Der Kampf um die Krawatte

Der Stuhl der Premierministerin wackelt, die Wirtschaft wankt, der Brexit rückt näher. Großbritanniens Abgeordnete streiten jedoch um profanere Dinge: Krawatten. Eine Weltgeschichte.


Es war eine kleine Begebenheit im britischen Parlament, die auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich wirkte. Vergangenen Donnerstag erteilte Parlamentspräsident John Bercow einem Abgeordneten, dem Liberaldemokraten Tom Brake, das Wort. Worum es ging? Der Redebeitrag ist längst in Vergessenheit geraten. Aber dieser eigentlich alltägliche Vorgang löste einen erbitterten Streit aus. Denn der Abgeordnete Brake trug keine Krawatte. Und bislang konnte man dann nicht damit rechnen, im traditionsbewussten britischen Parlament Gehör zu finden.

Traditionen werden auf der Insel hochgehalten – was der Öffentlichkeit erst vor wenigen Tagen eindrucksvoll wieder vor Augen geführt wurde, als Königin Elisabeth II. mit viel Pomp und Plüsch die neue Parlamentsperiode eingeläutete. Viele Vorgänge in dem ehrwürdigen Palace of Westminister sind Jahrhunderte alt und wurden erstmals um 1880 im „Treatise on the Law, Privileges, Proceedings and Usage of Parliament“, niedergeschrieben. Das letzte Wort über die Auslegung der Regeln hat der jeweilige Parlamentspräsident – der so genannte „Speaker“.

Und der aktuelle Parlamentspräsident Bercow hat keine Angst, mit Traditionen zu brechen. Erst vor einigen Monaten hatte er erlaubt, dass Parlamentsmitarbeiter ihre Perücke ablegen dürfen, nachdem sich einige beschwert hatten, dass die weißen Haarlocken jucken würden. Auch diese Regeländerung hatte für Protest gesorgt – schließlich sei der Juckreiz heutzutage ja auch nicht anders als vor 300 Jahren, wie ein Abgeordneter pikiert anmerkte. Rasch ging man im Parlament wieder zu wichtigeren Themen über.


Anders als jetzt. Seit Tagen tobt ein erbitterter Kampf um die Krawatte. Der Bruch mit der Tradition führe dazu, schimpfte der konservative Abgeordnete Peter Bone, „dass Stück für Stück unser Parlament wie ein Landtag“ werde. „Jedes Mal, wenn man eine Tradition abschaffe, verringere das den Respekt vor dem Parlament“. Auch Transportminister John Hayes stellte sich auf die Seite der empörten Traditionalisten. Er kündigte an, er werde keine Fragen von „kleidungstechnisch benachteiligten“ Abgeordneten beantworten.

Auf der anderen Seite machte man ebenfalls mobil: Abgeordnete erschienen demonstrativ ohne Krawatte. Und auch Tom Brake, der den Vorfall ausgelöst hatte, meldete sich wieder zu Wort. Man begebe sich doch auf dünnes Eis, wenn man sich Fragen von krawattenlosen Parlamentskollegen verweigere, appellierte er an seine Kollegen: Schließlich könnte das dazu führen, dass auch Abgeordnete nicht mehr Gehör fänden, die auf andere Art und Weise „kleidungstechnisch benachteiligt“ seien, wie etwa durch einen „zu farbenfrohen Schlips oder eine schrille Weste“.

Ein nicht von der Hand zu weisender Einwurf, denn einige Abgeordnete hatten in der Vergangenheit mit ihrem Mut zu ungewöhnlichen Accessoires für Diskussionen gesorgt.


Etwa der konservative Parlamentarier Nadhim Zahawi, aus dessen Krawatte während einer Parlamentsdebatte auf einmal eine blecherne Melodie erklang. Es sei eine „musikalische“ Krawatte, die er zur Unterstützung einer Kampagne gegen Krebs trage, entschuldigte sich der Abgeordnete. Und der angeblich so auf Traditionen bedachte Abgeordnete Bone erschien vergangenen Winter mit einer pink-rot-blau-weiß-gestreiften Inka-Mütze auf dem Kopf. Zu Ehren einer anderen Krebs-Kampagne, wie er sagte. T-Shirts mit politischen Parolen sind natürlich ebenfalls verpönt, waren aber bereits zu sehen.

Letztlich müsse man sich „angemessen“ kleiden, versuchte Parlamentspräsident Bercow den Streit zu beenden – eine Krawatte sei nicht Pflicht. Eine Spitze gegen den konservativen Minister Hayes konnte er sich nicht verkneifen: Er habe dessen Antrag auf Einstellung als „Stilpolizist“ an dem dafür geeigneten Platz abgelegt – dem Mülleimer, offenbar.

Ein Sieg für die Rebellen. Immerhin, seufzen traditionsbewusste Briten, ist auf das Oberhaus Verlass: Die Mitglieder des House of Lords hielten sich bisher im Kampf um die Krawatte vornehm zurück.