Kampf dem Kartenbetrug

Betrugsfälle bei Giro- oder Kreditkarten werden weniger – doch Verbraucher verhalten sich häufig fahrlässig. Banken verweigern den Betrugsopfern deshalb oft Schadensersatzzahlungen. Worauf Verbraucher achten sollten.


Bargeldlos zu bezahlen, ist bequem und einfach. Doch noch immer fürchten viele Verbraucher, dass ihnen die Giro- oder Kreditkarte geklaut wird und ihr Geld dann weg ist. Ein Drittel aller Verbraucher sind bereits Kartenbetrug zum Opfer gefallen, das ergab eine globale Erhebung von ACI Worldwide, einem Anbieter von elektronischen Bezahlsystemen. Der Diebstahl von persönlichen Daten trifft viele Verbraucher hart. Etwa 40 Prozent der Betrugsopfer gaben an, das betroffene Konto nach dem Missbrauch weniger häufig zu verwenden. „Diebstahl von Kontoinformationen ruft ein schlechtes Gefühl hervor, gerade wenn der Betrug nicht vom eigenen Finanzinstitut erkannt wird.“, sagt Jay Floyd, Betrugsexperte bei ACI Worldwide. Er sieht die Banken in der Verantwortung, die Betrugsopfer über die Situation aufzuklären und zu beruhigen. Verbraucher können aber bereits im Vorfeld viel tun, damit es gar nicht erst zu einem Betrug kommt.

17 Prozent der Befragten in Deutschland gaben an, sehr unglücklich über die Behandlung seitens der Bank nach einem Betrugsfall gewesen zu sein. Jeder Fünfte wechselte daraufhin das Finanzinstitut. Mehr als zehn Prozent aller Nutzer von Konten sind der Meinung, dass ihre Bank sie nicht vor Kartenbetrug schützen kann. In der Realität wird sehr viel getan, um das elektronische Bezahlen sicherer zu machen. Banken, Polizei und Sicherheitsfirmen verbessern Systeme, entwickeln neue Bezahlkanäle und treiben die Aufklärung voran, um Kriminellen den Zugriff auf Daten zu erschweren.


Das war nicht immer so: Lange waren Giro- und Kreditkarten nur mit einem Magnetstreifen ausgestattet. Das machte es Verbrechern sehr leicht, Dubletten anzufertigen und die Karte trotz Sperrung seitens der Bank weiterzuverwenden. Doch seit einigen Jahren werden fast nur noch Karten mit EMV-Chip ausgegeben, welcher die Duplizierung der Karte nahezu unmöglich macht. Auch die Einführung von Sicherheitsstandards im Onlinehandel, wie „3D Secure“ bei der Kreditkartennutzung, führte zu einer Senkung der Betrugsfälle.

Insgesamt werden die Anfragen bei der Verbraucherzentralen aber weniger – die ergriffenen Maßnahmen entfalten ihre Wirkung. „In den meisten Fällen geht es um geklaute Girokarten,  mit denen dann Geld abgehoben wird“, berichtet Eva Raabe, leitende Beraterin bei der Verbraucherzentrale Hessen. Entdeckt der Karteninhaber nach dem Diebstahl der Karte ungewöhnliche Abhebungen, sollte er diese umgehend bei der Bank sperren lassen. Dennoch ist oftmals schon ein Schaden in vierstelliger Höhe entstanden. Der Bruttoschaden von Kartendiebstahl beläuft sich in Deutschland aktuell auf 15,7 Millionen Euro, über 12.000 Fälle wurden 2016 in Deutschland gemeldet.

Grundsätzlich haften Banken für den entstanden Schaden, in der Realität sieht das häufig anders aus. Aus den Protokollen der Geldautomaten kann die Anzahl der Fehlversuche bei der Pin-Eingabe ausgelesen werden. Wurde bei der Abhebung die korrekte Pin-Nummer verwendet, geht die Bank davon aus, dass der Karteninhaber die Geheimzahl zusammen mit der Karte aufbewahrt hat und wirft ihm grobe Fahrlässigkeit vor. „Meist bestreiten Verbraucher diese Tatsache“, sagt Raabe. Doch Richtern reicht dieser Anscheinsbeweis meist aus, um den Banken Recht zu geben, soweit diese alle zumutbaren Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben.


Laut der ACI-Studie bewahren 10 Prozent aller Deutschen ihre Girokarte und den zugehörigen Pin gemeinsam auf. In Italien trägt sogar noch jeder Fünfte einen Zettel mit Geheimzahl mit sich herum. Für Kay Görner, Marktwächter bei der Verbraucherzentrale Sachsen, sei es dennoch falsch, den Verbrauchern laufend grobe Fahrlässigkeit vorzuwerfen. „Es kann eigentlich jeden treffen, sodass jeder angehalten ist, sorgsam mit seinen Daten umzugehen. Aber auch das hilft nicht immer.“, sagt er.

