Kader-Check: Muss der FC Bayern um seine Ziele bangen?

·Lesedauer: 6 Min.
Kader-Check: Muss der FC Bayern um seine Ziele bangen?
Kader-Check: Muss der FC Bayern um seine Ziele bangen?

So ruhig war es im Sommer selten in München. Ist es vielleicht sogar zu ruhig?

Nach der Europameisterschaft wird es auf dem Transfermarkt erst so richtig heiß. Europas Top-Spieler haben nun Zeit, Gespräche zu führen und über Wechsel zu verhandeln. Nach dem ein oder anderen Mega-Deal - wie dem von Jadon Sancho zu Manchester United -kommt der Dominoeffekt auch erst richtig in Fahrt.

Doch an der Säbener Straße will man von Dominoeffekten und Blockbuster-Transfers nichts wissen. Im Gegenteil: Herbert Hainer machte im Interview mit der tz und dem Münchner Merkur klar, dass die Transferbemühungen - Stand jetzt, wie man im Fußball so schön sagt – abgeschlossen sind. Die klare Message: Der Kader steht.

Doch reicht der Kader tatsächlich aus, um die ambitionierten Ziele des deutschen Rekordmeisters zu erreichen? SPORT1 macht den Check.

Doppelpass on Tour“: Deutschlands beliebtester Fußballtalk geht auf große Deutschlandtour! Auftakt in Mainz und Frankfurt am 11. und 12. August - weitere Tourtermine und Tickets unter www.printyourticket.de/doppelpass oder unter der Ticket-Hotline (Tel. 06073 722740; Mo.-Fr., 10-15 Uhr)

Die Erwartungshaltung an Nagelsmann ist hoch

Bevor man bewertet, ob der Kader zum Erreichen der Ziele genügt, muss man die Ziele kennen. „Meister und Pokalsieger ist Pflicht, in der Champions League ist das Halbfinale Minimum - alles andere ist kein Erfolg“, machte Stefan Effenberg die Marschroute im SPORT1-Podcast „Lieber Fußball“ klar.

Tatsächlich ist die Erwartungshaltung mindestens so groß, wie in den letzten Jahren. Immerhin ist mit Julian Nagelsmann nun ein Trainer in der Verantwortung, der eine - in München zuletzt viel zitierte - Ära prägen soll. Der junge Coach weiß, auf was er sich eingelassen hat. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Die Vorbereitung ist für Nagelsmann durch Verletzungen und EM-Urlauber aber nicht leicht. Immerhin: Die erste Elf der Bayern stellt sich fast von selbst auf.

Abwehr als Problemzone Nummer eins

Manuel Neuer wird zwischen den Pfosten stehen - so viel ist sicher. Mit dem Keeper, den sie in München ausnahmslos den besten der Welt nennen, sind die Bayern wie immer gut aufgestellt. Backup Sven Ulreich ist in seiner Rolle bereits erfahren.

In der Sturmspitze gibt es für Nagelsmann ebenfalls kein Problem. Mit Lewandowski wird kein geringerer als der Weltfußballer stürmen. Wenn er eine Pause braucht, dann steht Eric Maxim Choupo-Moting bereit, der diesen Job erledigen kann. Das hat er bewiesen. Als dritte Option würde derzeit auch noch Joshua Zirkzee bereitstehen. Der junge Niederländer könnte aber noch wechseln.

„Im Tor und im Sturm mache ich mir wenig Gedanken“, sagte Mario Basler bei SPORT1 - und dürfte damit mit den meisten Bayern-Fans auf einer Wellenlänge surfen.

In der Abwehr sieht es hingegen eher noch nach Baustelle aus. Wenn alle Spieler fit sind, dann dürfte Nagelsmann in einer Viererkette auf Alphonse Davies (links), Lucas Hernández, Dayot Upamecano (beide mitte) und Benjamin Pavard (rechts) setzen. Doch Davies und Hernández sind verletzt und werden noch länger ausfallen. Und genau bei den Überlegungen, wie die Viererkette denn dann aussehen sollte, dürften auch Nagelsmann die ersten Zweifel kommen, dass der Kader für einen weiteren Angriff auf ein Triple gefestigt ist.

