegen und das Ganze nochmal von vorn: Ich zerschmettere noch ein zweites – und auch noch ein drittes – Glas auf Elmos Kopf und denke beide Mal auch an den Schirm. Die komplette Stunt-Szene, seht ihr im Video – so viel sei aber verraten, ich fliege am Ende nicht durch die Luft.