Kampf der Vorurteile – Deutschland wird in Italien zum Feindbild


Lega-Chef Matteo Salvini beherrscht sein Geschäft als populistischer Agitator perfekt. Vielleicht hat ihm auch das Treffen mit Ex-Trump-Berater Steve Bannon am Wochenende in Rom noch zusätzlich den Rücken gestärkt. Mitten im dramatischsten Moment der politischen Krise in Italien hatte er den Feind schnell ausgemacht: die Deutschen.

„Wir haben ein  Prinzip, und nach dem entscheiden nur die Italiener für Italien, nicht die Deutschen“, rief er am Sonntagabend in der umbrischen Stadt Terni seinen Anhängern zu, während in Rom gerade der letzte Versuch zur Bildung einer Regierung gescheitert war.

„Wir lassen uns von niemandem erpressen“, rief der Lega-Chef weiter, als sein Kandidat für das Amt des Wirtschaftsministers schon durchgefallen war. „Ein Minister, der den Deutschen nicht sympathisch ist, heißt doch, dass es genau der richtige Minister für uns ist.“ Nun soll Ex-IWF-Ökonom Carlo Cottarelli eine Übergangsregierung formieren – Lega und Fünf Sterne wollen das verhindern.



Vom „Diktat aus Berlin und Brüssel“ ist in Italien seit Tagen die Rede. Die kollektive Wut der Lega-Politiker und der Fünf Sterne richtet sich gegen Kommentare aus dem Norden, in denen gewarnt wurde, dass die neue und nun geplatzte Regierung mehr ausgeben als einnehmen wollte und dass die Beschlüsse des Stabilitätspakts für die Wahlsieger vom März Makulatur sind.

Ebenso kritische Stimmen gab es auch in Italien. So warnte auch der Unternehmerverband Confindustria vor ausufernden Belastungen für den Haushalt des verschuldeten Landes. Der Noch-Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan sorgt sich wegen der Nervosität an den Finanzmärkten, und jeder Ökonom oder Banker bringt von sich aus das Gespräch auf die hohe Staatsverschuldung Italiens, die eingedämmt werden müsse.

Doch die Stimmung kippte, als der „Spiegel“ eine Kolumne mit der Zeile „Die Schnorrer von Rom“ brachte, in der es hieß: „Wie soll man das Verhalten einer Nation nennen, die erst die Hand aufhält, um sich ihr sprichwörtliches „dolce far niente“ von anderen finanzieren zu lassen – und dann damit droht, den Geldgebern den Knüppel über den Kopf zu ziehen, wenn diese auf einer Begleichung der Schuld bestehen?“

Das ging den Italienern zu weit. Sogar Staatspräsident Sergio Mattarella ging – ohne Namen zu nennen – in seiner Brandrede am Sonntagabend darauf ein und kritisierte „groteske und inakzeptable Urteile“, die in Presseorganen eines europäischen Landes erschienen seien.

Zuvor hatte schon der italienische Botschafter in Berlin sein Land verteidigt. „Es bleibt ein fader Beigeschmack wegen der Art und Weise, wie diese Kritik gegen ein ganzes Volk gerichtet wird”, sagte Pietro Benassi. Es handele sich um ein „sehr einfaches und verführerisches“ System, um die Menschen aufzuregen. Das sei eine gefährliche Straße für Dialektik in Europa. „Am Ende gibt es nur Verlierer.“



So ist über Nacht wieder der alte Krieg der Stereotype und Klischees zwischen Deutschland und Italien ausgebrochen, der vor Jahrzehnten mit einem „Spiegel“-Cover mit einem Teller Spaghetti und einer Pistole seinen Höhepunkt erreicht hatte. Kein Wort mehr über die engen Handelsbeziehungen der beiden Länder, über die gute Arbeit der Regierung Gentiloni und den engen Austausch von Rom und Berlin.

Sogar kluge und normalerweise ausgewogene Kommentatoren wie Federico Fubini im „Corriere della Sera“ legen nun nach: Er vergleicht die aktuelle Situation in Italien mit Griechenland im Sommer 2015 und schreibt: „Mit solchen Klischees soll die öffentliche Meinung (in Deutschland) vorbereitet werden auf die Haltung, die die Regierung einnehmen wird, wenn es zum Knall kommt: nur nicht zulassen, dass ein Land das System konditioniert mit der Drohung, den Euro zu verlassen.“ Und dann erwähnt er – wie es immer die Italiener in diesem Kontext tun – den Handelsüberschuss Deutschlands. 

„Dieses Deutschland ist nur mit den anderen streng“, schreibt Fubini. Und dass die Auseinandersetzung das größte Geschenk für die Anti-Europäer in Italien sei. In dem Punkt hat er recht.