Der Kampf um die Arktis

Manche sprechen vom neuen Kalten Krieg, nur mit anderem Schauplatz: der Arktis. Der Wettlauf um die Erschließung des hohen Nordens hat längst begonnen und heizt die Rivalität zwischen den USA und Russland weiter an.


Der Festredner sah eine „neue Ära der Kooperation“ heranziehen. Er sei sich sicher, sagte er, dass Unternehmen, die in die Förderung von Öl und Gas in Russland investierten, „für viele Jahrzehnte erhebliches Wachstum“ bevorstünden. Der Festredner war der russische Präsident Wladimir Putin, der Ehrengast saß zu seiner Linken: Exxon-Chef Rex Tillerson. Putin verlieh dem texanischen Ölmanager 2013 die Freundschaftsmedaille, die höchste Auszeichnung, die Russland Ausländern gewährt.

Tillerson ist inzwischen zum Außenminister der USA, und im Weißen Haus regiert mit Donald Trump ein Mann, den der Kreml im Wahlkampf nach Kräften unterstützt hat. Und doch ist vom Geist der Kooperation nichts mehr zu spüren. Er ist einem Klima der Konfrontation gewichen. Die Rede ist von einem neuen Kalten Krieg.


Ein früherer deutscher Spitzendiplomat ergreift nun die Initiative, um die Sprachlosigkeit zwischen West und Ost zu überwinden. Ausgerechnet die Arktis dient ihm als Eisbrecher. „In Zeiten eines tiefen Zerwürfnisses zwischen Ost und West ist die Arktis neben der Raumfahrt eines der wenigen Themengebiete, in dem Ost und West gemeinsame Interessen haben und miteinander zusammenarbeiten können“, sagt Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz (MSC) und langjähriger Botschafter in den USA und Großbritannien. Dass es anders zu kommen droht, weiß er natürlich. Der Wettlauf um die Erschließung der Arktis hat längst begonnen, der hohe Norden könnte zur neuen Arena konkurrierender Großmächte werden.

Seit es Entdeckern vor etwa 100 Jahren gelang, bis zum Nordpol vorzudringen, verdammen extreme Wetterbedingungen in der Arktis die Staaten zu einer länderübergreifenden Zusammenarbeit. Der Klimawandel verändert auch das. Das dicke Eis im nördlichen Polarkreis schmilzt, die Arktis wird Schauplatz eines Wettbewerbs um Handelsrouten, Rohstoffe und militärische Macht. „Durch das Schmelzen des Polareises ergeben sich neue militärischen Möglichkeiten – vor allem für Russland“, warnt Ischinger in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.


Die Arktis habe für Moskau wegen ihrer großen Öl- und Gasvorkommen fast schon existenzielle Bedeutung. Außerdem wolle der russische Präsident Wladimir Putin den nördlichen Polarkreis dazu nutzen, um seine Raketenabwehr gegenüber dem Westen zu verstärken. „Das macht die Arktis zu einem militärischen Aufmarschgebiet“, warnt der Diplomat.

Die MSC hat an diesem Donnerstag in Reykjavik führende Wissenschaftler, Militärkommandeure und Politiker eingeladen, um über die Sicherheit in der Nordpolarregion zu diskutieren. Angesagt hat sich nicht nur der amerikanische Marine-Chef Richard Spencer, sondern auch Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon. Sogar China, Südkorea und Singapur haben Beobachter geschickt, weil die Nordwest-Passage durch die Arktis die globalen Handelsrouten nach Norden verschieben könnte. Das zeigt, wie der Klimawandel auch die globale Machtbalance beeinflusst.


Die Arktis als geopolitische Chance


Das wachsende Interesse an der Arktis bietet nach Ischingers Meinung aber auch die Chance zu neuen Formen der Kooperation. Zwar gebe es schon einen Arktischen Rat. Dieser sei „als Plattform für die Anrainerstaaten sehr wichtig, aber seine Möglichkeiten sind beschränkt, weil im Rat keine bindenden Entscheidungen getroffen werden können“, gibt Ischinger zu bedenken. So habe man dort nur mühevoll einen offenen Streit mit den Amerikanern über den Klimawandel vermeiden können. Besser wäre es daher, wenn Russland und die USA direkt ins Gespräch kämen und gemeinsame Interessen in der Region betonten.

