Nachwuchskritik! Kahn fehlt ein deutscher Donnarumma

Martin Volkmar
Oliver Kahn fehlt der Torhüter-Nachwuchs in Deutschland

Seit über einem halben Jahr fällt Manuel Neuer mittlerweile aus.

Das für Januar geplante Comeback des Bayern-Kapitäns nach seiner Mittelfußoperation verschiebt sich immer weiter nach hinten.

Zuletzt erklärte Jupp Heynckes, er rechne im April mit Neuers Rückkehr auf den Platz. Wann der Nationaltorwart aber wieder ein Pflichtspiel bestreiten kann, ist offen.

Inzwischen stellen einige Experten sogar Neuers Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Russland in Frage. (SERVICE: Der Spielplan der WM)

SPORT1 sprach mit Ex-Welttorwart Oliver Kahn über Neuers Situation, die Rolle von Marc-Andre ter Stegen und die Rangfolge im DFB-Team. Dabei beklagt der einstige Bayern-Kapitän fehlende Torwarttalente in Deutschland.

SPORT1: Herr Kahn, sehen Sie eine Gefahr, dass Manuel Neuer die WM verpasst?

Oliver Kahn: Vor der letzten Europameisterschaft war er im Vorfeld auch verletzt. Da hat er gezeigt, dass er nicht viel Spielpraxis, sondern eine gewisse Sicherheit braucht. Dann kann er relativ schnell auch auf hohem Niveau spielen. Diesmal ist es allerdings ein bisschen anders.


SPORT1: Warum?

Kahn: Erstens ist er zwei Jahre älter geworden und zweitens braucht er diesmal auch Vertrauen, ob der Fuß wirklich hält. Ich glaube schon, dass er eine gewisse Zeit an Vorlauf benötigt. Daher sollte er in der Bundesliga noch das eine oder andere Spiel machen.

SPORT1: Sehen Sie einen bestimmten Zeitpunkt, wann er zurückkehren muss?

Kahn: Irgendwann wird es auch für den Trainer schwierig. Der FC Bayern setzt ihn natürlich nicht unter Druck, aber irgendwann fragt sich der Trainer auch, wann kann ich ihn denn überhaupt noch bringen, gerade wenn es in die Endphase der Champions League geht. Es ist im Moment eine prekäre Situation.


SPORT1: Wenn Manuel Neuer nicht zur WM fahren könnte, wäre Marc-Andre ter Stegen ein adäquater Ersatz?

Kahn: Marc-Andre kann jederzeit eine WM spielen. Er hat sich in Barcelona durchgesetzt und dort auch extrem weiterentwickelt. Er war schon immer ein guter Fußballer, aber jetzt hat er ein unglaublich hohes Niveau – das alles unter extremem Druck von außen. Denn der Verein hat die höchsten Ziele.

SPORT1: Also machen Sie sich auf der Position keine Sorgen?

SPORT1: Marc-Andre ist Champions-League-Sieger. Er hat also den nötigen Background, den man für die Nummer eins in der Nationalmannschaft braucht. Er hat sich über den Confed Cup in die Mannschaft entwickelt, das heißt, er ist jetzt wirklich in der Nationalmannschaft angekommen. Er hat dort Stabilität und Selbstvertrauen entwickelt, sodass ich keine Bedenken hätte, wenn er die WM spielen sollte.

SPORT1: Ist er schon auf dem gleichen Level wie Neuer?

Kahn: Natürlich ist Manuel Neuer der Welttorwart seit vielen Jahren. Und er ist der Weltmeister. Das ist etwas anderes, wenn so ein Mann auf dem Platz steht – allein für den Gegner. Das muss sich Marc-Andre noch erarbeiten, das hat ihm Manuel Neuer noch voraus.


SPORT1: Wen sehen Sie hinter den beiden als Nummer 3?

Kahn: Das ist gar nicht so einfach. Wenn Neuer fit wird, sind die Nummer eins und die Nummer zwei klar. Dahinter ist es momentan sehr, sehr schwer. Kevin Trapp hat gegen Frankreich ein sehr gutes Länderspiel gemacht. Aber bei Paris spielt er nicht. Und Jogi Löw möchte einfach, dass die Spieler regelmäßig zum Einsatz kommen. Bernd Leno ist mal super gut, dann wieder nicht. Er ist ein Licht-und-Schatten-Torwart.

SPORT1: Müsste dann Sven Ulreich mit zur WM fahren, wenn Neuer ausfallen sollte?

Kahn: Wenn diese Konstellation eintritt, dann macht es immer Sinn, über einen Torwart nachzudenken, der auf höchstem Niveau gespielt hat - eben in der Champions League. Das tut Sven Ulreich und das sehr solide und verlässlich. Es spricht nur eine Sache dagegen.

SPORT1: Und zwar?

Kahn: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Jogi Löw meistens Leute mitgenommen hat, die schon das eine oder andere Länderspiel gemacht haben und die auch schon im Kader gewesen sind. Dass er jemand völlig Fremdes mitnimmt, kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre auch ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die jetzt immer bei der Nationalmannschaft dabei waren.


SPORT1: Sehen Sie ansonsten Alternativen?

Kahn: Die Nummer drei sollte für mich eigentlich immer ein ganz junger Spieler sein. Einer, dem man zutraut, vielleicht in einigen Jahren mal die Nummer eins zu werden. Einer, den man dazuholt und ihn Stück für Stück heranführt. Meine Frage ist: Wo ist der denn?

SPORT1: Sehen Sie da ein Problem?

Kahn: Mittlerweile spielen in der Bundesliga auch sehr viele ausländische Torhüter, ich glaube, fast 50 Prozent, wenn nicht mehr. Ich stelle mir schon die Frage: Wo ist eigentlich der nächste 20-jährige Donnarumma in Deutschland? Ich sehe ihn im Moment weit und breit nicht.

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