Nichtsdestotrotz bemängeln Sicherheitsexperten das fahrlässige Verhalten vieler Verbraucher. Nutzer von Karten und Online-Banking können sich bis zu einem gewissen Grad selbst vor Betrug schützen – beispielsweise mit der Wahl eines komplexen Passwortes. „Unangefochten weltweit auf Platz eins liegt leider nach wie vor die Zahlenreihe 123456, obwohl automatische Cracker solche simplen Passwörter als Erstes und blitzschnell ermitteln“, sagt Christoph Meinel, der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts. In Deutschland wird dagegen das Passwort „hallo“ bevorzugt verwendet, sollte die Webseite nicht strengere Reglements fordern.


Was beim Online-Shopping gefährlich ist


Mehr als die Hälfte aller Verbraucher weltweit verhält sich fahrlässig, obwohl sie schon einmal Opfer von Kartenbetrug wurden. Das macht es für Betrüger einfacher, Kontodaten zu klauen. Oft erscheinen Verhaltensmuster nicht bedeutsam, doch allein das Handy ohne Sperre liegen zu lassen, kann Betrüger auf einfachem Weg zu persönlichen Daten verhelfen. Zwölf Prozent aller Befragten in Deutschland gaben an, Dokumente mit Kontodaten oder anderen persönlichen Informationen auf regulärem Wege zu entsorgen. Dabei sollen Kontoauszüge, Briefe der Bank und Rechnungen im Idealfall geschreddert oder wenigstens zerrissen werden.

Auch Onlinebanking oder -shopping über einen Computer, der keine Sicherheitssoftware installiert hat oder öffentlich zur Verfügung steht, ist für Betrüger ein gefundenes Fressen. Verbraucherschützerin Raabe rät ebenfalls davon ab, über Internetseiten einzukaufen, die keine sicheren Bezahlarten anbieten. Auch die Funktion „Sofortüberweisung“, die viele Onlinehändler verwenden, hält Raabe für bedenklich in Bezug auf die Haftung: „Die AGBs vieler Banken verbieten die Weitergabe der Pin und Tan an Dritte und haften in diesem Fall nicht. Bei der Sofortüberweisung tut man genau das.“ 


Nicht immer geschieht die Entwicklung neuer Bezahlkanäle zugunsten des Verbrauchers. Oftmals mangle es an Expertise und Kontrolle, kritisiert Betrugsexperten Floyd. Ein aktueller Trend ist die Verwendung von Near Field Communication (NFC). Verbraucherschützerin Raabe sieht bei dieser Technologie ein potentielles Sicherheitsproblem. Die neuen NFC- Chips ermöglichen etwa das „kontaktlose Bezahlen“: Die Karte wird lediglich vor ein Lesegerät gehalten und Beträge bis 25 Euro können ohne Unterschrift und ohne Pin-Eingabe beglichen werden. Viele Verbraucher nutzen bereits Karten mit integriertem NFC-Chip, ohne sich zuvor darüber zu informieren. Denn bei erstmaliger Nutzung aktiviert sich der Chips von alleine, sagt Raabe. Ebenfalls kritisiert sie: „Banken müssten in Bezug auf die NFC-Technik mehr informieren.“

Ebenfalls warnt Betrugsexperte Floyd davor zu unterschätzen, wie einfach Kartenbetrug funktioniert. Im Darknet, ein Bereich des Internets, der über reguläre Suchmaschinen nicht gefunden werden kann und nahezu komplett verschlüsselt ist, gibt es beispielsweise für 2,99 Dollar eine „Betrugs-Bibel“. Diese Anleitung führt in präziser Darstellung langsam an die verschiedenen Methoden des Kartenbetrugs heran: Ein lohnendes Kosten-Nutzen-Verhältnis für Betrüger.


Auch Kriminelle ändern also ihre Methoden und passen sich laufend an Neuerungen an. So registriert das Bundeskriminalamt seit einigen Jahren einen Rückgang der Fälle von manipulierten Geldautomaten. Im Jahr 2011 wurden noch 1296 Vorfälle registriert, 2015 dagegen nur noch knapp 190. Experten führen diesen Rückgang auf die Einführung der EMV-Technologie zurück. „Das Geschäft ist für Täter nicht mehr lukrativ. Aufwand und Ertrag stehen in keinem guten Verhältnis für Betrüger“, sagt Margit Schneider, Leiterin des Sicherheitsmanagements bei Euro Kartensysteme. Dafür stellte das Bundeskriminalamt einen deutlichen Anstieg „ von besonders schweren Fällen des Diebstahls durch Sprengung von Geldautomaten“ fest: 2016 verdoppelte sich die Zahl an versuchten und ausgeführten Sprengungen an Geldautomaten nahezu auf 286 Fälle in Deutschland.