„Wenn Moskau in der Ukraine-Krise mehr Entgegenkommen zeigen würde, könnten sich neue Möglichkeiten ergeben, um wieder enger mit den Amerikanern bei der Rohstoffexploration in der Arktis zu kooperieren“, sagt der MSC-Chef. Die Arktis sei also geopolitisch auch eine Chance. Das jüngste Angebot des Kreml, der Stationierung von Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen in der Ostukraine zuzustimmen, könnte darauf hindeuten, dass ein Umdenken in Moskau eingesetzt hat.

Russland ist auf amerikanische Expertise angewiesen, um die Pläne zur Erschließung der Arktis umzusetzen. Die Wirtschaftssanktionen des Westens treffen das Land hart. Es fehlt an Know-how, um in den Tiefen unter dem schmelzenden Polareis Rohstoffe zu fördern. Dabei sind es diese Reserven, die über das Wachstum des russischen Öl- und Gassektors entscheiden. Ein Viertel der bislang unerschlossenen Lagerstätten soll sich in arktischen Regionen befinden, etwa 80 Prozent davon in der Tiefsee.


Auch Washington hat längst erkennt, welche Schätze der hohe Norden beherbergt. US-Präsident Donald Trump hat vorsichtshalber das von seinem Vorgänger Barack Obama verhängte Verbot von Tiefseebohrungen in der Arktis aufgehoben. Auch wenn der Ölpreis im Moment niedrig ist, Tiefseebohrungen teuer sind und die USA sich mehr für Fracking auf dem Festland interessieren, haben die russischen Expansionspläne die Amerikaner hellhörig gemacht. Im Kongress bezeichnete US-Verteidigungsminister James Mattis die Arktis jüngst als „strategische Schlüsselregion“.

Bei der Militarisierung der Arktis ist Putin den Amerikanern allerdings um einiges voraus. Er hat dort nicht nur Tiefseehäfen und Forschungsanlagen ausgebaut, sondern zwei Brigaden in den Polarkreis verlegt und alte Militärflugfelder reaktiviert. Neue Militärbasen befinden sich im Bau. Darüber hinaus hat Moskau moderne Raketenabwehrsysteme in die Arktis verlegt – zum Schutz vor einer Aggression durch die Nato, wie es im Kreml heißt. Russlands nordische Flotte hat ihren Sitz in der Arktis und umfasst etwa zwei Drittel aller russischen Marine-Streitkräfte.

Die Nato steht nun unter Druck, auf die russische Herausforderung im Eismeer zu reagieren. Militärexperten wie Luke Coffey von der konservativen Heritage Foundation in Washington, fordern seit Jahren eine Antwort der Nato im hohen Norden. Das westliche Bündnis hat sich bislang jedoch noch nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen können. Dazu müsste man wohl auch Anrainer wie Finnland und Schweden mit ins Boot holen, die beide nicht Mitglied der Nato sind.

Ischinger warnt davor, sich auf einen Aufrüstungswettlauf mit den Russen einzulassen. „Es wäre nicht gut, wenn jetzt die Nato mit ihrem eigenen Arktis-Programm kommen würde. Das schürt in Moskau sofort Misstrauen“, mahnt der Diplomat. Die bisherige Zurückhaltung sei richtig. Genauso wie der Klimawandel in der Arktis die Rivalität zwischen Russen und Amerikanern anheizt, könnte er auch neue Kooperationsformen erzwingen. Nach Messungen von Geologen erwärmt sich die Erde in der Arktis doppelt so schnell wie anderswo. Bleibt es dabei, könnte Grönland komplett eisfrei werden und den Meeresspiegel kräftig steigen lassen. Eine Bedrohung für Küstenregionen in Russland und den USA.