DAZN gratis testen und die Bundesliga auf Abruf erleben | ANZEIGE

Abwehrreihe klingt nicht nach Champions-League-Halbfinale

Der logische Backup für Hernández wäre Niklas Süle, der bei den Bayern mittlerweile alles andere als unumstritten ist. Eigentlich ist der 25-Jährige sogar ein Verkaufskandidat. Verletzungen warfen ihn ebenfalls oftmals zurück. „Süle weiß, worauf es jetzt ankommt“, meint Basler: „Daher habe ich keine großen Bauchschmerzen in der Abwehr. Es bleibt aber ein flaues Gefühl.“

Eine weitere Alternative in der Innenverteidigung ist Tanguy Nianzou. Der 19-Jährige ist aber noch unerfahren, absolvierte in der vergangenen Saison nur sechs Bundesligaspiele - auch verletzungsbedingt. Süle, Hernández und Nianzou hatten allesamt zuletzt mit Verletzungen zu kämpfen. Bei Nagelsmann wird das wohl durchaus Bauchschmerzen auslösen.

Auf der linken Seite ist Omar Richards wohl als Ersatz von Davies eingeplant. Der 23-Jährige hat noch kein einziges Spiel in einer ersten Liga absolviert. Er kam in diesem Sommer vom englischen Zweitligisten FC Reading. Die aktuelle Abwehrreihe würde wohl so aussehen: Richards, Süle, Upamecano, Pavard. So wirklich nach Champions-League-Halbfinale klingt das nicht.

Das eigentliche Weltklasse-Mittelfeld die größte Baustelle des FC Bayern?

Das Mittelfeld der Bayern ist in den letzten Jahren neben Lewandowski der Hauptgrund für den Erfolg gewesen. Auch für Nagelsmann stehen großartige Optionen zur Verfügung: Defensiv kann er auf Joshua Kimmich und Leon Goretzka bauen, vor ihnen dürfte Thomas Müller gesetzt sein. Über die rechte Seite steht Serge Gnabry zur Verfügung. Links hat der 33-Jährige die Qual der Wahl - Kingsley Coman oder Leroy Sané?

Dass dieses Mittelfeld Weltklasse ist, darüber gibt es keine Diskussion. Die Frage ist: Was passiert, wenn sich einer dieser Spieler verletzt?

So wirklich viele Alternativen hat Nagelsmann dann nicht. Im defensiven Mittelfeld stünden noch Marc Roca und Corentin Tolisso zur Verfügung. Roca hat sich in der Vorbereitung verletzt, Tolisso sollte eigentlich aussortiert werden. Nicht ausgeschlossen, dass er die Münchner noch verlässt. Das ist schon verdammt dünn.

Fast noch dünner sieht ist im offensiven Mittelfeld aus, in dem sich das flaue Gefühl von Basler in echte Bauschmerzen verwandelt. „Sané und Gnabry waren bei der EM zwei Totalausfälle“, stellt er bei SPORT1 klar. Ihn lässt aber hoffen, dass Gnabry im Bayern-Trikot eigentlich bessere Leistungen bringt.

Bei Sané ist Basler kritischer: „Er wird bei Nagelsmann eine Steigerung von ungefähr 60 Prozent hinlegen müssen. Man hat ihm klargemacht, dass es das Jahr der Entscheidung ist. Man wird nun sehen, ob er das ewige Talent beim FC Bayern bleibt.“

Statt Müller könnte Supertalent Jamal Musiala spielen. Das klingt nicht schlecht, der 18-Jährige ist aber noch sehr unerfahren. „Ich weiß, dass man beim FC Bayern auf ihn steht. Ich bin fest davon überzeugt, dass Julian ihn noch besser macht und er eine der ersten Optionen im offensiven Mittelfeld ist“, sagt Basler.

Eine weitere Option wäre Michael Cuisance. Wenn er unter Nagelsmann keine Leistungsexplosion zeigt, ist er allerdings kaum eine Alternative.

Die Ziele des FC Bayern sind in Gefahr

Außen wird es nach Coman, Sané und Gnabry auch eng. Alle drei Spieler wurden in den letzten Jahren nicht von Verletzungen verschont. Alle drei zeigen schwankende Leistungen, wie Nagelsmann im kicker selbst bemängelte - und eine Steigerung forderte. Alleine wenn einer ausfällt, bleibt Nagelsmann eigentlich keine wirklich gute Option von der Bank.

Nagelsmann hat die Situation längst analysiert - das ist klar. Er glaubt, dass mit seiner Mannschaft alles möglich ist. Im Interview mit dem kicker räumt er aber auch eine Einschränkung ein: „Wenn alle gesund sind, dann sind wir international absolut wettbewerbsfähig.“

Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn sich der ein oder andere Leistungsträger verletzt, dann sind die ambitionierten Ziele des FC Bayern in großer Gefahr. Und wenn das Team verletzungsfrei durch eine komplette Spielzeit kommt, dann sollte Nagelsmann vielleicht auch mal einen Lottoschein ausfüllen.


Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.