Allerdings: Die besten Sicherheitsvorkehrungen schützen nicht vor Betrug, wenn Verbraucher fahrlässig mit ihren Daten umgehen. Karteninhaber sollten stets ihre Kontoauszüge im Auge behalten, um unberechtigte Abbuchungen frühzeitig zu entdecken. Auch sollten sie in jedem Fall auf Auffälligkeiten am Geldautomaten achten, sagt Görner. Auch bei Banken und Sicherheitsfirmen besteht noch Optimierungsbedarf. Immerhin lässt eine sinkende Betrugsrate darauf schließen, dass Vorkehrungen langsam ihre Wirkung entfalten.

KONTEXT

Wie Kunden Betrügereien am Geldautomaten erkennen

Automat checken

Manchmal genügt schon ein genauer Blick auf das Gerät, rät die Verbraucherzentrale NRW. Ist am Karteneinzug ein wackliger Vorbau angebracht oder kommt Ihnen die Tastatur etwa aufgrund falscher Beschriftung merkwürdig vor, waren wahrscheinlich kriminelle Bastler am Werk. Informieren Sie gleich einen Bankmitarbeiter oder die Polizei. Es folgen weitere Tipps der Verbraucherschützer.

Ins Gebäude gehen

Meiden Sie nach Möglichkeit außen liegende Bankautomaten, gerade an Wochenenden. Diese können von Betrügern leichter manipuliert werden als Geräte im Schaltervorraum. Vorsicht angebracht ist aber auch an den Türöffnern, die per Karte bedient werden. In keinem Fall wird dort die Eingabe der PIN verlangt!

Anzeige abdecken

Verdecken Sie bei Eingabe Ihrer Pin die Tastatur mit der Hand. So können die Daten weder von einer hinter Ihnen stehenden Person, noch von einer heimlich installierten Minikamera abgefangen werden.

Wartezeit einhalten

Gibt der Geldautomat nicht sofort die gewünschten Scheine aus, sollten Sie noch einige Zeit warten. Manche Geräte brauchen etwas länger. Wer sich bereits 20 Sekunden nach Rückgabe der Karte davon entfernt, kann jedenfalls nicht behaupten, der Automat sei defekt (AG Düsseldorf, Beschluss v. 11.2.1998, Az.: 48 C 20333/97).

Protokoll von der Bank einfordern

Kommt bei einem Abhebungsversuch auch nach mehreren Minuten kein Geld heraus, empfiehlt die VZ NRW, von der Bank das Auszahlungsprotokoll zu verlangen. Dort müssen auch die unmittelbar vor und nach Ihrem Auszahlungsvorgang getätigten Barabhebungen vermerkt sein. Bei Unstimmigkeiten im Protokoll haben Sie gute Chancen, wieder an Ihr Geld zu kommen. Sie können sich auch das Wartungsprotokoll vorlegen lassen und auf Unregelmäßigkeiten prüfen.

Mögliche Täter ermitteln

Fragen Sie die Bank nach Name und Anschrift der Person, die nach Ihnen am Automaten Geld abgehoben hat. Vielleicht hat Ihr "Nachfolger" das Geld mitgenommen. Wenn sich die Bank unter Hinweis auf das Bankgeheimnis weigert, über einen Kunden Auskunft zu geben, hilft möglicherweise eine Strafanzeige (gegen Unbekannt) bei Polizei oder Staatsanwaltschaft weiter.

Zeugen suchen

Informieren Sie sich auch über die Namen der Bankmitarbeiter, die den Automaten befüllt oder den Kassenabschluss vorgenommen haben. Diese könnten in einem späteren Prozess hilfreiche Zeugen sein, wenn es zum Beispiel technische Probleme gab. Allerdings sollten Verbraucher ohne Rechtsschutzversicherung aufgrund des hohen Kostenrisikos besser von einem Rechtsstreit absehen. Lassen Sie sich diesbezüglich von der Verbraucherzentrale oder einem Anwalt beraten.

Kontoauszüge

Kontrollieren Sie regelmäßig Ihre Kontoauszüge. Auch ohne Skimming-Gefahr ist das für jeden Bankkunden eine Pflichtaufgabe.