Kampf der Fahnen


Manchmal komme ich mir vor, wie in einem schlechten Traum. Vor zehn Tagen war in Spanien die Welt noch in Ordnung. Gut, das Land hat verunsichert auf das geplante Referendum in Katalonien geschaut. Aber dass der Tag, an dem es stattfand, am Sonntag den 1. Oktober 2017, das Land so nachhaltig erschüttern würde, hat niemand erwartet.

Seitdem ist Spanien im Aufruhr. In Bars, Cafés und Restaurants gibt es nur noch ein Thema. Nahezu im Tagesrhythmus bevölkern Zehntausende die Straßen – mal als Demo für die Abspaltung Kataloniens, mal gegen den Zerfall Spaniens.

Ich war in den vergangenen Wochen viel in der wunderschönen Region am Mittelmeer. Jeden Abend um 22 Uhr ertönt dort in den Straßen das, was die Spanier als Kochtopfkonzert bezeichnen. Katalanen stehen mit Holzlöffel und Topf auf ihrem Balkon oder am Fenster und schlagen Alarm.

Es ist ihre traditionelle Form des Protestes. Autos und Motorräder stimmen mit rhythmischem Hupen ein. Seit dem 20. September geht das so, dem Tag als in Barcelona 14 separatistische Politiker und Beamte festgenommen wurden. Die spanische Regierung versucht damit, Beweise gegen diejenigen zu sammeln, die das illegale Referendum vorbereiteten. Die Kochtopfkonzerte sind ein Beispiel dafür, wie stark die Wut der Separatisten ist und wie sehr sie sich als Gemeinschaft sehen, die sich gegenseitig anspornt.


An den Balkonen hängen bereits seit langem zahlreiche separatistische Flaggen und Fahnen mit dem Wort „Sí“ – Ja zur Unabhängigkeit, Ja zum eigenen Staat. Als ich ein paar Tage nach dem Referendum wieder zurück nach Madrid gefahren bin, war ich froh, diese ganze nationalistische Symbolik hinter mir zu lassen. Ich bin spät abends im Dunkeln nachhause gekommen und als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster guckte, konnte ich es kaum glauben: Ich sah lauter spanische Nationalflaggen.

Nun hatten auch meine spanischen Nachbarn ihren Nationalstolz aktiviert. Eine Familie hat eine Flagge aufgehängt, die so groß ist, dass sie über zwei Balkone reicht und das Tageslicht komplett aussperren muss. Diese Dunkelheit scheint für meine Nachbarn nichts zu bedeuten im Vergleich zu den finsteren Aussichten, die eine tatsächliche Abspaltung der Region mit sich bringen würde.

Aber es ist nicht nur ein Kampf der Symbolik und der Fahnen. Der Streit nimmt zum Teil bedenkliche Ausmaße an. Ein Katalane, der gegen die Unabhängigkeit ist, schickte mir eines Abends ein Foto über Whatsapp. Es zeigte seinen Briefkasten, bei dem Nachbarn das Namensschild entfernt und stattdessen „raus“ an die Stelle geschrieben hatten. Solche Episoden erinnern an das gruseligste Kapitel der deutschen Geschichte. Sie zeigen die große Gefahr, die darin liegt, dass Katalonien als Region in Befürworter und Gegner der Abspaltung gespalten ist. Kurioserweise waren die Gegner bisher in den Umfragen stets leicht in der Mehrheit.


Trotz aller Eskalation kann oder will ich mir nicht vorstellen, dass es je zu einem veritablen Bürgerkrieg kommt, wie das Land ihn vor nicht allzu langer Zeit bereits einmal erlebt hat. Zu aufgeschlossen scheinen die Spanier und zwar alle, zu menschlich, zu kontaktfreudig, zu offen und zu tolerant. Weder bei den Demonstrationen der Separatisten noch bei denen der Gegner gab es Ausschreitungen. Angesichts der hitzigen Debatten, die allerorten zu hören sind, ist das fast schon ein Wunder. Allein die spanische Regierung hat mit dem brutalen Polizeieinsatz am Referendumstag diese Friedfertigkeit aufgegeben.

Aber vielleicht irre ich mich auch. Vielleicht ist diese stolze und mit vielen Dickköpfen versehene Nation gerade dabei, in ein Verderben zu rennen, aus dem sie lange nicht heraus kommt. Das jedenfalls fürchten viele. Der Katalane, dessen Briefkastenschild nun fehlt, fasst das so zusammen: „Du sitzt im Park. Deine Kinder spielen mit ihren Freunden. Nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber eigentlich weißt Du, das ist alles nur Schein. Ich komme mir manchmal vor wie in dem Orchester auf der Titanic – das Schiff geht unter, aber sie spielen immer weiter.“