Kampf dem Klimawandel: Google hilft Hirten, Indios, Stadtplanern

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(Bloomberg) -- In der Ferlo-Savanne im Senegal macht der Klimawandel es Hirten zunehmend schwieriger, Wasser für ihr Vieh zu finden. Im peruanischen Amazonasgebiet müssen indigene Stämme ständig auf der Hut sein, um illegale Holzfäller zu verjagen. In Los Angeles ringen Stadtplaner darum, wie man am besten 90.000 Bäume pflanzen kann, um die heißesten Stadtteile zu kühlen. Alle drei Gruppen setzen bei der Lösung ihrer Probleme auf eine wenig bekannte Tochter von Google, die eng mit Umweltschützern auf der ganzen Welt zusammenarbeitet.

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Google Earth Engine hat einen riesigen Fundus an Open-Source-Satellitenbildern erstellt und mit Datenanalyse-Software unterlegt. Die Kombination macht es für Außenstehende relativ einfach, eigene interaktive Karten zu erstellen. Ein Team von Wissenschaftlern durchpflügt riesige Datensätze, um entscheidende Klimafragen zu beantworten für Nutzer wie Naturschützer, Stadtbehörden, Gemeindevertreter und Forscher.

20.000 Bilddateien werden der Sammlung des Earth Engine-Teams jeden Tag hinzugefügt -- und es sind mehr als nur statische Fotos. Satelliten sammeln etwa detaillierte Informationen über die Bodenzusammensetzung in 30cm Tiefe und die Menge der aus Äckern verdunstenden Feuchtigkeit. Die Mitarbeiter helfen, relevante Informationen herauszufiltern: Per Funk erfahren Nomaden im Senegal, wo sie für ihre Kühe Wasser finden. Leuchtend rosa Punkte auf interaktiven Karten informieren die indigenen Peruaner darüber, wo gerade illegal Holz geschlagen wird. In Los Angeles informiert eine gemeinsame Website über die Stellen, an denen neue Bäume der Stadt wahrscheinlich am besten tun.

„Rohdaten reichen nicht”, sagt Rebecca Moore, die das Team leitet. “Regierungsvertreter sagen uns: ‘Wir ersticken in Daten, aber wir brauchen Erkenntnisse’“. Google Earth Engine soll Wissenschaftlern die Analyse von Daten erleichtern und ihnen helfen, auf Fragen zum Klimawandel in Minuten zu antworten statt in Jahren.

Obschon Amazon.com Inc. und Microsoft Corp. vergleichbare technische Dienste haben, macht nach Aussage von Nutzern der Service von Google allein durch die Anzahl der Arbeitsstunden, die Moores Mitarbeiter ehrenamtlich leisten, den Unterschied. Mikaela Weisse, Projektleiterin bei Global Forest Watch, einem Open-Source-Online-Tool, welches die weltweite Entwaldung überwacht, preist das „bemerkenswerte Maß an Transparenz und Informationen, die vorher nicht verfügbar waren“. Joe Morrison vom Satellitenbildunternehmen Umbra nannte Earth Engine den wichtigsten Beitrag zur Klimawissenschaft seit 50 Jahren.

Google wäre jedoch nicht Google, wenn seine Entwickler nicht auch an kommerziellen Anwendungen arbeiten würden. Im Oktober kündigte das Unternehmen eine kostenpflichtige Version des Dienstes an. Kunden sind bislang Unilever Plc und die Swiss Re AG. Moore sagt, damit könne Naturschutz vervielfacht werden.

Die Softwareentwicklerin kam 2005 zum Unternehmen, kurz nachdem es durch den Kauf von Keyhole die Grundlagen für Google Earth erworben hatte. Moore hatte zuvor Bekanntheit erlangt, weil sie mit Hilfe von Keyhole ein geplantes Entwaldungsprojekt in der Nähe ihres Grundstücks südlich von San Francisco verhinderte. Der örtliche Versorger wollte dort 1.000 Hektar Wald roden, doch Moores 3D-Karte illustrierte, wie das Projekt eine geschützte Wasserscheide und die Lebensräume gefährdeter Arten hätte schädigen können.

Moore wuchs in einer Aktivistenfamilie auf Long Island im Bundesstaat New York auf. Ihr Vater war Anwalt für Bürgerrechte und gewann 1964 einen aufsehenerregenden Fall, der einem Fernsehsender in Mississippi, der rassistische Beleidigungen ausstrahlte, die Sendelizenz entzog. Moores Bruder, ein Maler und Aids-Aktivist, half, das geschlungene rote Band, das zu einem internationalen Symbol der Krankheit wurde, populär zu machen.

