„Kampf gegen Grünheide“: VW will sein Stammwerk in Wolfsburg radikal umbauen, um gegen Tesla und die Konkurrenz aus China zu bestehen

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VW-Konzernchef Herbert Diess (links) mit seinem Markenchef Ralf Brandstätter
VW-Konzernchef Herbert Diess (links) mit seinem Markenchef Ralf Brandstätter

Donnerstagabend um 17 Uhr im Werksforum in Wolfsburg. VW-Chef Herbert Diess und Markenchef Ralf Brandstätter stehen Seite an Seite auf der Bühne. Es ist ernst. Die Marke, der Konzern geraten auf dem Weltmarkt zunehmend unter Druck. Nicht nur bei der Elektrifizierung und Digitalisierung eilt der größte Autobauer der Welt hinter Konkurrenten hinterher. Auch bei der Produktivität verliert VW den Anschluss. Bleibe alles beim Alten, so die eindringlichen Worten von Diess, sei VW nicht mehr wettbewerbsfähig.

In der Krisensitzung schwört das Duo die wichtigsten Entscheider auf eine Revolution in Wolfsburg ein: „Wir tragen große Verantwortung für diesen Standort“, sagt Diess. „Wir müssen den neuen Wettbewerb annehmen.“ Diess fordert Geschlossenheit bei der bevorstehenden Herausforderung. "Wir brauchen Lebenswillen und einen Ruck am Standort", sagt er. Was er damit meint? Einen radikalen Umbau des Stammwerks in Wolfsburg, eine Operation am offenen Herzen von Volkswagen. Demnach sollen alte Gebäude abgerissen, neue Produktionshallen gebaut werden, um die Abläufe effizienter zu machen.

Tesla, aber auch die vielen neuen chinesischen Hersteller produzieren günstiger und schneller. Dabei wird die Qualität ihrer Fahrzeuge immer besser, erreicht mittlerweile europäische Standards. Konsequenz: Laut Auto-Experten der Unternehmensberatung Kearney haben sich schon mehr als 70 Prozent der chinesischen Kunden entschieden, ihr nächstes Premium-Fahrzeug bei einem chinesischen Hersteller zu kaufen. Gründe: Top-Qualität, günstiger Preis. Aus ihrer Sicht können deutsche Modelle wie der ID.4 nicht mithalten.

Markenchef Brandstätter, dem nicht das allerbeste Verhältnis zum Konzernchef nachgesagt wird, pflichtet Diess in der Krisenrunde bei: Es sei dringend notwendig, dass die Weichen in Wolfsburg neu gestellt würden, so Brandstätter. Der künftige Wettbewerb mit der neuen Gigafactory von Tesla werde brutal. Der Elektroauto-Pionier würde neue Maßstäbe bei der Autoproduktion setzen. So wird ein Tesla 3 in zehn Stunden gebaut, mehr als dreimal so schnell wie ein VW ID.3 in Zwickau. Damit befindet sich Tesla in einer anderen Dimension, was Produktivität und Profitabilität angeht.

"… uns unseren Standort nicht von Grünheide kaputt machen lassen"

Während VW auf dem deutschen Markt noch gut dasteht, zeigen sich die Defizite bereits auf den Weltmärkten. In Deutschland liege VW mit sechs Modellen unter den Top-10, so Brandstätter. In der EU ohne Deutschland habe man aber kein einziges Produkt mehr unter den TOP 10.

Die große Zukunftshoffnung für den Standort Wolfsburg ist das Projekt Trinity: ein E-Auto, das 2026 auf den Markt kommen soll. Diess macht klar: „Trinity muss den Standort auf ein neues Wettbewerbsniveau heben, muss ihn revolutionieren. Auch mit neuen Prozessen." Allerdings gehen dem Vorstand die bisherigen Entwürfe für das Projekt nicht weit genug. Die Chefetage fordert viel radikalere Lösungen, um den Standort Wolfsburg zu retten. Diess: „Es geht am Ende auch um Arbeitsplätze, die wir hier haben. Über die Arbeitsplätze entscheiden nicht der Herr Diess oder der Aufsichtsrat oder die Belegschaftsvertreter. Darüber entscheidet der Kunde und der Kunde kauft das Produkt, das mehr Qualität, mehr Features für einen besseren Preis bietet. Deshalb müssen wir den Kampf aufnehmen, angreifen und uns unseren Standort nicht von Grünheide kaputt machen lassen.“

Dass Diess gerne an der Kostenschraube dreht, ist bei Volkswagen nicht neu. Dass er sich für seine Pläne Ralf Brandstätter an die Seite zieht, zeugt aber von einer Lernkurve. Der Markenchef gilt innerhalb des Unternehmens als sehr beliebt, pflegt einen guten Draht zum mächtigen Betriebsrat. Und nur mit der Unterstützung der Arbeitnehmervertretung dürfte die Revolution in Wolfsburg schnell gelingen.

Die Aussichten stehen nicht schlecht. Nach dem Abgang von Betriebsratschef Bernd Osterloh, mit dem sich Diess erbitterte Machtkämpfe geliefert hat, scheint sich auch der Kurs verändert zu haben. So fordert die neue Betriebsratschefin Daniela Cavallo nach Informationen von Business Insider plötzlich ein weiteres E-Auto für das Wolfsburger Stammwerk. Für das neue Wolfsburger Stammwerk?

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