Nachdem beide Männer innerhalb von sechs Monaten gestorben waren, machte Moore 2002 einen Schnitt und entschied, dass sie nicht zufrieden war mit ihrem bisherigen Leben als Programmiererin. Ihre Leidenschaft für das Bergsteigen - vom Himalaja bis Alaska - hinterließ bei Moore eine hohe Wertschätzung für gute Karten. Ihr Anti-Entwaldungsprojekt machte sie zu einer Expertin für die gerade aufkommende Technologie. Sie schickte Keyhole so viele Kommentare mit Vorschlägen zur Verbesserung der Software, dass Google ihre Einstellung zur Priorität machte, als das Unternehmen übernommen wurde.

Bei Google hat sich Moore viel mit der Kartierung von Umweltprojekten beschäftigt. Im Jahr 2008 fragte das Unternehmen seine Mitarbeiter nach möglichen philanthropischen Initiativen. Für Moore bot sich hier eine offensichtliche Chance: Jahrzehntelang hatten US-amerikanische und europäische Regierungssatelliten riesige Datenmengen über die Erde und ihre Atmosphäre gesammelt. Die Informationen, waren jedoch für die Öffentlichkeit praktisch unzugänglich, da sie auf Magnetspulen gespeichert in einem Berggewölbe in South Dakota lagerten. Ihre Digitalisierung „klang wie etwas, das Google tun sollte“, sagte Moore.

Bis Ende 2009 hatte sie mit zwei Kollegen eine Demoversion von Earth Engine erstellt, welche die Entwaldung Lateinamerikas in hochauflösenden Details fast in Echtzeit illustrierte. Im Laufe der Jahre beriet sie Al Gore sowie den Schauspieler und Umweltaktivisten Woody Harrelson. Aber es sind Aktivisten wie Gilberto Câmara, ein brasilianischer Forscher, der die Entwicklung der Satellitenüberwachung im Amazonasgebiet leitete, die zu Moores häufigsten Partnern wurden. In den letzten zehn Jahren ist ihr Team immer besser darin geworden, mit Aktivisten und Forschern, Geologen und Hydrologen zusammenzuarbeiten.

Unilever verwendet Earth Engine, um sicherzustellen, dass sein Palmöl, ein wichtiger Bestandteil vieler Konsumgüter, nicht von illegalem Holzeinschlag in tropischen Wäldern stammt. Das Unternehmen versucht, seine Lieferkette frei von Entwaldung zu halten und überwacht damit 17 Millionen Hektar Farmland und 1.900 Mühlen.

Manche Risiken sind weniger offensichtlich. Im Südsudan wurde Cloud to Street, ein Unternehmen, das Dürre- und Überschwemmungsgebiete in vom Klimawandel bedrohten Gemeinden kartiert, davor gewarnt, seine Karten zu veröffentlichen: Einheimische befürchteten, dass Banden von Plünderern aus Rebellengruppen im anhaltenden Bürgerkrieg sie nutzen könnten, um gefährdete Dörfer ins Visier nehmen. „Transparenz ist nicht immer gut“, sagt Beth Tellman, Chief Science Officer von Cloud to Street.

Cloud to Street verwendet seit Jahren Google Earth Engine, um seiner eigenen Website zu helfen, Intensität, Dauer und Auswirkungen von Überschwemmungen in der Republik Kongo vorherzusagen. Kern des Algorithmus sind die Earth Engine-Daten. Cloud-to-Street-Nutzer können eine Karte des Gebiets sehen, Wasserstände beobachten und Hinweise über blockierte Straßen oder andere Gefahren auf ihre Telefone geschickt bekommen.

Cloud to Street hat so der Republik Kongo und anderen Ländern geholfen, die Daten zu sammeln, die erforderlich sind, um eine Überschwemmung zum nationalen Notfall zu erklären - ein Prozess, der sonst Monate dauert und Voraussetzung für manch internationale Hilfe ist. Mit seiner Hilfe konnte darüber hinaus ein Lager mit 11.000 Flüchtlingen in einem tief gelegenen Teil des Landes geräumt werden, bevor 2019 eine Flut kam und seine Reste vollständig fort riss.

Im amerikanischen Westen, vielerorts ausgetrocknet, haben die meisten Bundesstaaten keine Möglichkeit zu messen, wieviel Wasser verbraucht wird. OpenET, eine neue Website, die Earth Engine nutzt, kann aufzeigen, wie viel Wasser Feld für Feld verbraucht wird. Landwirte und lokale Beamten verwenden sie, um die Menge an Wasserdampf zu ermitteln, die von der Oberfläche und den Blättern der darauf wachsenden Pflanzen aufsteigt. Das dient als grober Maßstab dafür, wie viel Wasser je Grundstück verbraucht wird.

Für viele Fans von Earth Engine besteht die größte Sorge darin, dass Google ihnen das Programm weg nimmt, oder es prohibitiv bepreist. Moore verspricht, dass dies nicht passieren werde. Und der Dienst stünde noch am Anfang seiner Entwicklung.

Überschrift des Artikels im Original:Google Turns Satellite Imaging Into Key Tool for Climate Change

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